19.06.2013 08:37 Merkliste 0

EU-Milliarden warten auf Griechenland

19.06.2012 | 18:12 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Mindestens 11,5 Milliarden Euro an Subventionen stehen Athen zu: Schnelles Geld, das die griechische Bürokratie allerdings kaum oder gar nicht abruft.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Brüssel. Preisfrage: Was tun die Bürokraten eines zahlungsunfähigen Landes, wenn ihnen freundlich gesinnte Helfer aus dem Ausland mehrere Milliarden Euro schenken wollen? Antwort: Sie tun nichts. Zumindest erweckt die öffentliche Verwaltung Griechenlands diesen Eindruck. Denn allein in den Brüsseler Geldtöpfen für Strukturpolitik sind für die Griechen bis Ende 2013 mindestens 11,5MilliardenEuro reserviert. Dieses Geld soll 181 Projekte finanzieren, von denen sich die Fachleute von EU-Regionalkommissar Johannes Hahn und ihre Ansprechpartner in Athen besonders rasches Wachstum und neue Arbeitsplätze versprechen.

Doch nicht nur während des dreimonatigen Wahlkampfes stand die Arbeit an diesen Investitionsvorhaben praktisch still. Schon zuvor, als es formal handlungsfähige Ministerien gab, funktionierte der Geldfluss aus dem EU-Budget zu den griechischen Unternehmen so schlecht wie in keinem anderen EU-Staat. Fast vom ersten Tag seines Amtes an musste Hahn bei öffentlichen Anlässen darauf hinweisen, dass kein EU-Land so viel Geld in Brüssel liegen lässt wie Griechenland.

Mit großem Aufwand versucht die Kommission seit zwei Jahren, diesen Missstand zu beheben. So schaffte sie die Kofinanzierungsvorgaben für Griechenland mehr oder weniger ab. Das bedeutet, dass Athen für Fördergeld aus Brüssel so gut wie kein eigenes Steuergeld beisteuern muss.

 

Tomaten nach Athen tragen

Ein Luxus, den viele andere arme Länder der Union ebenfalls gern genießen würden. Und dennoch nehmen die Griechen das Geschenk nicht an. Ein Beispiel: 4,9 Milliarden Euro stellt die EU allein zur Förderung kleiner und mittelgroßer Betriebe bereit. Sie könnten genau jenes bewegliche Kettenhemd bilden, das der griechischen Volkswirtschaft und vor allem ihren Exporten eine positive Zukunft sichert. Doch bis November 2011 hatte Athen gerade einmal 566 Millionen Euro davon abgefragt, stellte eine Griechenland-Sondergruppe in der Kommission betrübt fest. Weiteres Beispiel: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird. Bis Ende 2011 nutzten die Griechen gerade einmal elf Millionen Euro dieser Summe.

Mittlerweile hat Athen unter starker Mithilfe Brüssels zwar aufgeholt und 35 Prozent jener 20,4 Milliarden Euro abgerufen, die dem Land in den Jahren 2007 bis 2013 unter dem Titel der Kohäsionspolitik aus dem EU-Haushalt zustehen. Das zeigt aber auch, dass immer neue Geldtransfers aus den Taschen der anderen Euroländer Griechenlands Wirtschaft nicht aufpeppen können.

Dazu braucht es jene Strukturreformen, für die ein hoher EU-Amtsträger am Dienstag in Brüssel folgendes Beispiel zitierte: „Wenn man zehntausende Euro für eine Frächterlizenz zahlen muss, dann ist es logisch, Tomaten aus den Niederlanden nach Athen zu fliegen, statt sie per Lkw innerhalb Griechenlands zu transportieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

13 Kommentare
Gast: EU=Wahnsinnsbürokratie, nur für Eingeweihte
21.06.2012 19:28
0 0

Oft ist der Aufwand, um die EU-Gelder zu bekommen, teurer als die Höhe der Förderung

Vor allem, wenn KMUs erst mit dem Papierlwahnsinn rund um die Förderbürokratie beginnen müssen.

Gast: EU = echt unzumutbar
21.06.2012 08:28
0 0

Virus morbus Griechenlandensis

Wegen der unglaublich zeitaufwändigen und daher kostspieligen da überaus umfangreichen Dokumentation, die für jeden Finanzierungsantrag - dessen Resultat wegen der Brüsseler Bürokratie oft längerfristig ungewiß bleibt - noch dazu auf Englisch zu verfassen ist, verzichten auch in Österreich viele KMUS lieber auf das Geld aus Brüssel. Oftmals müssen extra 2-3 Angestellte geheuert werden, welche 1-3 Monate nur mit Datenerhebungen, Statistiken, Entwirrung des bürokratischen Labyrinths, zahlreichen längerdauernden Sitzungen und Gesprächen, teuren Dienstreisen beschäftigt sind. Diese unverhältnismäßig teuren Vorauskosten können sich viele kleinere Unternehmen insbesondere in Krisenzeiten nicht leisten. Viele scheitern überdies am mangelnden Fachenglisch für z.B. branchenspezifische, sehr spezielle technische Termini, wobei oft auch Übersetzungsbüros nicht weiterhelfen können. Außerdem wissen viele gar nicht, wofür es speziell Gelder aus Brüssel gibt (Kommunikationsproblem). Es ist in der Praxis also oft ein Horror, an Brüsseler Geld heranzukommen. Viele mit Bürokratie wenig vertraute Nichtmasochisten tun sich diesen Spießrutenlauf daher lieber nicht an. Einzig die bestorganisierte Mafia ist sehr versiert im Abkassieren. In Südeuropa profotiert daher vor allem die Mafia, beraten von teuren Rechtsanwälten und Experten, vom Steuergeldsegen aus Brüssel. So gesehen ist es wieder vorteilhaft, je weniger Steuergeld im korrupten Griechenland versickert.


Gast: africano
20.06.2012 17:27
0 0

Was ist los ,mit dem Erdgas und Öl,

welches im Meeresboden vor Griechenland dahin schlummert ?

1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird

Wenn ich schon unbedingt 1,3Mrd. in Form von Krediten loswerden will ist es völliger Schwachsinn, dieses Geld durch Banken sickern zu lassen (die ja nur einen Teil des Geldes ohne Gegenleistung ausfiltern).
Das ist Planwirtschaft der übelsten Sorte.

Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird

Nein, ist es nicht. Es geht hier, vereinfacht gesagt, um Ausfallshaftungen, mit denen Banken das Risiko der Kreditvergabe an KMU verringert wird.

Freundlichen Gruß, OG

Re: Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird

Danke für die Aufklärung. Ich nehme die "übelste Sorte" zurück;-)
In diesem Fall wäre das dann aber ohnehin eine gute Nachricht. Weil´s ja genauso bedeuten kann, dass es eben fast keine Kreditausfälle gibt - so ganz ohne Aussage über das Vergabevolumen.

Re: Re: Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird

Ist aber leider eine schlechte Nachricht. Die bekanntlich ziemlich angeschlagenen griechischen Banken vergeben kaum noch Kredite an KMU, und selbst dieser Anreiz kommt kaum bei ihnen an. Hoffen wir, dass sich das bessert, sobald das zweite Hilfsprogramm umgesetzt wird. Es sieht ja auch einen großen Betrag zur Rekapitalisierung der Banken vor. Erst wenn die stabilisiert sind, können sie wieder als Transmissionsriemen zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft funktionieren.

Re: Re: Re: Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird

Hab ich mir doch gedacht, dass das einen Haken hat;-)
Danke auf jeden Fall für die Präzisierung, was denn nun die Ursache für das Nicht-Ausschöpfen des Topfes ist.

0 0

Re: Re: Re: Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird


Sind die 18 EFSF-Milliarden, die die Griechen für ihre Banken erst Ende Mai 2012 bekommen haben, schon verpufft (oder haben sie sich in die Schweiz verflüchtigt)?

Die Hellenen zocken Rest-Europa ohne Ende ab und Sie schreiben von den nächsten Hilfspaketen.


Re: Re: Re: Re: Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird

Gerade gelesen, dass die griechischen Banken weitere 31 Mrd. Euro bräuchten.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: anderswo
20.06.2012 18:56
1 0

Re: Re: Re: Re: Re: 1,28 Milliarden Euro stehen aus einem EU-Programm zur Verfügung, mit der die Kreditvergabe von privaten Geschäftsbanken an Kleinbetriebe gefördert wird


Die Rettung wird schon wieder angefordert, tatü tata

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/06/20/neues-finanzloch-griechenland-will-31-milliarden-euro-von-der-eurogruppe/

0 0

Re: Aus 1 Mrd mach 31 Mrd (es müssen ja auch eine Menge Nomenklaturisten befriedigt werden)!


Na servas!

Statt einer Milliarde 31 Milliarden!

Die nehmen uns aus wie eine Weihnachtsgans!


2 2

Die Eu als umgekehrte Anton-Proksch Institiut

agiert im Bezug auf Griechenland so:

Sie stellen den Erwerbsbetrüger und schweren Säufer von zweifach auf dreifach gebrannten Ouzo um und übernehmen die Kosten für den Fusel.
An der grundlegenden systemischen Problematik wird sich nach 180 Jahren erfolgreichem Durchlavieren Griechenlands als erfolgreicher Dauer- defraudant in unserer Lebenszeit dort auch nichts ändern.

Beweis ist die Zusammensetzung der neuen alten Regierungsmannschaft.- Die Eu will den Teufel nicht mit dem Belzebub sondern versucht ihn mit dem Teufel auszutreiben.
Tante Jolesch kennt das Resultat.

Eurokrise - Die Begriffe

  • Was ist die Eurokrise? Ein Rückblick auf die Ursachen mehr...

    EFSF Der Rettungsschirm und wie er funktioniert mehr...

    Hebel für EFSF Wie man aus sehr viel Geld noch viel mehr Geld macht. mehr ...

    EFSM Der Mechanismus für Finanzstabilisierung und seine Aufgaben mehr...

    ESM Der Europäische Stabilitätsmechanismus soll 2013 den EFSF-Fonds ablösen. mehr ...

    Eurobonds Was gemeinsame EU-Anleihen bezwecken und wie sie funktionieren sollen. mehr ...

    EZB Die EZB ist Hüterin des Euro und soll eine geringe Inflation garantieren. Zumindest bis jetzt. mehr ...

    Waffen der EZB Was die "Bazooka" ist und welche anderen Waffen die Zentralbank hat. mehr ...

    IWF Der IWF ist die Finanzfeuerwehr der Vereinten Nationen und massiv an den Hilfsaktionen in Europa beteiligt. mehr ...

    Ratingagenturen Die wichtigsten Agenturen und deren Bewertungen. mehr ...

    SPIV Das Special Purpose Investment Vehicle soll die Finanzierung in Euroländern erleichtern. mehr ...

    Troika Die Troika ist eine Gruppe von Experten von EZB, IWF und EU-Kommission. mehr ...

    G20 Die 20 größten Wirtschaftsmächte repräsentieren zwei Drittel der Weltbevölkerung. mehr ...

    PSI Beim Private Sector Involvement geht es um die Beteiligung des Privatsektors an der Krisenlösung. mehr ...

    CDS Kreditausfallsversicherungen werden unter anderem dann fällig, wenn ein Land pleite ist. mehr ...

    Sekundärmarkt Der Sekundärmarkt ist der Markt, auf dem die bereits in Umlauf befindlichen Wertpapiere gehandelt werden. mehr ...

    OMT OMT ist die Abkürzung für Outright Monetary Transactions. Dahinter verbirgt sich das von der EZB am 6.September 2012 beschlossene neue Kaufprogramm von Staatsanleihen der Krisenländer. mehr ...