Eisenriegler: "Konsumwahn nicht in Genen verankert"

Die kurze Lebensdauer von Haushaltsgeräten ist oftmals geplant, sagt der Sozialökonom Sepp Eisenriegler. Und technische Innovationen bedeuten nicht immer Fortschritt.

Eisenriegler Konsumwahn nicht Genen
Schließen
Eisenriegler Konsumwahn nicht Genen
Sepp Eisenriegler – (c) R.U.S.Z.

Geplante Obsoleszenz ist das bewusste Einbauen von Schwachstellen in Produkte, um deren Lebensdauer zu verkürzen. Manche Produkte werden absichtlich so konstruiert, dass sie ein bestimmtes Alter nicht überschreiten sagt Sepp Eisenriegler vom R.U.S.Z., dem Reparatur- uns Servicezentrum für Haushaltsgeräte, im DiePresse.com-Interview. Er hat sich dem Kampf gegen die geplante Obsoleszenz verschrieben.

DiePresse.com: Sie kritisieren die oftmals nur geringe Lebensdauer von Haushaltsgeräten. Was halten Sie von den modernen Flachbildschirmen?

Eisenriegler: Die Innovation Flat-TV hat für die Kunden weder einen ökologischen noch einen ökonomischen Vorteil gebracht und zudem eine qualitative Verschlechterung. Zum einen werden durch defekte Elektrokondensatoren (Elko) häufig Reparaturen notwendig. Bis zu 70 Prozent der Fehler bei den Bildschirmen sind in defekten Elkos im Netzteil begründet, die ganz einfach vermeidbar wären. Man müsste nur minimal teurere Kondensatoren verwenden. Noch dazu werden diese Elkos häufig an den „wärmsten Stellen" des Gerätes platziert. Das ist für mich geplante Obsoleszenz. Im Vergleich dazu hat den alten Röhrenfernsehern nur hin und wieder ein Service gefehlt, um den angesammelten Staub zu entfernen, aber diese Geräte haben 30 Jahre gehalten. Von der Qualität ist der Röhren-Fernseher dem Flat-TV vorzuziehen. Ein Nachteil ist der erhöhte Platzbedarf und er ist nicht so hip.

Wie sieht es beim Strombedarf aus?

Die Flachbildfernseher mit den heute angebotenen Bildschirmdiagonalen brauchen mehr Strom als die größten Röhrengeräte. Es macht natürlich einen Unterschied, ob man bei Bildschirmdiagonalen von 180 cm aufwärts schaut oder ob man sich mit dem Durchschnitt früherer Jahren von etwa 75 cm begnügt. Die Energieeffizienz wird immer als Lockmittel für neue Produkte missbraucht. Seit 2006 hat sich die Energieeffizienz von Waschmaschinen und Geschirrspülern nicht mehr steigern lassen, sagt sogar der deutsche Zentralverband der Elektronikindustrie. Dort hieß es bereits 2006: "Bei der Energieeffizienz von Geschirrspülern und Waschmaschinen sind wir nahe am technischen Limit".

Wie sollten sich die Konsumenten hier verhalten?

Ein ganz simples Beispiel: Heute werden bei den Waschmaschinen vorwiegend 8 kg-Geräte verkauft und nicht wie früher 5 kg-Maschinen. Erstere brauchen wesentlich mehr Strom für einen Waschgang als zweitere, und das bei gleicher Energieeffizienz. Damit werden mögliche Energieeffizienz-Vorteile wiederum ins Gegenteil verkehrt, das ist der klassische Rebound-Effekt. Eine Studie vom Ökoinstitut in Freiburg aus 2009 zum Waschverhalten besagt, dass man die beste Nutzung der Energieeffizienz mit dem sogenannten Click-Down-Szenario erreicht. Danach soll man jede Wäsche mit einer um zehn Grad niedrigeren Temperatur waschen als vorgegeben, sofern man mit dem Waschergebnis zufrieden ist. Drei Unterhosen alleine zu waschen ist immer eine Energieverschleuderung, egal wie energieeffizient die Maschine ist.

Was werfen Sie den Billigherstellern von Waschmaschinen vor?

Die Stoßdämpfer werden zu schwach ausgeführt. Das führt zu einem Problem beim Lager und dieses schlägt wiederum den Kunststoffsitz aus. Man kann das Lager zwar tauschen, was aber nichts hilft, da dieses wegen des ausgeschlagenen Kunststoffsitzes nicht fest sitzt. Eine Reparatur kostet 300 Euro für ein Gerät, das auch im Verkauf 300 Euro kostet.

Was ist der Unterschied zwischen einem Billiggerät und dem teuren Markenprodukt?

Zum einen der Gerätepreis bei Waschmaschinen von 300 Euro gegenüber 1200 Euro, jedoch mit dem gewaltigen Unterschied, dass 300 Euro-Maschinen nur drei Jahre halten, das andere Gerät aber 20 Jahre. Um 20 Jahre saubere Wäsche zu haben, investieren Sie beim Markengerät 1200 Euro, beim Billiggerät braucht man sieben Geräte und ein Investment von insgesamt 2100 Euro.

Woran kann sich der Kunde ohne Know-How beim Kauf orientieren?

Eine einfache Botschaft an den Kunden: Bei einer Waschmaschine kann man bis zu einer Preisklasse von 800 Euro davon ausgehen, dass die Maschine pro hundert Euro ein Jahr länger hält. Eine 300 Euro-Maschine hält drei Jahre, eine 800 Euro-Maschine wird etwa acht Jahre waschen. Dann gibt es einen Qualitätssprung. Bei einem Markengerät um 1200 Euro, kann man davon ausgehen, dass dieses 20 Jahre hält. Man muss fairerweise auch Zusatzkosten von bis zu zwei Reparaturen einrechnen. Da bei uns die durchschnittliche Reparatur etwa 130 Euro kostet, kommt man im Qualitätsbereich auf einen Gesamtpreis von ungefähr 1460 Euro. Den Waschmittelverbrauch kann man vernachlässigen, denn dieser ist bei allen Maschinen der gleichen Energieeffizienzklasse gleich.

Teurere Haushaltsgeräte sind aber nicht immer für alle leistbar?

Die Menschen sollen nicht auf Billigprodukte angewiesen sein, die in Wahrheit teurer kommen. Daher soll es vernünftige Angebote für Mietleasing geben. Diese schaffen neben der Leistbarkeit auch den Zusatznutzen, dass die Hersteller ihre Einnahmen über Mieten lukrieren und nicht über die Produktion von Massenkonsumartikel. Denn dann werden die Produzenten die Produkte auch langlebiger gestalten und das dahinterliegende Ressourcen- und Abfallproblem wird sich reduzieren.

Warum schneiden bei diversen Tests sogenannte Billiggeräte oftmals nicht schlechter ab als Markenprodukte?

Bei diesen Tests wird die Langlebigkeit nicht als Kriterium berücksichtigt. Wir sind gerade dabei, mit dem Lebensministerium die Testkriterien anzupassen. Das Langlebigkeitskriterium soll in der Beurteilung von Topprodukten (www.topprodukte.at) berücksichtigt werden, auch der VKI sollte das in all seine Tests aufnehmen. Das würde ich als großen Schritt in die richtige Richtung sehen.

Macht es Sinn gebrauchte Markengeräte zu kaufen und mit welchen Preisen muss man hier rechnen?

Wenn es der Kunden einmal kapiert hat, dass es besser ist, ein gebrauchtes Produkt um den selben Preis eines neuen Produktes zu kaufen mit dem Unterschied dass das gebrauchte Gerät nicht nur drei oder vier Jahre hält, sondern zehn oder zwölf Jahre, dann hat meine Idee gewonnen. Das Problem heute ist oftmals noch, dass der Kunde sagt, um 450 Euro bekomme ich auch eine neue Waschmaschine. Anders denken Menschen, die besser informiert sind und von ihrem Lebensstil und ihren Wertvorstellungen nicht immer was Neues haben müssen.

Wie erreicht man mit Aufklärung und Information mehr Menschen?

Die Medienkampagne über die geplante Obsoleszenz ist der beste Werbeträger für qualitativ hochwertige und auch gebrauchte langlebige Produkte. Man muss vom „Sudern" wegkommen, hin zu einer konstruktiven Herangehensweise. Ich werde von E&W, dem Fachmagazin für den Elektrohandel, zu Stammtischen eingeladen, wo gemeinsam mit den Herstellervertretern Ideen entwickelt werden, wie der Marktanteil langlebiger Produkte erhöht werden kann. Die Hersteller sind da gespalten. Einerseits stehen sie vor dem Problem, dass alle Leute nur mehr billiges Klumpert kaufen wollen, da sie ja die Auftraggeber der Werbewirtschaft sind, andererseits will man auch langlebige Produkte verkaufen, weil dabei die Gewinnspanne am besten ist.

Was läuft da falsch?

Die Werbewirtschaft bekommt ihre Aufträge nur von den Herstellern, die angeblich nur das tun, was der Kunde will. Die Produzenten als Gestalter des Kundenwunsches können sich nicht auf das Argument zurückziehen, wir machen nur was die Kunden wollen. Zuerst erfinden die Werbeleute für die Industrie und Handel nur „Geiz ist geil und Hau weg den Dreck-Kampagnen", um dann zu sagen, wir machen nur, was die Kunden wollen. Das kann es nicht sein. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Konsumwahn nicht in unseren Genen verankert ist, sondern dass Menschen im Sinne einer Bewusstseinsbildung durch die Werbebotschaften in die falsche Richtung beeinflusst werden. Und uns fehlt die Kohle, die Menschen in die richtige Richtung voranzutreiben. Wenn man Leute, genau so wie es der Media-Saturn-Konzern macht, mit Plakaten und Fernseh- und Radiowerbung zupflastern kann, dann bin überzeugt, dass wir mit entsprechenden Budgets mindestens genau so erfolgreich wären, aber in die richtige Richtung.

Was halten Sie von der Aussage, dem Kunden könne der Zeitaufwand nicht zugemutet werden sich vor dem Kauf entsprechend zu informieren?

Ich glaube, es geht bei der Information gar nicht um den Zeitaufwand, sondern dass es außer bestimmten Webplattformen und vielleicht der einen oder anderen guten Homepage zu wenig Möglichkeiten gibt, sich zu informieren. Gehen sie in die Haushaltsabteilung eines großen Elektrogeschäftes und fragen sie einen Fachberater, ob der Bottich der Waschmaschine XY aus Kunststoff oder aus Edelstahl ist. Sie werden es wahrscheinlich nie erfahren.

Sie haben das R.U.S.Z. im 14. Bezirk vor 15 Jahren gegründet. Sollte man diese Idee nicht filialisieren?

Ich verfolge diesen Gedanken. Ich erhalte E-Mails aus ganz Österreich. Es sind bereits einige Dinge in Verhandlung, aber mehr möchte ich derzeit dazu nicht sagen. Andererseits befinde ich mich in einem Gefangenendilemma. Der große Hemmschuh bei seriösen Reparaturdienstleistungen ist, dass man gerade kostendeckend arbeiten kann. Würde man einen fairen Gewinnaufschlag kalkulieren, dann lässt niemand mehr reparieren. Aber es helfen auch neue Kooperationen. Mit einem Projekt werden wir voraussichtlich ab September 2013 Lehrabbrecher und Lehrabschlussprüfungsverweigerer so motivieren, dass sie zu einem guten Teil die Hürden doch schaffen werden, die derzeit für sie nicht überwindbar sind. Damit kehren wir wieder zu unseren Wurzeln zurück, wo wir als Wirtschaftsbetrieb wie ein zweiter Arbeitsmarktförderbetrieb agierten. Wir haben zehn Jahre Langzeitarbeitslose über 45 und Menschen mit Behinderungen mit einer Erfolgsquote von 71 Prozent wieder in Beschäftigungen gebracht. Heute sind wir ein normaler Mechatroniker-Fachbetrieb, der keine Förderungen und Aufträge von der Arbeitsmarktpolitik erhält.

Sie waren in Brüssel als Lobbyist im Umweltbereich tätig. Was hat sich da verändert?

Bei der Elektroaltgeräte-Richtlinie wurde festgeschrieben, die Wiederverwendung ganzer Produkte hat oberste Priorität. Und zum anderen die Abfallrahmenrichtlinie, wonach die Mitgliedstaaten die Reparatur und Re-Use-Netzwerke zu fördern haben. Dagegen will die Industrie partout noch immer nach dem alten wirtschaftlichen Muster agieren, solange die Konsumenten mitspielen. Dabei gibt es einen extrem hohen Ressourcenaufwand, bei dem die Kosten aber externalisiert sind. Sie will weiter sehr billige Produkte en masse verkaufen, obwohl bei Haushaltsgeräten weitgehend Marktsättigung eingetreten ist. Die Menge an Produkten kann nur verkauft werden, weil die Produktlebensdauer immer mehr verkürzt wird.

Zur Person

Sepp Eisenriegler ist Gründer und Geschäftsführer des Reparatur- und Servicezentrums R.U.S.Z in Wien. Zuvor war er Umweltberater der Stadt Wien. Eisenriegler ist Mitbegründer der österreichischen (RepaNet) und europäischen (RREUSE) Dachverbände für Sozialwirtschaft.

(red/herbas)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Eisenriegler: "Konsumwahn nicht in Genen verankert"

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen