Wien/Bloomberg/Jaz. Yanis Varoufakis hatte schon immer eine Vorliebe dafür, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. So sagte er bereits Anfang Februar 2010 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters über die niedrige Steuermoral der Griechen: „Dieses Verhalten ist hierzulande endemisch.“ Ein Jahr später musste auch der ehemalige griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou einräumen, dass 900.000 Griechen dem Staat rund 41 Mrd. Euro schulden würden, dieses Geld aber nicht eingetrieben werden könne, weil die Finanzbehörden „nicht wie im Norden“ funktionieren würden.
Auch Ende 2011 sorgte Varoufakis in Griechenland für Aufsehen. Mit dem partiellen Schuldenschnitt wurde de facto wahr, was er seit über zwei Jahren prognostizierte: dass Griechenland insolvent sei und „Konkurs“ anmelden müsse, um innerhalb der Eurozone verbleiben zu können. Seine öffentlichen Aussagen machten ihn zu einer nationalen Berühmtheit.
Doch nicht alle Griechen wollten die bitteren Wahrheiten des Athener Wirtschaftsforschers hören. Und so kam es immer öfter vor, dass Varoufakis auf der Straße angepöbelt wurde. Als seine Frau eines Tages zu Hause das Telefon abnahm, schallten ihr Drohungen gegen ihren Mann und dessen Familie entgegen. Schlussendlich stellte sie ihn vor eine Wahl: Entweder er gehe in die Politik, oder sie müssten das Land verlassen.
Yanis Varoufakis hat sich für den zweiten Weg entschieden. Die University of Texas bot ihm – vermittelt über einen Exkollegen, der bereits ins Ausland gegangen ist – einen Lehrstuhl an. Varoufakis handelt damit wie viele andere griechische Akademiker, die – auch ohne öffentliche Anfeindungen – in ihrem Land keine Perspektive mehr sehen. So wollen laut Umfragen 53 Prozent aller Griechen im Studentenalter ihre Heimat verlassen, 17 Prozent schmieden sogar bereits konkrete Pläne.
Angst vor Online-Griechenland
Doch zumindest seine Erfahrungen aus Griechenland kann Varoufakis in seinem neuen Leben nützen. So arbeitet er neben seinem Job an der University of Texas inzwischen auch für den US-Online-Spieleanbieter Valve. Dessen Kunden bezahlen die Spiele mit einer virtuellen Währung. „Die Firma bat mich, ihre ,Online-Volkswirtschaft‘ zu studieren, damit sich dabei keine Währungsblase bildet“, so Varoufakis.
Yanis Varoufakis war Professor für Ökonomie an der Universität Athen. In dieser Funktion beklagte er sich über die schlechte Steuermoral seiner griechischen Mitbürger und plädierte für einen „Konkurs“ des insolventen Staates. Dies führte zu öffentlichen Anfeindungen. Nun verließ er das Land. [Internet]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2012)
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