Wann wird Gold wieder glänzen?

Nach einem Dreivierteljahr Preisanstieg haben Gold und Goldminenaktien in den vergangenen Wochen korrigiert. Für demnächst steht die Entscheidung an, wohin die Reise geht. Langfristig wohl eher nach oben.

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(c) REUTERS (Bobby Yip)

Wien. Eigentlich sollte es die Krisenwährung sein, die in Zeiten der Ungewissheit einen sicheren Hafen darstellt, bis sich die Wogen für die Ausfahrt mit anderen Anlageklassen wieder glätten. Und auf weite Strecken erfüllt Gold diese Funktion auch. Allein, in den vergangenen paar Wochen wird man nicht so recht schlau, wohin sich das edelste aller Metalle preislich bewegen will. Seit es nach dem diesjährigen Jahreshoch vom Sommer (1375,25 Dollar je Feinunze) Ende September jäh absackte, um danach die Unterstützung bei 1300 Dollar zu durchbrechen, dümpelt es in einer engen Range von 1245 und 1270 Dollar dahin. Am Mittwoch und Donnerstag der Vorwoche atmeten die Anleger kurzzeitig auf, weil der Goldpreis zeitweise auf einem Zweiwochenhoch von 1273 Dollar gehandelt wurde und damit die charttechnisch wichtige 200-Tage-Linie überwinden konnte, was Anschlusskäufe hätte auslösen können.

Aber schon am Freitag gewann die Vorsicht wieder Oberhand, und es ging zurück unter diese Linie.

Zwischen zwei Stühlen

Der Goldpreis ist offenbar unschlüssig, wohin er soll. Oder wie Christian Köker, Zertifikate-Experte bei der Londoner Bank HSBC, es formuliert: „Der Goldpreis befindet sich zwischen zwei Stühlen und muss sich entscheiden“: Erobere er sich den Aufwärtstrend nicht zurück, könnten vielleicht weitere charttechnisch relevante Marken − vor allem die bei 1200 Dollar − nach unten durchbrochen werden. „Dann wäre der schöne Erfolg seit Jahresbeginn wieder dahin.“

Bis jetzt ist nur der Zugewinn durch das verunsichernde Votum Großbritanniens für einen Austritt aus der EU (Brexit) Ende Juni wieder verloren. Seit Jahresbeginn bleiben unterm Strich immer noch 20 Prozent plus. Damit ist Gold zwar nicht so gut gelaufen wie etwa Zink oder andere Metalle, aber doch deutlich besser als der Schnitt auf den Rohstoffmärkten, die seit Jahresbeginn nur um 13 Prozent zulegten. Dem voraus ging bekanntlich ein langer Abwärtstrend, an dem auch Gold teilnahm, nachdem es vor fünf Jahren noch über 1850 Dollar gekostet hatte.

Dass Gold in den ersten neun Monaten dieses Jahres so stark angestiegen ist, sei unter anderem der ständigen Verschiebung der Zinsanhebung in den USA zu verdanken, sagt Köker. Dabei sei der Kursanstieg gar nicht so sehr von der traditionellen Nachfrage nach physischem Gold geprägt gewesen, sondern vom starken Kauf durch Goldfonds und Gold-ETFs, erklärt Daniel Rauch, Fondsmanager bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Diese Nachfrage habe zuletzt etwas nachgelassen, und auch Länder wie China und Indien hätten als große Käufer etwas ausgelassen.

China und Indien

Immerhin kommen China und Indien im Moment wieder stärker auf den Markt zurück. Die Anzeichen verdichteten sich, dass Indien wieder spürbar mehr Gold nachfrage, schreibt Eugen Weinberg, Leiter der Rohstoffanalyse bei der Commerzbank: „Industriekreisen zufolge könnten sich die Goldimporte im Oktober auf 60 bis 70 Tonnen summieren. Dies wäre das höchste Importvolumen seit Januar.“ Dafür verantwortlich ist die Tradition, an Feiertagen Gold zu verschenken. Und Ende Oktober stehen zwei der wichtigsten hinduistischen Feiertage ins Haus, weshalb Gold in Indien vorige Woche erstmals seit neun Monaten wieder mit einem Aufschlag zu den Weltmarktpreisen gehandelt worden ist.

Zentralbanken und Wahlen

Aber ein indischer Ton allein macht noch keine Musik. Diese wird nach wie vor von den Dirigenten in den Zentralbanken zum Erklingen – oder Verstummen – gebracht. Und so befindet sich der Goldpreis derzeit gewissermaßen im Warteraum.

Nimmt man die Europäische Zentralbank (EZB) her, so ist mit klareren Aussagen über ihre künftige Politik frühestens im Dezember zu rechnen. Bei der US-Notenbank Fed gehen viele Beobachter davon aus, dass sie im Dezember den Leitzins leicht anheben und 2017 vielleicht weitere Zinsschritte vornehmen wird, was den Dollar stärken würde. „Das wäre dann möglicherweise belastend für den Goldpreis“, so Köker.

Aber dennoch: Zum einen werden die Zinsschritte sehr moderat ausfallen, was zum Teil schon eingepreist ist. Zum anderen lauern zahlreiche politische Risiken, die − sollten sie schlagend werden − Anleger wieder in sichere Häfen treiben, wovon der Goldpreis profitieren würde: die mögliche Wahl des Populisten und Protektionisten Donald Trump zum US-Präsidenten, die Wahlen in Frankreich und Deutschland 2017 und die Ungewissheit über den Modus des Brexit.

Der Preis für Gold, das etwas überverkauft anmutet, bleibe also vorerst in der Zwickmühle, befindet Köker und empfiehlt, das Überspringen der Marke von 1300 Dollar als Kaufsignal, das − immer noch mögliche − Unterschreiten der Marke von 1200 aber als Verkaufssignal zu interpretieren. Am langfristigen Erfolg von Investitionen in Gold zweifelt kaum jemand. Obwohl Euphoriker wie Ronald-Peter Stöferle, Gold-Fondsmanager beim liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum, der ein Preisziel von 2300 Dollar je Unze im Jahr 2018 ausgibt, rar gesät sind.

Goldminenaktien

Wie geteilt die Meinungen über die nächste Zeit sind, zeigt sich auch an den Empfehlungen für Goldminenaktien. Letztere hebeln ja gewöhnlich den Goldpreis nach oben oder nach unten und haben sich heuer im Wert teils vervielfacht, ehe sie in den vergangenen beiden Monaten korrigierten. So ergeben die Kursziele von 28 Analysten für den weltweit größten Produzenten, die kanadische Barrick Gold, eine Bandbreite, die von 13,68 bis 29 Dollar reicht. Das Papier notiert aktuell bei etwa 17 Dollar. 13 Analysten raten zum Verkauf, elf zum Halten.

Zwar sind bei Goldminenbetreibern spezielle betriebseigene Ereignisse sehr wohl auch kursrelevant. So steht im Fall von Barrick Gold der Verkauf der 50-Prozent-Beteiligung an der australischen Großmine Kalgoorlie, der mehr als eine Milliarde Dollar bringen und die Schuldenlast erleichtern würde, ins Haus. Und auch die Tatsache, dass die Produzenten ihre Hausaufgaben gemacht haben und die Produktionskosten seit 2012 von 1200 Dollar auf 960 Dollar je Unze drücken konnten, wird von Aktionären goutiert. Größter Kurstreiber aber bleibt der Goldpreis. Liegt er über 1300 Dollar, können die Firmen brauchbare Margen erzielen.

Größte Goldproduzenten neben Barrick Gold sind: Newmont Mining, AngloGold Ashanti und Goldcorp. Sie alle haben im Vorjahr jeweils deutlich über 100 Tonnen produziert. [ istockphoto.com ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2016)

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