Klassenlotterie: Der Traum vom Spieler als Sparer

08.01.2013 | 09:50 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Vor 100 Jahren wurde die Klassenlotterie in Österreich eingeführt. Doch schon früher erkannten die Habsburger das Glücksspiel als Einnahmequelle.

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Vor 100 Jahren, am 3. Jänner 1913, wurde das von Kaiser Franz Josef I. erlassene Gesetz "betreffend der Aufhebung des Zahlenlottos und der Einführung der Klassenlotterie" beschlossen:

"Ich erteile dem von beiden Häusern des Reichsrates beschlossenen Entwurf eines Gesetzes betreffend die Aufhebung des Zahlenlottos und die Einführung des Klassenlottos Meine Sanktion und übergebe Ihnen das mit Meiner Unterschrift versehene Gesetz."

Die Geschichte des staatlichen Glücksspiels in Österreich geht allerdings weiter zurück. 1751 führte Kaiserin Maria Theresia mit dem Lottopatent das "Lotto di Genova", das heutige Zahlenlotto, auch in Böhmen und Österreich ein. Am 21. Oktober 1752 fand auf dem heutigen Lobkowitzplatz (damals Augustinerplatz) die erste öffentliche Ziehung, durchgeführt von einem Waisenbuben, in Wien statt. Die ersten gezogenen Zahlen waren übrigens 26, 81, 53, 11 und 74. Seit damals wird Zahlenlotto mit den Zahlen 1 bis 90 in Österreich durchgehend gespielt.

Wie in fast allen europäischen Ländern erkannten auch die Habsburger dieses Spiel schon bald als Einnahmequelle. Hohe Staatsschulden infolge der Österreichischen Erbfolgskriege waren ein Hauptgrund dafür. Das Geld sollte für wohltätige Zwecke genutzt werden und war eine indirekte freiwillige Steuer. Schon damals aber wurde das Glücksspiel von manchen als "Trottelsteuer" bezeichnet, wie die im April 2011 verstorbene Edith Saurer in ihrem Buch "Straße, Schmuggel, Lottospiel" schrieb. Gleichzeitig wurde jede andere Art von Glücksspiel verboten, was zu einer Monopolstellung des Staates führte.

"Stellt nicht das ganze Leben eine Lotterie dar?"

Der erste Versuch einer Klassenlotterie im Jahr 1770 scheiterte. Nach zwei Ziehungen war Schluss, weil der Verlust bereits 50.000 Gulden betrug. Immer wieder wurde auch die Auflösung des Zahlenlottos gefordert. Die nahe am Staatsbankrott regierenden Habsburger konnten und wollten sich die Aufgabe dieser einträglichen Einnahmequelle aber nicht leisten.

Zahlenlotto vs. Klassenlotterie
Bei Zahlenlotto werden dreimal wöchentlich fünf aus 90 Zahlen gezogen. Sieben verschiedene Spielarten mit unterschiedlich großen Gewinnwahrscheinlichkeiten stehen zur Verfügung. Einsätze zwischen 1,- Euro und 500,- Euro sind möglich.

Die Österreichische Klassenlotterie ist eine traditionelle Nummernlotterie. Eine Lotterie läuft in sechs Spielabschnitten ab, den so genannten "Klassen", und dauert rund sechs Monate. Es werden 250.000 Lose pro Lotterie aufgelegt. Der Preis für ein ganzes Los beträgt pro Klasse 150,- Euro, für ein halbes Los 75,- Euro und für ein Zehntellos 15,- Euro. Die Gesamtgewinnsumme liegt bei 126 Millionen Euro.

Quelle: Österreichische Lotterien

Von Beginn an gab es Befürworter und Gegner des Glücksspiels, schreibt Gabriele Schmid in ihrer Diplomarbeit "Zahlenlotto und Klassenlotterie in der Habsburgermonarchie 1751 - 1918" (2008, als pdf). Auf der einen Seite wurde mit dem Hang des Menschen zum Glücksspielen argumentiert, der nicht unterdrückt werden könnte. Paul Jacob Marperger (1656-1730), Kommerzienrat am kurfürstlich-sächsischen Hof, sah nichts Schädliches darin, "stelle denn nicht das ganze Leben eine Lotterie dar und sei nicht auch der Ehestand eine solche Lotterie, da mancher junge Mann eine alte Frau, mancher alte Graukopf ein junges mutiges Mädchen zieht?"

"Unterschichten spielen, aber arbeiten nicht"

Die Gegner auf der anderen Seite stellten die Gefahren in den Vordergrund: Die Spielsucht würde den Menschen das Geld aus den Taschen ziehen, warnten sie. Neben moralischen Bedenken gäbe es auch volkswirtschaftliche negative Folgen: "Die Unterschichten spielen, aber sie arbeiten nicht", waren Gegner überzeugt. Außerdem war man überzeugt, dass das Lottospiel falsche Hoffnungen erwecke, so Schmid. Gewinne würden unter dem Motto "Wie gewonnen, so zerronnen" erst recht wieder zu Armut führen.

Der Historiker August Ludwig Schlözer (1735-1809) wiederum war überzeugt, dass der Staat mit den Lottoeinnahmen eigentlich gar keine Gewinne mache, da er diese zum Bau von "Galgen und Zuchthäusern" in Folge des Glücksspiel benötige. Die Kirche predigte ebenfalls gegen das Lotto - wohl weil Geld für den Klingelbeutel und die Opferstöcke verloren ging, wie Schmid schreibt.

Wussten Sie...?
Österreich und Italien sind die einzigen Länder in Europa, in denen das Lottospiel nach Einführung niemals abgeschafft wurde.

Selbst Bettler haben Geld für Lotto

Die böhmischen Stände forderten im 19. Jahrhundert ebenfalls die Aufhebung des Lottos, denn "selbst Bettler hätten genügend Geld für ihre niedrigen Einsätze, welche sie sich auf kriminelle Weise verschafften", schrieb Saurer. Und auch der Oberste Hofkanzler Karl Graf von Inzaghi (1777-1856) meinte, dass "der Staat auf eine abwürdigende Weise sich durch ihr Unglück bereicherte". Doch auch im Revolutionsjahr 1848 kam es - obwohl Finanzminister Philip Freiherr von Krauss eine dementsprechende Absicht der Regierung ankündigte - zu keiner Abschaffung.

Dennoch entstanden in jener Zeit die ersten konkreten Reformvorschläge. Erstmals war davon die Rede, den Spargedanken in der Bevölkerung zu fördern.

"Aus Spielern Sparer machen"

Die soziale Problematik wurde erkannt. "Das Lottospiel wurde als größter Feind des Sparwesens betrachtet", schreibt Schmid. Viele Reformvorschläge setzten bei diesem Gedanken an. "Dem Volke muss die Gelegenheit geboten werden, mit dem Einsatz eine Glückshoffnung auf einen Spielgewinn so zu erkaufen, dass der Einsatz zur Spareinlage und der Spieler dadurch mit der Zeit zum Sparer erzogen werden", war etwa der Journalist und Sektionschef im Finanzministerium Rudolf Sieghart (1866-1934), ein erklärter Glücksspielgegner, um die Jahrhundertwende überzeugt.

Ein anderer scharfer Kritiker war laut Schmid Julius Karpas. Er wollte die Kursentwicklung der Renten mit einer Spielgelegenheit in der Klassenlotterie verknüpfen. Sein Ziel: Aus Spielern sollten Sparer werden. Um die Rentenkurse zu heben, müsste man den "bewussten Spieltrieb in einen unbewussten Spartrieb umwandeln", so Karpas. Er schlug Schmid zufolge die Neugründung einer Prämienkasse oder Volksbank vor, die Spareinlagen entgegennehmen sollte, mit:

  • keiner Verzinsung, sondern bloß einer Spielchance
  • einer kleinen Verzinsung und Spielchance

Sein Gedanke: Je mehr die Menschen spielen wollten, desto mehr müssten sie auch sparen. Das empfand er als moralisch und volkswirtschaftlich empfehlenswert.

Zahlenlotto wurde nie abgeschafft

Wer Lotto spielte hatte tatsächlich nur geringe Gewinnchancen - nur rund 1,5 Prozent der Spieleinlagen wurden als Gewinne ausgezahlt. Die Einführung einer Klassenlotterie an Stelle des Zahlenlottos sollte diese Ungerechtigkeit beseitigen und sich zudem beruhigend auf die Spielleidenschaft auswirken. Mit der Klassenlotterie als kleinerem von zwei Übeln sollte sich auch das Sparverhalten der Bevölkerung positiv verändern. Man hoffte auch durch die relativ hohen Lospreise auf eine Art Selbstbesteuerung der wohlhabenderen Klassen.

Erst 1913 kam es aber zur Einführung der Klassenlotterie mit der Absichtserklärung, die Zahlenlotterie binnen zehn Jahren einzustellen. Dazu kam es bekanntlich nie. Denn noch 1922 brachte die Zahlenlotterie laut Saurer 2,1 Milliarden Kronen. Die Einnahmen aus der Klassenlotterie nahmen sich in diesem Jahr mit 172,2 Millionen Kronen vergleichsweise bescheiden aus. Wenig verwunderlich: Beide Lotterien blieben bis heute bestehen.

Klassenlotterie: Die Gewinnchancen
In einer Lotterie werden 29 Millionentreffer ausgespielt. Die Chance, durch die Klassenlotterie Millionär zu werden, liegt damit bei 1 : 8621 mit einer Losnummer und mit einer Kombination von 10 Losnummern bereits bei 1 : 862, wenn alle sechs Klassen gespielt werden.

Quelle: Österreichische Lotterien

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1 Kommentare

Doch schon früher erkannten die Habsburger das Glücksspiel als Einnahmequelle.

das glücksspiel darf nicht angesehen werden als cash cow des staates. den steuereinnahmen stehen enorme gesellschaftliche kosten gegenüber.

denken wir nur an unzähligen familien, die durch spielsucht schon zerstört wurden oder am rand der existenz sind.
unzählige unternehmen wurden durch den 'griff in die kassa' schon vernichtet, arbeitnehmer ogne arbeit, gläubiger durch die finger schauend.

spielsucht ist kein 'privatvergnügen'. unbeteiligte dritte sind opfer. diesen bereich also zumindest (hoch) zu besteuern, ist grundlegende pflicht des staates. das bestmögliche in richtung eindämmung zu tun, sowieso.

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