Das Leben mit dem weichen Euro

Schon seit der Einführung sind die Experten mit dem Kurs eigentlich nie zufrieden. „Die Presse“ verrät, wie man sein Vermögen vor der drohenden Inflation schützt.

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Montage DiePresse.com/Bilderbox.com

So stolz sahen sie aus. Wie aufgeregte Jungväter auf einer Säuglingsstation posierten die EU-Finanzminister zu Silvester 1999 mit ihrem neuen Liebling. Der Euro hatte den Ecu abgelöst und war als Buchgeld installiert worden. Das Projekt Währungsunion, lange nur eine ambitionierte Idee, hatte Gestalt angenommen. Allgemein wurde dem Euro viel Glück und ein langes, gesundes Leben gewünscht.

In den etwas mehr als elf Jahren seines Bestehens hat der Euro schon einiges mitgemacht. Und wie immer sein Kurs gerade stand, stets gab es Experten, die den Status quo besorgniserregend fanden. Ein Blick in die Archive zeigt, dass man die aktuelle Hysterie nicht ganz so ernst nehmen soll: Vor vier Jahren etwa, Anfang April 2006, notierte der Euro bei 1,2112 zum Dollar – also ungefähr auf demselben Niveau wie jetzt.

Doch während die Eurozone derzeit über den Absturz ihrer Währung jammert und Milliarden zur Stützung des maroden Patienten beiseitelegte, gab es seinerzeit Unruhe, weil der Euro so stark war. Insbesondere für Exporte in die USA wäre ein niedrigerer Kurs wünschenswert, sagte der damalige VW-Chef Bernd Pitschetsrieder. Einen Monat später (der Euro war auf 1,28 geklettert) bekam auch der luxemburgische Premier und Chef der Eurogruppe, Jean Claude Juncker, kalte Füße. Er sei über den starken Euro „nicht wirklich, aber zunehmend besorgt“, erklärte Juncker.

Dabei hatte sich die Währung zunächst als windelweicher Softie präsentiert. Am 4. Jänner 1999, dem ersten Tag des Börsenhandels, war der Euro mit einem Wechselkurs von 1,1789 zum Dollar gestartet. Dann ging es flott bergab. Schon im März sah sich René Alfons Haiden, früherer Generaldirektor der Bank Austria, zu beruhigenden Worten verpflichtet: „Nicht der Euro ist weich, sondern der Dollar ist stark.“

Der bisher tiefste Stand wurde am 26. Oktober 2000 mit 0,8252 Dollar erreicht. Die Fachwelt stritt über die Konsequenzen. „Ich betrachte den Wechselkurs nicht als einen Eckwert für Erfolg“, sagte Christian Noyer, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, „der Euro ist ein voller Erfolg.“ Ernst Welteke, Präsident der Deutschen Bundesbank, hörte sich deutlich besorgter an: Sollte die Schwäche andauern, müssten die Zentralbanken intervenieren.

Ab Jänner 2002 hatten endlich auch die Konsumenten die neuen Scheine und Münzen in der Tasche. Dem Euro tat diese Konfrontation mit der Realität offenbar gut, erstmals stieg er kontinuierlich, erreichte im Juli die Parität zum Dollar und hielt sich wacker. Man hätte richtig stolz auf ihn sein können – wäre da nicht EZB-Chef Wim Duisenberg gewesen. „Auf der einen Seite bin ich froh, dass der Euro eine solch stabile, starke und solide Währung ist“, sagte er im Juni 2003. „Andererseits sehe ich jedoch auch, dass sich der starke Wechselkurs gegenüber dem Dollar ungünstig auf die Exporte aus den Euroländern in die USA auswirkt.“ Die arme Währung kann es offenbar nur falsch machen.

Ähnlich geht es weiter. Der Eurokurs sinkt ein wenig, schon ist Feuer am Dach. Der Eurokurs steigt, und die Experten warnen vor Schäden für die Exportwirtschaft. Sinkt oder steigt er noch dazu etwas schneller als gewöhnlich, wird umgehend eine größere Stabilität beschworen. Bewegt er sich eine Zeit lang gar nicht, findet sich zuverlässig ein Fachmann, der größere Wechselkursflexibilität einmahnt.

Wieder einmal zeigt sich, dass Ökonomie keine exakte Wissenschaft ist. Als der Euro im Jänner 2004 recht zügig auf einen Wechselkurs von fast 1,3 gegenüber dem Dollar klettert, sagt EZB-Chef Jean-Claude Trichet: „Wir sind besorgt. Wir sind nicht gleichgültig.“ Klaus Liebscher dagegen, österreichisches Ratsmitglied im EZB, beruhigt: „Sie sollten dies nicht überbewerten, denn die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure wird nicht nur vom Wechselkurs bestimmt.“

Teilweise panisch reagiert die Fachwelt im Juli 2008 auf den bisherigen Höchststand von fast 1,6 Dollar. „Es ist verrückt zu glauben, dass man das halten kann“, sagte Ökonom Robert Mundell. „Der hohe Eurokurs macht die meisten Länder der Eurozone viel weniger wettbewerbsfähig.“ Ins Jahr 2010 startet der Euro fast gleich stark. Seither ist er gefallen, blieb aber genau in jenem Bereich, den viele Experten früher als optimal bezeichnet hatten. „Kein Grund zur Beunruhigung“, sagte Ewald Nowotny, Gouverneur der heimischen Nationalbank. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hat mehr Sinn für Dramatik: Wegen der gewaltigen Schulden und der Euroschwäche stecke Europa in einer dramatischen Krise, sagte er vergangene Woche. „Wir erlebten und erleben wirklich dramatische Zeiten.“
Gut, dass der Euro schon einiges gewöhnt ist.

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