Brexit und aufkeimende Inflation treiben Gold

Es ist ein gutes Jahr für Gold und Silber. Die Metalle sind heuer auch in der Referenzwährung Dollar stark gestiegen. Und wenn jetzt die Inflation wieder anzieht, dann könnte es noch einige Zeit so weitergehen.

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Wien. Irgendetwas war anders. Als am vergangenen Freitag aus Washington überraschend gute Daten zum Arbeitsmarkt präsentiert wurden, fiel der Goldpreis wie ein Stein – von knapp 1360 Dollar pro Unze auf rund 1340. Soweit, so normal. Gute Daten weisen auf eine Erholung in der US-Wirtschaft hin, Erholung bedeutet Entspannung an den Märkten, wo die Nerven seit dem Brexit-Votum blank liegen. Und vor allem bedeutet Erholung, dass die Chancen auf steigende US-Zinsen wieder, nun ja, steigen.

Aber dann war eben irgendetwas anders. Denn praktisch ohne Ansatz schnellte der Goldpreis sofort wieder zurück, wie ein Gummiringerl. Plötzlich stand er höher als vor der Bekanntgabe der ach-so-guten Daten. Am Ende des Tages war er wieder bei 1357 Dollar pro Unze angelangt.

2300 Dollar?

Es sind Bewegungen wie diese, die manche Experten daran glauben lassen, dass für den Goldpreis nach vier Jahren Talfahrt wirklich das Schlimmste vorbei ist. Die Daten sprechen erstmal für sich: Insgesamt ist das Metall seit Jahresbeginn um rund 27 Prozent gestiegen. Der kleine Bruder Silber hat noch mehr zugelegt, das weiße Metall ist geradezu von den Toten wieder auferstanden. Nach einem Hoch von rund 50 Dollar im Jahr 2011 war Silber auf 15 Dollar hinuntergefallen. Inzwischen hat es die Marke von 20 Dollar wieder geknackt. Das klingt nicht nach viel? Nein, tut es nicht. In Dollar steht Silber auf dem Niveau von 2014. Aber das bedeutet auch: Wenn es sich bei der Aufwärtsbewegung der Metalle seit Beginn dieses Jahres tatsächlich um erste Anzeichen eines neuen Bullenmarktes handeln sollte, dann sind Gold, Silber und auch die Minenaktien, die zuletzt teilweise um 100 Prozent gestiegen sind, derzeit noch günstig.

Der Goldexperte Ronald Stoeferle, Autor eines jährlichen Reports zum Thema, vermutet einen neuen Bullenmarkt – zumindest, was die Stimmung betrifft. „Am Beginn eines Bullenmarktes ist das Interesse meistens äußerst gering, da überwiegen Skepsis und Desinteresse,“ so Stoeferle. Genau da waren wir im Jahr 2015 und auch noch zu Jahresbeginn. Nach vier Jahren Talfahrt wollte niemand mehr etwas von Gold und Silber wissen, die ausgegebenen Preisziele waren allesamt sehr pessimistisch. Inzwischen hat sich das Blatt aber gewendet. Auch die großen Banken haben ihre Ziele erhöht: 1450 Dollar, 1500 Dollar, 1600 Dollar. Stoeferle glaubt weiter an einen Anstieg auf 2300 Dollar bis 2018. Dann wäre das Top aus dem Jahr 1980 auch in inflationsbereinigten „heutigen“ Dollars erreicht. Aber sollte Gold tatsächlich weiter steigen, werden wir wohl noch viel abenteuerliche Preisziele sehen.

Die Frage, ob der Anstieg seit Jahresbeginn der Beginn eines neuen Bullenmarktes ist oder nur eine Zwischenrallye, auf die ein weiterer Verfall des Preises droht, ist wichtig, aber nicht einfach zu beantworten. Um das zu tun, müsste man in die Zukunft schauen können. Interessant ist, dass es für den Anstieg des Goldpreises vor dem Brexit nicht wirklich eine Erklärung gegeben hat.

Enge Beziehung zu Realzinsen

Einzig ein Mythos wurde weiter beschädigt. Nämlich jener, dass steigende Zinsen schlecht für Gold sein müssen, weil Papiergeld sich verteuert. Entscheidend ist nämlich nicht der nominelle Zins, sondern die Realzinsen (also Nominalzins abzüglich Inflation). Tatsächlich bewegt sich der Goldpreis sehr nahe an der invertierten Kurve der US-Realzinsen entlang. Das zeigt auch der positive Zusammenhang von Gold und Inflation. Denn eine besonders hohe Inflation treibt Anleger in das harte Gold.

Und 2016 dürfte die Inflation ihr Comeback feiern. „Wir erwarten sogar, dass sie über die Prognosen hinausschießen wird“, sagt James Butterfill, Chefökonom von ETF Securities. Er hat für das heurige Jahr ein Preisziel von 1440 Dollar pro Unze ausgegeben.

„Gold hat eine enge Beziehung zu Realzinsen und fühlt sich besonders wohl, wenn die Realzinsen negativ sind“, so Butterfill. Aber Gold hat noch eine enge Beziehung: zum Dollar. Die Weltwährung Nummer eins und das Gold gelten als „Feinde“. Wenn das eine steigt, fällt das andere. Der Dollar war in den vergangenen Jahren – auch gegenüber anderen Währungen – extrem stark. Wenn man genau hinsieht, dann sieht man, dass der Goldpreis in allen wichtigen Währungen außer dem Dollar seinen Bullenmarkt deswegen sogar schon seit Anfang 2014 wieder aufgenommen hat. Deswegen war die rasche Reaktion der Märkte, die den Goldpreis wegen der guten Daten zu den US-Jobs nach unten geschickt haben, wohl auch nicht von Dauer.

Denn: „Historisch betrachtet hat der Dollar von Zinserhöhungen nicht profitiert“, so Butterfill. Die Dollarstärke sei immer vor dem Zinsschritt gekommen, weil der Markt der Zentralbank zuvorkommt. Das würde erklären, warum Gold seit dem ersten Zinsschritt der Federal Reserve im Dezember auch in Dollar wieder steigt. Dazu kommt die langsam wieder anziehende Inflation – und die generelle Unsicherheit über die Zukunft, die vom Brexit noch verstärkt wurde. Ist Gold wieder da? Nun, es war nie weg.


[MJ7SK]

(Print-Ausgabe, 11.07.2016)

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