Münze-Chef: „Österreicher haben beim Gold dazugelernt“

Der Goldpreis ist heuer zuerst gestiegen – und dann gefallen. Für die Münze Österreich war es ein ruhiges Jahr, sagt Generaldirektor Gerhard Starsich. Seit der Finanzkrise sei die Goldnachfrage explodiert.

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Die Österreicher kaufen auch bei fallenden Preisen Gold, sagt Münze-Chef Starsich. – Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Österreicher und Deutsche kaufen sehr viel Gold und Silber. Woran liegt das?

Gerhard Starsich: Österreich und Deutschland sind die münzaffinsten Märkte der Welt. Das liegt wohl an den vielen Kriegen, die diese Länder und ihre Bewohner miterleben mussten – und an den damit einhergehenden völligen Vermögensverlusten. Im Ersten Weltkrieg hatten zum Beispiel viele Leute Kriegsanleihen gezeichnet. Das war dann alles nichts mehr wert.

Auch die Währungen sind zusammengebrochen.

Ja, mit den Währungen war es genauso. Nach beiden Kriegen. Das steckt bis heute in den Knochen. Deswegen vertrauen die Leute oft nicht mehr auf Papierversprechen und sagen: Wir wollen einen Teil unseres Vermögens in etwas veranlagen, das man angreifen kann.

Das hat sich tatsächlich bis heute gehalten?

Ja. Wir haben gute Kunden, die uns sagen: Wir haben unser Vermögen durch das Dritte Reich gebracht, weil wir die Goldmünzen im Garten vergraben hatten. Der private Goldbesitz war damals ja verboten.

Aber nach 1945 hatten wir zuerst den Schilling und dann den Euro. Zwei gut funktionierende Währungen.

Ja, die Währungen funktionieren. Das Vertrauen in die Währungen ist inzwischen sehr hoch. Aber die Veranlagungsmöglichkeiten funktionieren eben nicht immer. Siehe Lehman-Krise. Papiere haben immer ein inhärentes Risiko der Firma, die hinter dem Papier steht.

Seit wann bröckelt das Vertrauen in klassische Veranlagungen wie Aktien oder Anleihen?

Das hat mit der Krise begonnen. Wenn Sie sich unsere Goldverkäufe anschauen, haben wir 2007 noch rund 277.000 Unzen verkauft. Ein Jahr später waren es 1,5 Millionen. Seitdem waren wir immer über einer Million oder knapp dran. Heuer werden es rund 700.000 sein. Im Vorjahr waren es noch 1,3 Millionen Unzen.

Das ist ein großer Unterschied.

Nach acht Jahren Goldhausse ist der Markt ziemlich gesättigt. Da wird eine Verschnaufpause einsetzen. Außerdem hat sich die politische Lage beruhigt. Da hat es in jedem der vergangenen Jahre eine besonders große Krise gegeben. Zuletzt war das die Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Das merken wir sofort. Am Tag nach einem Krisenereignis stehen die Leute bei uns Schlange.

Auch nach dem Brexit?

Nicht wirklich. Das war ein kurzes Flackern, das vielleicht einen halben Tag gedauert hat.

Ist es nicht Blödsinn, am Tag einer Krise Gold zu kaufen? Da ist der Preis ja tendenziell hoch.

Als Lehman angefangen hat, war den Leuten der Preis völlig egal. Die wollten nur Gold kaufen. In normalen Zeiten überlegen die Menschen natürlich schon, ob es ein guter Zeitpunkt ist, um einzusteigen. Diesen Sommer war es eher ruhig. Im Herbst und Winter ist der Preis zurückgegangen. Da sind die Umsätze plötzlich sprunghaft gestiegen.

Kaufen die Leute inzwischen stärker, wenn der Goldpreis zurückgeht?

Ja, das hat sich geändert. Als ich vor acht Jahren bei der Münze angefangen habe, haben die Österreicher immer in den steigenden Markt gekauft. Inzwischen kaufen sie auch in fallende Märkte. Da haben sie dazugelernt. Gold ist auch insgesamt viel interessanter geworden. Heuer war ein ganz ruhiges Jahr, und wir werden 700.000 Unzen verkaufen. Vor der Finanzkrise waren es in normalen Jahren 200.000. Da hat sich ein neuer Markt entwickelt.

Man kann beobachten, dass auf ein starkes Goldjahr ein schwaches folgt. Warum?

Erstens liegt das an den zufälligen Ereignissen. Und zweitens auch daran, dass das Edelmetallgeschäft zyklisch ist. Die Leute sagen: Jetzt hab ich mich eingedeckt, jetzt mach ich eine Pause.

Wir besprechen hier Ihre weltweiten Verkäufe. Was sind die wichtigsten Märkte für die Münze Österreich?

Europa, Japan und die USA. Im vergangenen Quartal waren wir sogar wieder Weltmarktführer mit dem Philharmoniker. Zirka 70 bis 80 Prozent verkaufen wir in Europa.

Gibt es Länder in Europa, wo kaum Gold gekauft wird?

Am schwierigsten sind die nordischen Länder. Aber auch das unterliegt Schwankungen. Jetzt ist Schweden wieder gut angelaufen. Aber grundsätzlich kann man sagen: Je südlicher, desto mehr Gold wird gekauft. Aber Deutschland und Österreich führen trotzdem mit großem Abstand.

Gibt es so etwas wie einen typischen Goldkäufer?

Nein, das geht durch alle Altersklassen, Berufe und Schichten. Wenn es vor unserem Shop eine Schlange gibt, sieht man dort junge Frauen und alte Männer. Quer durch den Gemüsegarten.

ZUR PERSON

Gerhard Starsich ist seit 2011 Generaldirektor der Münze Österreich. Das ehemalige Münzamt am Wiener Heumarkt gehört dank der erfolgreichen Philharmoniker-Münze zu den Weltmarktführern im Bereich Anlagegold. Starsich hat Handelswissenschaften studiert und war von 1994 bis 1997 beim Europäischen Währungsinstitut tätig, dem Vorgänger der Europäischen Zentralbank. Von 1999 bis zu seinem Wechsel in die Münze 2008 war Starsich bei der Oesterreichischen Nationalbank.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2016)

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