"Das Gold ist ein herzlich wenig verwendbares Metall. Es eignet sich zu Schmuck und zu Zahnplomben", urteilte der deutsche Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber (1868-1934) nüchtern über Gold. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich mit Gold intensiv zu beschäftigen. Genau genommen, mit dessen Gewinnung. Um die leeren Staatskassen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufzufüllen, versuchte er Gold aus dem Meerwasser zu lösen. Denn Haber war, wie viele Experten seiner Zeit, davon überzeugt, dass in jeder Tonne Meerwasser bis zu zehn Milligramm Gold schwimmen.
Heute mag das unwahrscheinlich klingen, damals war es das nicht. Der Mitbegründer der physikalischen Chemie und Nobelpreisträger Svante Arrhenius hatte 1903 einen Gehalt von sechs Milligramm Gold pro Tonne Meerwasser ermittelt. Folglich bargen die Weltmeere einen Goldvorrat von acht Milliarden Tonnen. Auch der englische Chemie-Nobelpreisträger William Ramsay war zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Es fehlte lediglich ein Verfahren zur Goldgewinnung.
Das Ziel: 50.000 Tonnen Gold aus dem Meer
Haber war ein Patriot und stellte sich in den Dienst des Staates. Das Problem: Die Deutschen mussten 132 Milliarden Goldmark an Reparationszahlungen leisten. Der Chemiker wollte es auf seine Art und Weise lösen. Er rechnete die Summe in Feingold um und setzte sich ein Ziel: Er musste 50.000 Tonnen Gold aus dem Meer gewinnen. Dabei fühlte sich Haber laut seiner Biografin Margit Szöllösi-Janze zusätzlich unter Druck gesetzt: Unter anderem "vom Anziehen der Inflation bis zur Hyperinflation des Jahres 1923, die den Bestand seines Institutes gefährdete".
Viele "Goldmacher" waren aber einfach nur Betrüger. Fritz Tausend etwa wollte Gold durch "Transmutation" chemisch herstellen. Heinz Kurschildgen versuchte sogar SS-Chef Heinrich Himmler davon zu überzeugen, dass er aus Sand Gold und aus Wasser Benzin machen könne.
Haber, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem (heute Fritz-Haber-Institut), gründete die geheime Arbeitsgruppe M. Der "Meerwasser-Gruppe" gehörten bis zu 20 Mitarbeiter an. Wegen der Beschlagnahme der deutschen Kriegs- und Handelsflotte durch die Alliierten war der Zugriff auf Ozeanwasser aber nur indirekt möglich, heißt es in einer Festschrift anlässlich der hundertjährigen Geschichte des Instituts im Jahr 2011: "Erst 1923 konnte man auf Linienschiffen kleine Laboratorien installieren, die auf der Passage nach New York bzw. Buenos Aires Wasserproben des Nord- und Südatlantiks direkt analysierten."
"Stecknadel im Heuhaufen"
Die Ergebnisse waren ernüchternd. "Im Lauf der Jahre wurden die Mikrogramme je Liter Meerwasser zu Zehntel- und Hundertstelmikrogrammen, um schließlich bei Millimikrogrammen zu enden", schreibt Haber-Biografin Szöllösi-Janze. Der Goldgehalt des Meerwassers belief sich also nicht einmal auf den tausendsten Teil der ursprünglich vermuteten Konzentration. "Damit wurde das Projekt wirtschaftlich uninteressant, da an eine industrielle Ausbeutung nicht mehr zu denken war", heißt es in der Festschrift des Instituts. Im Mai 1926 verkündete Haber daher, dass er es aufgegeben habe, "nach dieser zweifelhaften Stecknadel in einem Heuhaufen zu suchen".
Auch wenn es Haber als persönlichen Misserfolg betrachtete, so leistete das Meergoldprojekt doch einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag. "Aus dem Versuch, der deutschen Wirtschaft zu nutzen, indem man eine Technologie zur Meerwasserentgoldung entwickelte, war ein Langzeitprojekt der ozeanographischen Grundlagenforschung geworden, das die unterschiedliche Verteilung von Edelmetallen in den Weltmeeren untersuchte", schließt Szöllösi-Janze. Auch über die Strömungsverhältnisse in den Weltmeeren wurden wichtige Erkenntnisse gewonnen.
Andererseits leistete Haber wesentliche Vorarbeiten bei der Entwicklung des Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B, das im Dritten Reich eine todbringende Karriere machte.

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