Gold steigt im Preis - verliert aber in der Gunst der Deutschen

Der Brexit war gut für den Goldpreis. Aber trotz starker Preisanstiege ist Gold nicht der Liebling der Kleinanleger, wie eine Umfrage zeigt.

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(c) APA/GÜNTER GRANITZER

Wien/München/London. Der Schock hat die Briten hart getroffen. Nach dem überraschenden Votum zum Austritt aus der EU am Donnerstag bildeten sich am Freitag Schlangen vor den Goldhändlern in London. Denn die Engländer waren plötzlich mit etwas konfrontiert, das man sonst nur aus Entwicklungsländern kennt: Die eigene Währung ist rasch ins Bodenlose gefallen – während der Goldpreis dementsprechend gestiegen ist.

Das glänzende Metall war rasch ausverkauft. „Wir mussten Notfallsvorräte aus unseren Standorten in Deutschland und der Schweiz einfliegen“, sagte Ross Norman, der Chef des Händlers Sharps Pixley zu Reuters: „Gold zeigt, was es am besten kann: Wert erhalten.“ Auch der deutsche Händler Degussa verzeichnete am Freitag eine Verdopplung der Onlineverkäufe – in ganz Europa steigt die Goldnachfrage im Zuge des Brexit. Für die Händler ist das eine willkommene Entwicklung, denn wie die großen Player Münze Oesterreich und Pro Aurum berichten, war die Nachfrage vor dem überraschenden Votum erstmals seit Langem eher gedämpft.

 

Nur sechs Prozent haben Gold

Der Grund dafür dürfte der deutlich höhere Preis sein. Das Edelmetall feiert heuer nämlich eine große Party. Der Preis ist seit Dezember 2015 von 1050 Dollar auf zuletzt rund 1320 Dollar gestiegen. Keine andere Asset-Klasse kann mit der Gold-Rallye mithalten. Einzig: Bis zum Brexit fehlte die Begründung. Es gab keine großen Krisen, die zu einer Verunsicherung der Marktteilnehmer geführt hätten und den Anstieg von Gold hätten erklären können. Eine aktuelle Umfrage von Forsa im Auftrag des großen deutschen Händlers Pro Aurum zeigt gar: Nur noch 27 Prozent der Deutschen schenken Gold ihr Vertrauen, wenn es um die größten erhofften Gewinne geht. Im Juni 2012 waren es noch elf Prozentpunkte mehr. Bei Aktien sieht die Sache genau anders aus: Vor vier Jahren waren nur zwölf Prozent der Befragten von Investments in Wertpapiere überzeugt. Jetzt wollen bereits 27 Prozent auf Aktien setzen.

Damit liegen die Papiere in der Gunst der deutschen Anleger erstmals gleichauf mit dem traditionell sehr beliebten Edelmetall. Einzig: Der deutsche Durchschnittsanleger dürfte nicht den besten Riecher haben. Denn während Gold seit Jahresbeginn stark zulegen konnte, ist die Performance der Aktien eher mau. Ohnehin vertrauen anscheinend nur wenige ihren eigenen Analysen der Zukunft. Denn obwohl immer noch 27 Prozent der Deutschen in Gold eine gute Anlage sehen, sind nur sechs Prozent überhaupt Besitzer von Goldbarren oder -münzen. Und nur zwei Prozent sind in Silber investiert.

 

Stimmung zu schlecht

Verglichen damit nimmt sich der Papierbesitz der Deutschen enorm aus: 31 Prozent der von Pro Aurum und Forsa Befragten haben Lebensversicherungen abgeschlossen. Genauso viele besitzen einen Bausparvertrag. Immerhin 27 Prozent sind in Immobilien investiert. 18 Prozent halten Anteile von Fonds und 13 Prozent Aktien.

Immerhin: „75 Prozent der Befragten sagen, dass Gold eine gute Ergänzung zu anderen Geldanlagen ist. Warum haben es dann nur sechs bis sieben Prozent dieser Menschen?“, fragt man sich beim Goldhändler Pro Aurum. Die Antwort auf diese Frage ist kompliziert. Wie die nachlassende Attraktivität des Metalls in der Umfrage gezeigt hat, hat der Bärenmarkt seit 2011 seine Spuren hinterlassen. Ähnlich wie an den Märkten glauben auch die Kleinanleger noch nicht so recht an die Rückkehr des Goldbullen, auch wenn der Preis heuer stark gestiegen ist und im Zuge des Brexits am Freitag in Euro gemessen sogar wieder an der 1250-Euro-Marke kratzen konnte.

Was bedeutet das? Wie die Panik rund um den Brexit – wie zuvor schon die Eurokrise – gezeigt hat, stürmen die Menschen im Krisenfall zwar die Goldhändler, investieren im „Normalfall“ aber lieber in Aktien oder Immobilien. Vom Anstieg im heurigen Jahr konnten die Kleinanleger aber noch nicht profitieren, dafür ist die Stimmung, was Gold betrifft, noch zu schlecht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2016)

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