New York/Wien (höll). In den USA geht die Angst vor einer Banken-Pleitewelle um. Laut der „New York Times“ hat die amerikanische Finanzaufsicht eine Liste mit 90 Banken zusammengestellt, die von der Krise mit faulen Immobilienkrediten bedroht sind. Namen wurden nicht genannt, denn dies hätte einen „Run“ der Kunden auf die Institute ausgelöst.
Damit könnte sich die Finanzkrise weiter verschärfen. In den vergangenen Tagen hat es gleich drei Institute erwischt. Wie berichtet brach am Wochenende die größte US-Bausparkasse Indymac zusammen. Um das Schlimmste zu verhindern, wurde das Institut in einer Blitzaktion verstaatlicht. Dies wird die amerikanischen Steuerzahler voraussichtlich bis zu acht Mrd. US-Dollar kosten.
Gestern hat die US-Regierung ein milliardenschweres Rettungspaket für die Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae angekündigt. Die Dramatik lässt sich daran erkennen, dass beide Institute Schuldverschreibungen im Volumen von insgesamt fünf Billionen US-Dollar in ihren Büchern stehen haben, was mehr als einem Drittel des US-Bruttoinlandsprodukts entspricht.
Börsen reagieren erleichtert
Im Falle einer Pleite würde ein Kollaps des US-Häusermarktes drohen, weil Freddie und Fannie den Markt für Hypotheken nach dem Rückzug vieler Banken derzeit fast alleine am Laufen halten. Knapp die Hälfte des US-Hypothekenmarktes laufen über die beiden nun in Turbulenzen geratenen Institute.
Brisant sind auch die Auswirkungen auf das globale Finanzsystem. Unter anderem halten ausländische Notenbanken, die meisten davon in Asien, Anleihen der beiden US-Immobilienfinanzierer im Volumen von knapp einer Billion Dollar.
Allein die russische Notenbank hält solche Wertpapiere in Höhe von 100 Mrd. Dollar. Auch die Europäische Zentralbank soll davon betroffen sein.
Zur Beruhigung kündigte US-Finanzminister Henry Paulson am Montag ein umfassendes Rettungspaket für Freddie und Fannie an. Es sieht im Kern neben einer Ausweitung des Kreditrahmens auch die vorübergehende Übernahme von Anteilen durch den Staat vor. Die Börsen reagierten auf diese Ankündigung erleichtert. Allerdings warnen Experten, dass es sich dabei auch nur um eine vorübergehende Verschnaufpause handeln könnte.
Damit lassen sich für die Aktienmärkte folgende Konsequenzen ablesen:
•Die Finanzkrise wird noch länger andauern, sie war in den vergangenen Wochen nur durch andere Meldungen – wie die hohen Energiepreise – aus den Schlagzeilen verdrängt worden. „Die Finanzkrise wird uns noch das ganze zweite Halbjahr begleiten“, meint beispielsweise Banken-Experte Dirk Schiereck von der European Business School.
Pessimisten halten es für möglich, dass die Talsohle erst 2009 erreicht wird.
Mit Zukäufen abwarten
•Mit Zukäufen an den Börsen vorerst abwarten: „Wer jetzt Aktien kauft, macht kurzfristig einen Fehler. Es könnte zu neuen Tiefständen kommen“, meint Ascan Iredi, Leiter des Aktienhandels der deutschen Postbank. Investoren sollten beobachten, wie sich die Lage bei den US-Banken entwickelt.
•Auch die Prognosen für den österreichischen Aktienmarkt sehen nicht sehr rosig aus. Die Analysten der Bank Austria-Unicredit-Gruppe halten in Wien weitere Abschläge in den kommenden Wochen für wahrscheinlich. Auch die Erste Bank geht davon aus, dass dem Aktienmarkt ein turbulenter Sommer bevorsteht. Aufholpotenzial sollte es im vierten Quartal geben.
Allerdings sind solche Ratschläge ein zweischneidiges Schwert. Erstens haben sich Analysten zuletzt nicht mit Ruhm bekleckert. Zudem lautet eine alte Börsen-Weisheit, dass man nicht immer dem Herdentrieb folgen soll. Gerade wenn an den Börsen Panik ausbricht, bieten sich unter Umständen gute Einstiegschancen.
•Die nächste Blase droht zu platzen: Auf Grund der jüngsten Turbulenzen sind viele Anleger in Rohstoffe geflüchtet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass viele hier schon auf den nächsten Crash zusteuern – allerdings mit deutlich erfreulicheren Folgen für die Verbraucher.
■In den USA sind in den vergangenen Tagen gleich drei Banken kollabiert. Laut New York Times hat die US-Finanzaufsicht eine Liste mit 90 Instituten zusammengestellt, die von der Krise mit faulen Krediten bedroht sind. US-Finanzminister Henry Paulson versuchte gestern, die Märkte mit einem umfassenden Rettungspaket zu beruhigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2008)
Inflation, Hyperinflation oder Deflation?Mag. Zareh Mossessian, Trainer der Wiener Börse Akademie

