Die Krise feiert Geburtstag: Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers in Folge des Kollapses des US-Immobilienmarkts jährt sich zum ersten Mal. Gratulieren wird niemand, zog dieses Ereignis doch eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise nach sich. Die Wucht, mit der die Krise global einschlug, erinnerte viele Experten an den „Schwarzen Freitag“ 1929.
Auch damals stürzte die Wall Street in sich zusammen, die Folge war die Große Depression, die bis in die frühen 30er Jahre andauerte. Es war Franklin D. Roosevelt, der nach seiner Wahl zum US-Präsidenten 1933 die Ära des New Deals einläutete: Der Staat interveniert und kontrolliert wirtschaftspolitische Entscheidungen.
"Jede Staatsfinanzkrise ist auch Staatskrise"
Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem „New Deal“, brauchten keine Jahre vergehen, bis der Staat eingriff. Sofortige Konjunkturprogramme wurden geschnürt, Finanzspritzen gewährt. Selbst im streng neoliberalen Amerika übernahm der Staat die Kontrolle über die schwer angeschlagenen Hypothekenbanken Freddie Mac und Fanny Mae.
Die Kosten für diese Interventionen sind freilich noch nicht absehbar. Während mit Milliardenprogrammen die Finanzmärkte stabilisiert werden sollen, erhöht der Staat seine eigenen Schulden. „Jede Krise der Staatsfinanzen ist natürlich eine Staatskrise, da sie die Handlungsfähigkeit des Staates nach innen und außen erheblich einschränkt“, sagt Peter Rauscher, Finanzhistoriker und Dozent an der Universität Wien.
Geld als "Blut des Staatskörpers"
Die Entwicklung der Staaten hängt eng mit der Entwicklung ihrer Finanzen zusammen. Bereits im 16. Jahrhundert bezeichneten Zeitgenossen Geld als den „Nerv aller Dinge“ oder das „Blut des Staatskörpers“. Dieses Blut kam von den Untertanen, die in immer neuen und höheren Steuern zur Kasse gebeten wurden. Das eklatanteste Beispiel dafür, dass das Blut auch dickflüssig werden konnte, bildet die Französische Revolution 1789. Ihr ging eine „chronische Krise der Staatsfinanzen“ voraus. „Die Revolution nahm ihren Ausgang im Scheitern einer grundlegende Steuerreform und beseitigte in ihrer Folge nicht nur die Monarchie, sondern auch das gesamte Gesellschaftssystem“, so der Historiker.
Die Epoche der Frühen Neuzeit endete mit der Französischen Revolution. An ihrem Beginn im 16. Jahrhundert waren die öffentlichen Finanzen noch schwach entwickelt. „Im Gegensatz zur Französischen Revolution führen Finanzkrisen in der Frühen Neuzeit eher selten zur inneren Destabilisierung von Staaten“, sagt Rauscher. In dem kriegerisch ausgetragenen Verdrängungswettbewerb zwischen den europäischen Mächten konnten sich diejenigen durchsetzen, die ihre Heere besser finanzieren konnten. Wem es nicht gelang, ein leistungsfähiges Steuerwesen aufzubauen, geriet gegenüber seinen Konkurrenten ins Hintertreffen. Die Folgen waren meist Gebietsverluste.
Phönix aus der Asche
Aus dem wachsenden Steuerstaat ging der moderne europäische Staat hervor, der im 20. Jahrhundert in die gesamte Welt exportiert wurde, aktuell etwa nach Afghanistan. Nur, in seiner Heimat wurde dieses politische Modell in den letzten Jahrzehnten immer stärker in Frage gestellt. Vor dem großen Crash 2008 befand sich der Staat in einer Sinnkrise, Wissenschaftler prognostizierten bereits seinen Untergang. Der Sozialstaat hat zunehmend Probleme, die geforderten Mittel für seine Bürger, die als Wähler das politische Parkett formen, aufzubringen. Neben zunehmender Verschuldung wurden – wie in Deutschland – Teile des Sozialwesens privatisiert. Gleichzeitig wurden Kompetenzen an supranationale Organisationen abgegeben, im konkreten Fall der Europäischen Union. Der Staat befand sich im Sterbebett, bevor er sich wie Phönix aus der Asche erhob.
„Der Ruf nach staatlichen Interventionen von allen Seiten könnte einerseits zu einer Stärkung von Staaten aber auch zum Beispiel der Europäischen Union führen“, sagt Peter Rauscher. Jetzt gilt es abzuwarten, „ob es der Politik gelingt, die Finanzmärkte tatsächlich zu regulieren, und ob sie das tatsächlich will. Kurz: ob das Weiße Haus die Wall Street regiert oder umgekehrt“. Dem Flug des Phönix könnte ein harter Aufprall folgen.

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