"Kunden wollen mit Preisen aus Web im Geschäft kaufen"

Immer mehr Menschen kommen gut informiert in die Geschäfte und verlangen den besten Preis aus dem Internet - eine Herausforderung für den Handel.

Kunden wollen Preisen Geschaeft
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Kunden wollen Preisen Geschaeft
(c) REUTERS (RUSSELL CHEYNE)

„Das kostet aber im Internet um 20 Euro weniger. Außerdem hat das dort angebotene Produkt noch eine Zusatzfunktion. Und außerdem wird es noch kostenlos nach Hause zugestellt." Auf solche und ähnliche Kundenargumente werden sich Österreichs Verkäufer vermehrt einstellen müssen. Denn der Einzelhandel vollzieht gerade einen rasanten Wandel. Für Patricia Mussi, Geschäftsführerin Handelsverband Österreich ist eine Händler-Website ohne Shop heute wie das Schaufenster eines geschlossenen Ladens. Diente das Internet bis dato in erster Linie hauptsächlich dazu, sich vor einem Einkauf zu informieren, so wird die Rolle als Einkaufsmedium rasch zunehmen, sagt Handelsobfrau Bettina Lorentschitsch.

Mittlerweile nutzt fast jeder zweite Österreicher das Internet regelmäßig, um online zu bestellen oder zu buchen. Die Anteile bei allen Altersgruppen sind stark steigend, ebenso wie der Umsatz kräftig zulegt. Die 250 umsatzstärksten Onlineshops in Österreich generierten im Jahr 2011 Umsätze von 2,1 Milliarden Euro, was einem Wachstum von 28 Prozent entspricht, zeigt eine aktuelle Studie von EHI und Statista über den „E-Commerce-Markt Österreich". Die größten Anteile an Online-Shoppern findet man nach einer Befragung der Statistik Austria bei den unter 45-Jährigen: 2012 haben 70,6 Prozent der 25- bis 34-Jährigen im Netz eingekauft, bei den 35- bis 44-Jährigen waren es 63,8 Prozent. Bei der Altersgruppe der 45- bis 54 Jährigen waren es 45,3 Prozent.

Preistransparenz wird gefördert

Für den stationären Handel wird der Onlinehandel die größte Herausforderung der nächsten Jahre darstellen, ist Georg Wiedenhofer, Geschäftsführer von Gallup Österreich, überzeugt. Als wesentlichste Konsequenzen für die Geschäfte nennt er im Gespräch mit DiePresse.com den Rückgang der Flächenproduktivität und eine reduzierte Handelsspanne aufgrund der höheren Preistransparenz. Letztere wird dazu führen, dass die Kunden im Geschäft dem Händler den im Internet gefundenen Toppreis präsentieren werden. Und kein Händler wird den Kunden gehen lassen.

In Folge der hohen Vergleichbarkeit beim Preis wird für die Händler der Spielraum nach oben immer kleiner. Dass alle Händler mit dem Preis automatisch nach unten rutschen, würde der Gallup-Chef jedoch nicht als gegeben annehmen. Preisvergleichsplattformen schießen wie die Schwammerl aus der Erde und fördern die Preistransparenz enorm. Das ist aber erst der Anfang. Die Anzahl der Leute, die mit dem Handy im Geschäft stehen und einen Preisvergleich machen, nimmt ebenfalls deutlich zu. Immerhin haben 13 Prozent der Konsumenten schon einmal in einem Geschäft einen Preis verlangt, den sie im Internet gesehen haben.

Auch Gruppe „50 plus" wird wachsen

Als Hauptgründe für den Online-Kauf zitiert Wiedenhofer aus einer Gallup-Studie ein wesentlich breiteres, komplettes Sortiment, bessere Vergleichsmöglichkeiten, keine Ladenöffnungszeiten und eine enorme Preistransparenz. Am stärksten betroffen sieht er den Elektrohandel mit vielen seiner Sortimente sowie die Online-Klassiker Reisen und Bücher. Aber auch die Modebranchen Textil und Schuh werden seiner Ansicht nach zunehmend unter Druck geraten. Eine geringe Rolle wird Online in den Kategorien mit beratungsintensiven Produkten wie Möbel und Baumärkten spielen.

Noch sind es zumeist die jüngeren Altersgruppen, die sich heute für das Online-Shopping entscheiden. Dennoch bezeichnet Wiedenhofer insgesamt die Aussichten für den stationären Handel gar als „besorgniserregend". Denn auch die Gruppe der „50 plus", die aktuell noch immer die geringste Internetpenetration und -affinität hat, wird ihre Anteile steigen und zudem werden die interneterprobten Jahrgänge der unter 50-Jährigen nachrutschen.

Kunden muss alles geboten werden

Die Gallup-Studie gibt auch eine Antwort auf die Frage, wie sich die Konsumenten mehrheitlich verhalten werden. Gehen die Leute ins Geschäft, informieren sich dort und um dann nach Hause zu gehen, um online zu bestellen? Oder informieren sich die Leute zu Hause im Internet, gehen dann ins Geschäft um stationär zu kaufen, verlangen dort aber den besten Preis? Das Ergebnis ist ganz eindeutig, sagt Wiedenhofer. Die Mehrheit der Leute informiert sich vorher sehr ausgiebig im Web, um dann im Geschäft mit dem Informationsstand, sprich Preisen, aus dem Internet zu kaufen. Viele potentielle Kunden kommen informationsmäßig hervorragend aufgerüstet ins Geschäft und treffen dort auf Verkäufer, die Schwierigkeiten haben, das gleiche Niveau zu haben.

Die Lösung für die Problematik sieht Handelsexperte Wiedenhofer in einem „sowohl als auch". Unternehmen, die heute das Multichanneling schon sehr gut verstehen, ist es letztlich egal, ob der Kunde online oder stationär kauft. Wichtig ist solchen Händlern nur, dass bei ihnen gekauft wird. Der Kunde muss die Möglichkeit haben, online zu bestellen oder ins Geschäft zu kommen, um dort das Produkt zu erwerben. Falls online gekauft wird, muss das Produkt auch stationär umgetauscht werden können, wenn es nicht passt. Das totale Zusammenspiel zwischen Online und „Offline" sowie die gesamten Information muss dem Kunden geboten werden.

 

 

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