45 Jahre ohne Goldstandard

Am 15. August 1971 hat Richard Nixon den Goldstandard zu Grabe getragen. Ein Comeback ist ausgeschlossen, denn der Euro hat das Verhältnis von Gold und Geld neu geregelt.

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Goldbarren – APA/ROBERT JAEGER

Wien. Es war eine Flucht nach vorn, zu der Richard Nixon 1971 ansetzte. Jahrelang war (vor allem in Europa) das Misstrauen gegenüber Washington und dem Dollar gewachsen. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle schickte sogar ein Marineschiff nach New York, um Gold abzuholen. Ein schlauer Schachzug: Frankreich war eines der letzten Länder, das noch Dollarreserven in Gold tauschen durfte.

Am 15.August 1971 war Schluss. In einer Fernsehansprache beendete US-Präsident Nixon mit einem Satz die geltende Geldordnung: „Ich habe Finanzminister John Connally angewiesen, die Konvertibilität des Dollar in Gold vorübergehend auszusetzen.“ Das System von Bretton Woods, benannt nach einem Ferienort in New Hampshire, war Geschichte und mit ihm die Idee des Goldstandards. Zum ersten Mal in der Geschichte waren alle wichtigen Währungen der Welt von der Golddeckung befreit. Aber auch wenn die Entscheidung von 1971 als „Nixon Shock“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte, der Goldstandard lag schon lange zuvor im Sterben.

 

Keine Alternative zum Dollar

Die Nachkriegsordnung war nur noch ein Abklatsch des Systems, das im 19. Jahrhundert dominierte. Der wahre Totengräber dieses klassischen Goldstandards, in dem jedermann zu jederzeit Papiergeld zu einem fixen Kurs in Gold tauschen konnte, war nicht Richard Nixon, sondern der Erste Weltkrieg.

Von 1944 bis 1971 war dann nur noch der Dollar an Gold gebunden. Und nur ausländische Regierungen und Zentralbanken konnten ihre Devisen in Metall tauschen. Den Amerikanern selbst war der private Goldbesitz sogar verboten. Mit dem „goldenen Zeitalter der Stabilität“, wie Stefan Zweig das Europa in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg beschrieb, hatte Bretton Woods nichts mehr zu tun.

Trotzdem hatte Nixons Entscheidung massive Folgen. Die Teuerung schnellte in den folgenden Jahren in die Höhe, der US-Dollar wertete gegenüber harten Währungen wie der D-Mark massiv ab. Der Preis von Öl – und nicht zuletzt Gold – stieg in bis dato nicht gekannte Höhen. Gegen Ende der 1970er-Jahre steckte der US-Dollar als Weltleitwährung in einer massiven Krise. Entgegen der Erwartungen vieler Politiker und Ökonomen dieser Zeit konnte der Dollar seine Stellung aber nicht nur halten, sondern in den kommenden Jahrzehnten sogar ausbauen.

Die Golddeckung wurde in den 1970er-Jahren durch eine inoffizielle Öldeckung ersetzt. Dieser sogenannte Petrodollar ist eine Erfindung des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger und basiert auf einem Deal zwischen Saudiarabien und den USA. Weil die Opec ihr Öl in Dollar handelt (und die Einnahmen wiederum in US-Staatsanleihen steckt), konnte König Dollar bis heute weiterregieren. Die Zentralbanken und Regierungen der Welt akzeptieren dieses System, weil es – zumindest bis zur Gründung des Euro – keine Alternativen zum Dollar gab. D-Mark und Franken waren zu klein, Rubel und Yuan zu kommunistisch.

Trotz des durchschlagenden Erfolgs des ungedeckten Dollar gibt es bis heute Stimmen, die die Wiedereinführung eines Goldstandards fordern. Auch deswegen, weil das Petrodollar-System langsam zu bröckeln scheint. Russland und China agitieren dagegen, der Iran handelt bereits in Euro. Das Thema Goldstandard kommt wie das Amen im Gebet in jedem US-Wahlkampf zur Sprache. Donald Trump hat sich dem nicht abgeneigt gezeigt, auch wenn er zugibt, dass eine „Rückkehr zum Gold sehr schwierig wird“. Die Wahrheit ist aber: Ein Comeback des Goldstandards ist nicht nur schwierig, sondern sogar unmöglich. Und der Grund dafür ist ausgerechnet der Euro.

Denn anders als der Dollar, der – juristisch – bis heute durch Gold gedeckt ist (und zwar zur lächerlichen Summe von 42,22 Dollar pro Unze), war der Euro immer eine reine Papierwährung, die sich auch als solche behaupten musste. Allerdings mit einem kleinen offenen Geheimnis: Die Eurozone hält mit mehr als 10.000 Tonnen mehr Goldreserven als irgendein anderer Währungsraum. Und: Diese Goldreserven werden in der Bilanz viermal pro Jahr an den freien Marktwert des Metalls angepasst.

 

Friedliche Koexistenz

Das hat interessante Folgen: Erstens profitiert der Euro im Gegensatz zum Dollar von einem steigenden Goldpreis, weil das die Bilanz der Zentralbank stärkt. Zweitens müssen die europäischen Notenbanken kein Gold abgeben, wenn das Vertrauen in den Euro sinkt. Wer Gold will, kann jederzeit Euros zum Marktpreis in Gold tauschen – auf dem Markt. Drittens kann kein anderes Land wieder auf eine klassischeGolddeckung umsteigen.

So eine theoretische neue Golddeckung setzt nämlich einen politisch kontrollierten Fixpreis für eine Unze Gold voraus. Selbst wenn dieser Preis sehr hoch angesetzt wird, etwa bei 10.000 Dollar pro Unze – das System könnte nicht lange funktionieren. Denn die US-Notenbank würde ja die Eintauschbarkeit von 10.000 Dollar gegen eine Unze Gold garantieren. Sobald aber der freie Marktpreis für Gold über 10.000 Dollar steigt, würde das Papiergeld rasant in die USA zurückfließen, während Gold abfließt, das auf dem freien Markt (etwa in Europa) zu einem höheren Preis in Geld (etwa Euros) getauscht werden kann. Binnen kürzester Zeit müsste die USA das „Goldfenster“ wieder schließen, und der neue Goldstandard wäre zusammengebrochen.

Die Euro-Zentralbanker gehen mit diesem kleinen Geheimnis der Euro-Architektur nicht hausieren – aber de facto hat der Euro allein durch seine Existenz ein neues Währungssystem geschaffen, in dem Gold und Papiergeld in einer Art friedlicher Koexistenz nebeneinander existieren. Inzwischen haben auch andere Zentralbanken, etwa die russische, aber auch die chinesische, damit begonnen, ihre Goldreserven zum Marktwert zu bewerten. Mit der Einführung des Euro haben die Zentralbanken auch ihre Goldverkäufe gedrosselt und sind inzwischen netto wieder zu Goldkäufern geworden. Gleichzeitig wurden die physischen Goldmärkte in Europa und Asien massiv liberalisiert, nie war der Zugang zu physischem Gold einfacher.

Weil es nicht auf einem fixen Preis beruht, ist dieses System flexibler als ein Goldstandard. Und im absoluten geldpolitischen Notfall kann die Notenbank selbst Gold verkaufen oder kaufen, um Inflation oder Deflation zu bekämpfen.

AUF EINEN BLICK

US-Präsident Richard Nixon schockte am 15. August 1971 mit der Nachricht, die Golddeckung des Dollar sofort aufzuheben. Das Ende des Goldstandards führte zu Inflation und einer Dollarkrise, die US-Währung hielt aber ihre Stellung. Heute ist eine Rückkehr zum Goldstandard nicht mehr möglich. Der Euro hat das vorweggenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2016)

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