20.05.2013 10:14 Merkliste 0

Hilfspakete „demokratisch untragbar“

15.06.2012 | 18:43 |  MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Präsident Toomas Hendrik Ilves warnt davor, die Geduld der deutschen Wähler zu strapazieren, und rechnet im Falle eines Syriza-Siegs mit Kapitalflucht aus Griechenland.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Presse: Dem Linksbündnis Syriza werden gute Chancen eingeräumt, die griechische Parlamentswahl zu gewinnen. Parteichef Tsipras verspricht den Wählern, das Sparprogramm über Bord zu werfen und zugleich in der Eurozone zu bleiben. Was halten Sie davon?

Toomas Hendrik Ilves: Zunächst einmal Folgendes: Unser BIP pro Kopf ist niedriger als das von Griechenland, das durchschnittliche Monatseinkommen liegt zehn bis 15 Prozent unter dem griechischen Mindestlohn. Das Parlament in Tallinn hat dennoch für den europäischen Rettungsschirm gestimmt, obwohl laut Umfragen 75 Prozent der Esten dagegen waren. Unsere Politiker verhielten sich solidarisch, aber es ist auf längere Sicht demokratisch nicht tragbar, dass ein armes Land einem reicheren aus der Patsche hilft.

Sie sprechen vom armen Estland, aber die Forderungen werden momentan an das reiche Deutschland gerichtet.

Gegenfrage: Glauben Sie, dass die Deutschen ihr Vertrauen einer Regierung aussprechen werden, die derartigen Forderungen nachgibt?

Wahrscheinlich nicht.

Und genau das ist die Crux. Ich kann nicht für Deutschland sprechen, doch was ich aus deutschen Medien herauslese, ist, dass die Öffentlichkeit zunehmend gegen weitere Hilfen ist. Aus Athen hört man immer wieder, die Sparvorgaben der Troika seien undemokratisch. Aber wie demokratisch ist es, von Deutschland Geld zu verlangen, ohne auf die deutschen Wähler Rücksicht zu nehmen?

Unzufriedenheit mit Südeuropa wird nicht nur in Deutschland artikuliert, sondern auch in Skandinavien, im Baltikum oder in Polen. Erleben wir gerade eine Teilung der EU in einen nördlichen und einen südlichen Block?

Ich bin mir da nicht so sicher. In manchen Ländern Westeuropas gibt es immer noch eine arrogante Haltung gegenüber dem vermeintlich primitiven Osten. Es ist schon frustrierend, wenn man sich an alle Spielregeln hält und dann miterleben muss, dass ausgerechnet jene, die einen abschätzig behandelt haben, die Regeln brechen.

Sie sprechen doch von einem alten Konflikt. Schließlich hat Osteuropa momentan eine gute Presse.

Nein, diese Spaltung ist noch nicht überwunden. Schauen Sie sich die EU-Agrarpolitik an: Wie ist es zu erklären, dass wir einerseits einen Binnenmarkt haben und anderseits die alten EU-Mitglieder dreimal so hohe Agrarzuschüsse bekommen wie die Balten? Oder dass im diplomatischen Dienst der EU Osteuropäer kaum vertreten sind? Es stimmt schon, Polen und Estland kommen momentan gut weg – aber nur, weil Medien bevorzugt über Ungewöhnliches berichten. Und Verantwortungsbewusstsein scheint dieser Tage eine ungewöhnliche Tugend zu sein. Leider.

Sie glauben also nicht, dass die Krise eine Neuausrichtung innerhalb der Union nach sich ziehen wird?

Die gleich gesinnten Länder reden mehr miteinander als früher. Allerdings stimmt die Gesinnung nicht mit den institutionellen Arrangements überein. Es ist ein Problem, wenn es auf der einen Seite Euromitglieder gibt, deren Finanzgebarung nichts mit den Regeln zu tun hat, und auf der anderen Seite Länder wie Polen draußen sind, obwohl sie budgetpolitisch mehr mit Deutschland oder Finnland gemein haben als manche Euroländer.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise hat Estland mit einer Härte gespart, die in Südeuropa undenkbar erscheint. Ist der Süden zu dekadent für Reformen?

Ich weiß es nicht. Ich würde auf jeden Fall nicht so weit gehen, jemandem Dekadenz vorzuwerfen. Als die Finanzkrise ausbrach, hatten wir nicht die Möglichkeit, bei der EZB um Hilfe zu rufen. Wir mussten Ausgaben kürzen. Dass daraufhin die Regierung im Amt bestätigt wurde, spricht dafür, dass die weit verbreitete These, Wähler würden Sparmaßnahmen nicht mittragen, falsch ist. Aber vielleicht stimmt sie ja, und wir Esten sind einfach nur ein schrulliges Volk.

Zurück nach Griechenland: Sollte Tsipras gewinnen und sein Wahlversprechen einlösen – wie wird das Eurozonen-Mitglied Estland darauf reagieren?

Ich glaube, dass es unabhängig von einer europäischen Reaktion Probleme geben wird. Das Kapital wird Griechenland verlassen, und am Ende wird Athen den Geldverkehr einschränken müssen – und damit EU-Verträge brechen. Es wäre falsch zu glauben, die Mitglieder der Eurozone bräuchten nur zustimmend nicken und die Krise wäre damit entschärft.

Das bedeutet also, dass sich der Prozess nicht mehr aufhalten lässt, falls die Linke die Wahl gewinnt.

Da sollten Sie sich besser an die Experten der „Financial Times“ wenden. Die kennen die Antwort vielleicht. Ich bin kein Banker.

Auf einen Blick

Toomas Hendrik Ilves, Jahrgang 1953, ist seit 2006 das Staatsoberhaupt von Estland. Davor war der Sozialdemokrat unter anderem Außenminister, EU-Parlamentarier und Botschafter Estlands in den USA. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

9 Kommentare
Gast: Margot Wesshart
16.06.2012 13:06
1 1

Ilves ist kein Banker

Nanuu, Ilves sagt, er sei kein Banker, aber wie müssen wir dann seine Twittern an Paul Krugman bewerten? THI (so wird Präsident in Estland abgekürzt) ist Psychologe. So denke ich, hat Staatsoberhaupt etwas daneben getwittert. Nächtliche Beleidigungen gegen Nobel-Preisträger gehören nicht zu Präsidenten-Staatsprogramm.

Estland hat zwar einen guten Staatshaushalt vorzuweisen, aber er sagt kein Wort zu den Armen. Ein Rentner muss mit westlichen Preisen und mit einem Monatseinkommen von 200-400 Euro zurecht kommen. Die Menschen wandern aus, pro Tag werden 20 Kinder abgetrieben. So denke ich, THI soll zuerst die Probleme Estlands lösen und dann über die Probleme in Griechenland reden.

Estland hat auch sehr viel Hilfe aus EU bekommen, schon vor der Eintritt in die EU. Schon vergessen? Die Esten haben über ihre Verhältnisse gelebt, sie haben mit billigen Krediten teuere Wohnungen, Luxusautos und Superreisen gekauft. Man wollte alles haben, leider ging es schief. Schuld ist nicht die Finanzkriese, in Estland wäre auch ohne globale Kriese alles zusammengebrochen.
Darüber redet aber Ilves natürlichlich aber nicht

Gast: EUdSSR-Demokratur
16.06.2012 11:04
1 1

Die supranational agierende EU, deren Entscheidungen hinter verschlossenen Türen im Rat fallen, die nichteinmal ein echtes Parlament hat, ist insgesamt eine völlig undemokratische Diktatur zur Durchsetzung der Konzerneinteressen+Milliardärsinteressen gegen die ausgepreßten Steuerzahler und die Konsumenten.

Da Deutschland auch 67 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges noch immer keinen Friedensvertrag hat und daher von den USA erpreßbar ist und über das "special relationship" der USA mit GB regieren die USA undemokratisch jedoch mit starker Hand auch über ihrer Medien-Manipulationsmacht kräftig in der EU mit. Die dadurch völlig entmündigten EU-Bürger müssen nur zahlen, zahlen, zahlen...

Wir wollen ein freies, unabhängiges, starkes Europa der Regionen.

Daher schleunigst raus aus dem Pleite-Euro und der gänzlich unfähigen, immer nur gegen die Interessen der Bürger agierende EU-Diktatur!

Im Falle Griechenlands müssen wir für die null Steuern zahlenden Reeder-Milliardäre und die von Risikozuschlägen superst profitierenden Bankster mit massivsten Einbußen zahlen! Der Bürger muß also wegen der EU-Diktatur die Milliardäre subventionieren. Diese werden immer reicher und wir Workaholics können uns kaum mehr die "Hofer"-Einkäufe leisten!

Daher rascher Euro- und EU-Austritt aus Notwehr!

Denn unsere Politkasperln sind nur Büttel Brüssels.


Gast: Gruftmaus
16.06.2012 10:47
0 0

schnell weg

Mit der Herrschaft a la ESM beginnt das Zittern der Bürger um ihr Erspartes.
Es kann binnen Minuten entwertet, gestohlen oder nie existent gewesen sein.
Jahrzehntelange Mühe ist dann auf einen Schlag einfach futsch.
Schnell weg, rette sich wer kann.

Gast: badbanksmacht
16.06.2012 10:04
0 0

da kommens aber bald drauf- dass diese billionen banken und finanzmärktesubventionen aus steuergeldern undemokratisch und für ganz europa friedensgefährdend sind. das muß er mal faymann und der bankelobbypartei SPÖ mitteilen.


Gast: eumirror
15.06.2012 23:24
0 0

die irrwitzigen abermilliarden finanzhilfen für die banker und finanzmärkte sind demokratisch untragbar, no na-was den sonst. - der sozialistische estnische präsident soll das mal faymann und der SPÖ mitteilen- die wollen mit allen mitteln volksabstimmungen verhindern und as volk nur mehr zahlen lassen - bisher erfolgreich, dank der krone.


Sag zum Abschied leise Servus

http://regionaut.meinbezirk.at/schoenkirchen-reyersdorf/wirtschaft/goodbye-euro-d201491.html

Goodbye Euro oder Goodbye Souveränität, beides ist auf Dauer nicht vereinbar.

Die ganze EU ist demokratisch untragbar!

Das EU-Parlament ist für den Hugo, weil sie nichts zu Entscheiden hat. Der EU-Rat wird von zwei Ländern dominiert! Über die Querverbindung zur USA und den Bilderberger gar zu schweigen.

Die UDSSR wäre mir wesentlich sympathischer, die haben zumindest noch einen Funken für das eigene Volk getan. Doch die EU kann gar nichts für ihr eigens Volk tun, weil Sie kein Volk hat.

Antworten Gast: @daniel4free
16.06.2012 01:40
0 0

Re: Die ganze EU ist demokratisch untragbar!

Es ist auch auffallend, dass sich die Machthaber im Westen heute hinter verschlossenen Türen treffen, und die wichtigen Entscheidungen bei NachtundNebel, völlig vorbei an jeder Demokratie und auch Berichterstattung, getroffen werden!

Sogar in der UdSSR konnnte jeder Sovjetbürger sehen, wer die Macht hatte;
trotz aller fehlenden Demokratie waren wenigstens die machtlinien klar, und auch die Verantwortlichkeit.

Doch heute - dieses unwürdige Schauspiel:
"unser" Bundeskanzler etwa muss geheim, und von den Massenmedienverschwiegen, zum Bilderberger-treffen fahren, um sich dort die Befehle fürs nächste jahr abzuholen.

Entwürdigend, und dass uns dann solche Befehlsempfänger als "demokratisch gewählte Staatsoberhäupter" verkauft werden.
Das grenzt an Betrug.

Und - die Machtlinien verlaufen von der FED, über die Banken und Bilderberger, direkt an die "Führendn" Politiker (die eher wie Fililalleiter eines Privatkonzernes auftreten als wie frei gewählte Volksvertreter)!

Kurzum, warum haben die es nötig, sich zu verstecken wie gemeine Kriminelle?

Ich will ja garnciht so weit gehen, um sie mit Kriminellen gleichsetzen, aber diese Tatsache lässt weitreichende Schlüsse zu!

Nur - solche Fragen werden in den Mainstream-medien NIE gestellt, es wird NIE gefragt, WARUm unser BK sich etwa völlig geheim und ominös beim BB-Treffen melden muss.

Da wird nur berichtet - Failmann war bei BB - Schluss!

Das zeigt dass Journalisten feige sind, denn zentrale Fragen werden ausgeklammert!

Antworten Gast: eumirror
15.06.2012 23:26
0 0

Re: Die ganze EU ist demokratisch untragbar!

Doch die EU kann gar nichts für ihr eigens Volk tun, weil Sie kein Volk hat.
dafür hat die eu die bankenlobby, die finanzmärkte und den euro- und damit ruiniert sie ganz europa´wie man sieht.

Eurokrise - Die Begriffe

  • Was ist die Eurokrise? Ein Rückblick auf die Ursachen mehr...

    EFSF Der Rettungsschirm und wie er funktioniert mehr...

    Hebel für EFSF Wie man aus sehr viel Geld noch viel mehr Geld macht. mehr ...

    EFSM Der Mechanismus für Finanzstabilisierung und seine Aufgaben mehr...

    ESM Der Europäische Stabilitätsmechanismus soll 2013 den EFSF-Fonds ablösen. mehr ...

    Eurobonds Was gemeinsame EU-Anleihen bezwecken und wie sie funktionieren sollen. mehr ...

    EZB Die EZB ist Hüterin des Euro und soll eine geringe Inflation garantieren. Zumindest bis jetzt. mehr ...

    Waffen der EZB Was die "Bazooka" ist und welche anderen Waffen die Zentralbank hat. mehr ...

    IWF Der IWF ist die Finanzfeuerwehr der Vereinten Nationen und massiv an den Hilfsaktionen in Europa beteiligt. mehr ...

    Ratingagenturen Die wichtigsten Agenturen und deren Bewertungen. mehr ...

    SPIV Das Special Purpose Investment Vehicle soll die Finanzierung in Euroländern erleichtern. mehr ...

    Troika Die Troika ist eine Gruppe von Experten von EZB, IWF und EU-Kommission. mehr ...

    G20 Die 20 größten Wirtschaftsmächte repräsentieren zwei Drittel der Weltbevölkerung. mehr ...

    PSI Beim Private Sector Involvement geht es um die Beteiligung des Privatsektors an der Krisenlösung. mehr ...

    CDS Kreditausfallsversicherungen werden unter anderem dann fällig, wenn ein Land pleite ist. mehr ...

    Sekundärmarkt Der Sekundärmarkt ist der Markt, auf dem die bereits in Umlauf befindlichen Wertpapiere gehandelt werden. mehr ...

    OMT OMT ist die Abkürzung für Outright Monetary Transactions. Dahinter verbirgt sich das von der EZB am 6.September 2012 beschlossene neue Kaufprogramm von Staatsanleihen der Krisenländer. mehr ...