Der Tucholsky-Schwindel

30.10.2008 | 19:10 |  JAKOB ZIRM (Die Presse)

Im Internet kursiert ein Gedicht zur Finanzkrise, das angeblich Kurt Tucholsky im Jahr 1930 schrieb. Linke Kapitalismuskritiker bejubeln es. Es ist jedoch gefälscht.

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wien. Angesichts der aktuellen Finanzkrise wird ja allerorten nach Parallelen zur Weltwirtschaftskrise von 1929 gesucht. Ein wahrer Renner auf E-Mail-Verteilerlisten und in Kommentarforen ist dabei ein Gedicht, das angeblich vom linksliberalen deutschen Schriftsteller und Journalisten Kurt Tucholsky im Jahr 1930 in der „Weltbühne“ veröffentlicht wurde. In dem Gedicht wird in lockerer Reimform die aktuelle Finanzkrise beschrieben – „Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen, aber manche blühen auf: Ihr Rezept heißt Leerverkauf . . .“ Der Leser muss Tucholsky angesichts dieser Zeilen eine fast schon prophetische Gabe zugestehen.

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Vor allem auf Internetseiten linksgerichteter Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker taucht das Gedicht häufig auf. In offiziellen Sitzungen deutscher Gewerkschafter soll es bereits verteilt worden sein. Und hierzulande sollen es Deutschlehrer bereits in ihren Unterricht eingebaut haben. Doch die ganze Sache hat einen Haken: Das Gedicht ist weder von Tucholsky noch aus dem Jahr 1930. Es stammt vielmehr aus dem September 2008 und aus der Feder des Österreichers Richard Kerschhofer.

 

Auf FPÖ-naher Seite publiziert

Kerschhofer hatte das Gedicht Ende September in dem konservativen Wochenmagazin „Preußische Allgemeine Zeitung“ sowie auf der Homepage der FPÖ-nahen „Genius-Gesellschaft“publiziert. Von dort wurde es unter anderem auf eine deutsche Homepage kopiert und dort neben ein Gedicht von Tucholsky gestellt. Ein Leser dieser Homepage nahm daher fälschlicherweise an, dass auch Kerschhofers Gedicht von Tucholsky stammt, und stellte es Mitte Oktober auf die Kommentarseite der deutschen Zeitung „Die Zeit“ (Der Weg des Gedichts: www.sudelblog.de). Dies dürfte der Anfang der rasanten Vermehrung im Internet gewesen sein. So fand Google Donnerstagmittag noch knapp 4000 Einträge bei der Suche nach dem ersten Satz des Gedichts. Wenige Stunden später waren es bereits über 10.000.

Offene Ohren fand das Gedicht vor allem bei linksgerichteten Kapitalismuskritikern. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass laut dem Gedicht das Finanzsystem aufgrund der „Spekulantenbrut“ eine Umverteilung nach oben bewirkt, für die der „kleine Mann zu blechen hat“. Der Urheber ist politisch jedoch eher auf der anderen Seite zu finden. „Ich bin sicher kein Linker. Und ich fand es zuerst unglaublich, dass diese es sofort für sich reklamiert haben“, sagt Kerschhofer im Gespräch mit der „Presse“. Für ihn sei es nun aber eine „Genugtuung“, dass sein Gedicht – wenn auch unter falscher Urheberschaft – so große Berühmtheit erlangt hat.

„Oft werden meine Gedichte ja nicht gedruckt, weil ich mich nicht an die Political Correctness halte“, meint der 69-jährige pensionierte Betriebswirt, der unter anderem für die eher rechtsgerichtete „Zeitbühne“ oder die „Wiener Zeitung“ Gastkommentare schreibt. Dass man sein Gedicht für ein Werk Tucholskys gehalten hatte, wundert ihn: „So wurde das Wort Derivat – das ich in meinem Gedicht verwende – damals ja noch nicht in diesem Zusammenhang verwendet. Man sieht, dass man nicht alles aus dem Internet glauben darf.“

Inzwischen hat sich aber auch im Internet herumgesprochen, dass nicht Tucholsky der Urheber des Gedichts ist. Und einige, die dem Text vorher zugestimmt haben, lehnen ihn nun plötzlich ab. Statt positiven Meinungen gibt es nun Kommentare wie: „Tucholsky würde sich im Grabe umdrehen.“ Kerschhofer sieht das Ganze dennoch amüsiert: „Ich habe es auf vielen kommunistischen Seiten gefunden. Dort ist es zum Teil nun wieder gelöscht worden, als man gemerkt hat, dass es nicht aus dem linken Eck kommt.“

Hier das Gedicht im Wortlaut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2008)

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14 Kommentare
Gast: rezitator
17.10.2011 11:44
2

Tucho war gut

...er wusste auf jeden Fall damals schon, dass man die Medien-Meldungen nicht immer allzu ernst nehmen sollte. Dieses Gedicht von 1931 ist jedenfalls zeitlos passend und somit auch ganz aktuell:
http://www.textlog.de/tucholsky-beit-friehstick.html

Antworten Gast: Dresdener
24.07.2012 18:06
1

Der Tucholsky-Schwindel

Leider ist das Tucholsky-Gedicht zur Finanzkrise - trotz sachlicher Richtigkeit - eine Fälschung gewesen.
Die erfreuliche Mitteilung: Der aus Dreden stammende Erich Kästner hat sich tatsächlich 1929 mit der Weltwirtschaftskrise beschäftigt. So entstand sein "Hymnus auf die Bankiers" (Copyright Atrium Verlag Zürich). Dieser Hymnus ist nach wie vor aktuell - einige Kostproben:

...Ihr Appetit ist bodenlos.
sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Sie schwängern ihr eignes Geld.
...Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den andern die Hälse ab.
...Sie haben nur eine Sympathie.
Sie lieben das Geld. und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

Wäre nicht auch einmal ein Hymnus auf unsere Wirtschafts-Politiker fällig ?


Antworten Gast: Dresdener
24.07.2012 17:54
0

Der Tucholsky-Schwindel

Leider ist das Tucholsky-Gedicht zur Finanzkrise - trotz sachlicher Richtigkeit - eine Fälschung gewesen.
Die erfreuliche Mitteilung: Der aus Dreden stammende Erich Kästner hat sich tatsächlich 1929 mit der Weltwirtschaftskrise beschäftigt. So entstand sein "Hymnus auf die Bankiers" (Copyright Atrium Verlag Zürich). Dieser Hymnus ist nach wie vor aktuell - einige Kostproben:

...Ihr Appetit ist bodenlos.
sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Sie schwängern ihr eignes Geld.
...Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den andern die Hälse ab.
...Sie haben nur eine Sympathie.
Sie lieben das Geld. und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

Wäre nicht auch einmal ein Hymnus auf unsere Wirtschafts-Politiker fällig ?


Gast: linker
11.07.2009 23:32
2

lol

Das das Gedicht nicht von Tucholsky ist, war doch klar, im Hinblick auf "Derivate", welches es damals schlichtweg nicht gab...!

Gast: kratzekatze
20.04.2009 23:55
1

prophetischer Tucholsky

Nun, ich gebe zu, ich bin auch drauf reingefallen. Obwohl ich eine leise Unstimmigkeit verspürt hab angesichts der im Gedicht angesprochenen staatlichen Bankenrettungspakete - das es die auch zu Tucholskys Zeiten gegeben haben sollte, war mir unbekannt.

Trotzdem. Es ist nachvollziehbar, dass man Tucholsky diese Zeilen und den damit verbunden Scharf- und Weitblick zutraut. Denn bekanntlich hatte er diesen ja auch in politischer Hinsicht: er sah glasklar die mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten verbundenen Entwicklungen voraus.

Antworten Gast: radius
07.08.2011 21:34
1

Auch damals hat man Banken mit staatlichen Garantien zu retten versucht

bzw. hat Banken dazu verdonnert, Pleitebanken zu übernehmen, die dann auch kolabierten.
Betrügereien gab es auch damals.

Gast: grautier
28.03.2009 15:38
0

Im Grunde richtig !

Auch wenn das Gedicht nicht von Tucholsky stammt und ihm daher kein literarisches Gewicht beigemessen wird - der Autor hat den Nagel auf den Kopf getroffen und bestimmt vielen aus dem Herzen gesprochen. Danke

Antworten Gast: Silverager
06.10.2012 21:40
0

Re: Im Grunde richtig !

Wie jetzt?
Wenn es von Kurt Tucholsky gewesen wäre, hätte es literarischen Wert, da es aber "nur" von Richard Kerschhofer ist, kann ihm kein "literarisches Gewicht beigemessen" werden?


Gast: Kapitalismuskritiker
09.01.2009 04:42
0

Kapitalismus?

Planwirtschaft/Staatswirtschaft und Korruption um Subventionen sind KEIN "Kapitalismus"! Wenn Steuermittel für einige bestimmte, ausgewählte Unternehmen zur Unterstützung, bzw. "Rettung" verwendet werden, handelt es sich nicht um Kapitalismus (im Kapitalismus gibt es auch für "große" immer die Option des Scheiterns), sondern um RAUBTIERSOZIALISMUS, der gutmenschlichen Variante der von-unten-nach-oben-Umverteilung, die auf dem Rücken aller ausgetragen wird.

Gast: C.S.-O.
09.12.2008 16:16
1

Fälschung oder Irreführung?

Das Gedicht von Kerschhofer ist vielleicht keine Fälschung,
aber es war auch KEIN Irrtum, es Kurt Tucholsky zuzuordnen !

Es ist eindeutig eine bewusste Irreführung der Internetnutzer

Besonders amüsant, daß so viele Leute sich vorstellen konnten, daß dieses Gedicht tatsächlich aus Tuchoslskys Feder stammt. So nach dem Motto "Seht ihr, schon Tuch-
olsky hat gewusst, wie's ist mit dem
"Schweinekapitalismus" ".
Nix für ungut, egal ob Tucholsky oder Kerschhofer -
jede Zeile dieses Gedichtes spricht mir aus dem Herzen !!!!

C. S.-O.


„Fälschung“??

Obwohl der Artikel gut recherchiert und professionell aufgemacht wirkt, gibt es für mich doch einen Wermutstropfen:
Gleich in der fetten Überschrift findet sich die Formulierung "Es ist jedoch gefälscht".

Gefälscht ist etwas, was absichtlich so erzeugt/verfaßt wird, daß man es als etwas anderes (teureres, wichtigeres etc.) ausgeben kann, wie z.B. antike Fundstücke, Geldscheine, Hitler-Tagebücher etc.

Wenn jemand ein nettes kleines, zum Tagesgeschehen passendes, Gedicht verfaßt und irgend jemand ganz anderer verwechselt die Autoren, dann ist da nirgendwo eine „Fälschung“ passiert, nur ein Irrtum.

Ich frage mich, ob diese polemische Formulierung auch nur ein "Irrtum" war, oder ob der Autor sehr wohl den Unterschied zwischen Fälschung und Irrtum kennt. Wenn ja, warum hat er es dann so hingeschrieben?

„Fälschung“??

Obwohl der Artikel gut recherchiert und professionell aufgemacht wirkt, gibt es für mich doch einen Wermutstropfen:
Gleich in der fetten Überschrift findet sich die Formulierung "Es ist jedoch gefälscht".

Gefälscht ist etwas, was absichtlich so erzeugt/verfaßt wird, daß man es als etwas anderes (teureres, wichtigeres etc.) ausgeben kann, wie z.B. antike Fundstücke, Geldscheine, Hitler-Tagebücher etc.

Wenn jemand ein nettes kleines, zum Tagesgeschehen passendes, Gedicht verfaßt und irgend jemand ganz anderer verwechselt die Autoren, dann ist da nirgendwo eine „Fälschung“ passiert, nur ein Irrtum.

Ich frage mich, ob diese polemische Formulierung auch nur ein "Irrtum" war, oder ob der Autor sehr wohl den Unterschied zwischen Fälschung und Irrtum kennt. Wenn ja, warum hat er es dann so hingeschrieben?

Gast: sugo
04.11.2008 01:06
0

ist egal von wem das gedicht stammt...

...es hat trotzdem seine richtigkeit...

www.amtshaftung.at es lohnt sich diesen Verein anzusehen !

Der "Verein zum Finanzmarktausgleich" wird 2008 gegründet und tritt als unabhängiger Verein für mehr Fairness, Sicherheit und Korrektheit am Finanzmarkt ein.

Unser wesentliches Anliegen ist es einerseits, Anleger gegen unlautere oder unpassende Praktiken von Anbietern von Wertpapierdienstleistungen - große Kreditinstituten aber auch den "kleinen Nachbarn", die nebenberuflich für "die Versicherung" oder "den Strukturvertrieb" arbeiten, zu schützen. Zu oft bieten uns diese Anbieter Produkte an, die wir nicht verstehen, und deren Risiko oft nicht einmal der Anbieter richtig versteht.

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