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Macht des Geldes: Der Aufstieg von Camillo Castiglioni

30.01.2013 | 07:13 | Von Peter Huber (DiePresse.com)

Nach dem Ersten Weltkrieg war Camillo Castiglioni der reichste Österreicher. Sein Geld machte er als Kriegs- und Inflationsgewinnler.

1923 kritisierte Karl Kraus in "Die Fackel" (Nr. 632) die "Anbetung der Haifische". Er meinte damit jene skrupellosen Menschen der Finanzwelt, die der Überzeugung sind, alles kaufen zu können. Als Beispiel hob er Männer wie Camillo Castiglioni hervor, "deren Genie darin besteht, reicher zu sein, als man noch vor einer Stunde geglaubt hat, von allen jenen, denen eine solche Begabung fehlt, aber erstrebenswert erscheint, als Titanen verehrt". Doch wer war dieser Camillo Castiglioni (1879-1957), der nach dem Ersten Weltkrieg zum reichsten Österreicher aufstieg und auch zu den reichsten Männern Europas zählte?

Der Wiener Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel hat sich mit der in Vergessenheit geratenen Gestalt, einer der schillerndsten der österreichischen Wirtschaftsgeschichte, intensiv auseinandergesetzt. In seinem im Böhlau-Verlag erschienenen Buch "Camillo Castiglioni oder die Metaphysik der Haifische" (2012), liefert er ein Porträt dieser faszinierenden Persönlichkeit. "Er hat überall seine Finger drinnen gehabt, ob das die Politik war, die Industrie, die Banken, die Kunst, der Journalismus, er war in allen Gebieten involviert. Man findet eigentlich in jedem Archiv weltweit ein bisschen war über ihn", sagt Stiefel im Gespräch mit dem ORF-Radio "Ö1".

Aufstieg ohne Ersten Weltkrieg undenkbar

Castiglionis Aufstieg war ohne den Ersten Weltkrieg (1914-1918) nicht denkbar. Er "wurde sich rasch dessen bewusst, was ein Krieg für einen tüchtigen Geschäftsmann an Erfolgen und Gewinnmöglichkeiten in sich bergen kann", schreibt Stiefel in seinem Buch. Castiglioni steckte sein Geld nicht in den Strumpf, sondern investierte in Sachwerte. Er baute die Auto- und Flugzeugindustrie während des Krieges auf und "lieferte dem österreichischen Heer fleißig Waffen und Fahrzeuge".

Gleichzeitig erkannte Castiglioni früher als andere, dass der Krieg verloren war - und wie er handeln musste. Rechtzeitig verkaufte er seine Flugzeugbeteiligungen, noch ehe in Deutschland und Österreich der Bau von Flugzeugen verboten wurde. Er steckte sein Geld in die Automobil-Industrie: Austro-Daimler und BMW.

Der Wechsel der Staatsbürgerschaft

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg machte Castiglioni an der Börse Geld. Er profitierte dabei von Beziehungen zu den höchsten militärischen und politischen Eliten der österreichisch-ungarischen Monarchie. Dieses Naheverhältnis hinderte ihn aber nicht daran, sich abzusichern. So transferierte er seine flüssigen Geldmittel ab 1917 in die Schweiz, "um sie in wertbeständige Währungen umzutauschen".

Sofort nach Kriegsende erlangte er mit Hilfe seiner in Mailand lebenden Familie die italienische Staatsbürgerschaft. "So hatte er die Staatsbürgerschaft einer Siegermacht, die ihn - wirtschaftlich Bürger eines besiegten Reiches - im entscheidenden Augenblick politisch und zum Teil auch währungspolitisch auf die Siegerseite hinüberstellte und ihn jenseits vieler österreichischer Steuerverpflichtungen und Devisenbeschränkungen etablierte, während er doch wirtschaftspolitisch - soweit es ihm passte - im Zentrum des österreichischen Staates verbleiben konnte."

Der Spekulant und Inflationsgewinner

Stiefel zieht den Vergleich zu heute. "Als der Erste Weltkrieg vorbei ist und die große Inflation beginnt, kommt er auf den Gedanken, den heute ja wieder viele haben, dass man nicht unbedingt Geld in die Produktion stecken muss, sondern dass man Geld mit Geld machen kann", sagt er laut "Ö1". "Und dann geht er in Börsen- und Devisengeschäfte und so fort und so fort, und da baut sich dann ein riesiges, zum Teil Scheinvermögen auf, so wie das auch heute ist."

"Wo früher im Bankbetrieb und in der Industrie die geistige Überlegenheit herrschte, da herrscht heute die tote Materie, die brutale Macht des Geldes", schrieb die Prager Zeitung "Die Wirtschaft" 1921 in einem Artikel über Castiglioni.

"Kaufe jetzt, zahle später in entwerteter Währung"

Tatsächlich verstand es dieser, die in Europa zu unterschiedlichen Zeiten ausbrechende Inflation perfekt zu nutzen. Sein Motto: "Kaufe jetzt, zahle später - in durch Inflation entwerteter Währung". Dieses Prinzip verfolgte er auch 1924, als er als führender Spekulant auf einen fallenden Kurs der französischen Währung, der Franc, wettete - sich damit aber eine blutige Nase holte.

"Castiglioni war in Österreich einer der Ersten, die das Gesetz der Geldentwertung begriffen hatten und an seine langfristige Wirkung glaubten", schrieb dazu Max Schäfer 1972 in seinem Buch "Die Mächtigen der Wirtschaft". "Er raffte Sachwerte zusammen und zahlte unbedenklich die höchsten Preise, denn er war felsenfest davon überzeugt, dass auch die höchsten Preise in wenigen Monaten durch die Geldentwertung zu Spottpreisen geworden sein würden."

"Der Großmeister der Bankräuber"

1917 stieg Castiglioni in die Leitung der Allgemeinen Depositenbank auf. Diese Position nutzte er auch zur Erweiterung seines Einflusses auf Industrieunternehmen (Alpine, Leykam, Semperit). Der Bankier Castiglioni habe jede Gesellschaft, deren Aktien er erwerben konnte, so gesehen "wie ein Fuchs das Huhn betrachtet, das ihm über den Weg läuft". Er dehnte die Geschäftstätigkeit der Bank aus, sodass diese 1922 an 80 Unternehmen beteiligt war. Das Kapital wurde von 1917 bis 1922 von 80 Millionen auf eine Milliarde Kronen erhöht. Nach Widerstand innerhalb der Bank zog sich Castiglioni 1922 aus der Depositenbank wieder zurück.

1924 geriet die Depositenbank in Schwierigkeiten und brach ein Jahr später zusammen. Die Rolle Castiglionis wurde nun kritisch hinterfragt. "Castiglioni hat die Bank, als er ihr Präsident war, ausgenützt", schrieb "Der Österreichische Volkswirt" im Mai 1924. Und einen Monat später: Es gehe nicht an, "dass der Großmeister der Bankräuber sein Vermögen behält und straffrei bleibt". Schließlich musste Castiglioni vor einem Untersuchungsrichter aussagen, ehe es zu einer Einigung zwischen ihm und der Depositenbank kam. Man einigte sich auf eine Zahlung von 15 Milliarden Kronen bar und in Raten. Zu einem Prozess - an dem viele Entscheidungsträger nicht interessiert waren - kam es nie, belastende Steuerakten verschwanden. Dennoch war es der Anfang vom Niedergang in Österreich.

Castiglioni und BMW

Castiglioni befolgte laut Stiefel den Rat seiner Feinde, in Österreich keine Geschäfte mehr zu machen. Er verlagerte seine Geschäftstätigkeiten nach Deutschland. Die Bayerischen Motorenwerke (BMW) waren bereits 1918 unter maßgebendem Einfluss von Castiglioni entstanden. Autos wurden zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht gebaut. Castiglioni war von der Gründung bis 1929 Aktionär der Aktiengesellschaft - von 1922 bis 1926 sogar Alleinaktionär. Er setzte sich gegen Widerstand im Vorstand durch und stellte BMW auf mehrere Beine. So produzierte BMW ab 1923 wieder Flugmotoren, die zum profitabelsten Geschäftszweig wurden. Die bestehenden Einfuhrverbote umging Castiglioni geschickt. 1928 wurde zudem mit der Aufnahme einer Autoproduktion begonnen.

Doch da war auch Castiglionis andere Seite. Er war vor allem daran interessiert, "so viel wie möglich aus dem Unternehmen herauszuholen". Zweistellige Dividendenzahlungen machten es BMW unmöglich, in guten Jahren Reserven anzulegen, schreibt der Historiker Stiefel. Seine BMW-Bilanz ist daher zwiespältig. Zwar sind seine Verdienste bei der Gründungsfinanzierung unbestreitbar, doch seine massiven Gewinnentnahmen ließen BMW in seiner Ära ständig am Rande des Ruins wandeln. Verdeckte Gewinnentnahmen kosteten Castiglioni schließlich auch seinen BMW-Job. Da BMW aber kein Interesse an einem Prozess hatte, einigte man sich - wieder einmal außergerichtlich - auf eine Geld-Rückzahlung.

"Er war keine Macht mehr"

Castiglionis Niedergang war kein spektakulärer. Nach der Franc-Fehlspekulation, den Turbulenzen rund um die Depositenbank und BMW musste er tief in die Taschen greifen, um seine Schulden zu begleichen und Gerichtsprozesse zu verhindern. Finanziell geschwächt, wandten sich nun all seine "Geschäftsfreunde", die er irgendwann über den Tisch gezogen hatte, gegen ihn. Das erschwerte seine geschäftlichen Tätigkeiten erheblich.

Als Castiglioni am 18. Dezember 1957 im Alter von 78 Jahren starb, war sein Ruhm längst verblasst. "In keiner Bank wusste man, dass an jenem Tag einer der größten Finanzmanager des Jahrhunderts aus der Welt geschieden war", schrieb die "Wiener Wochenpresse". "Castiglioni starb in Wohlstand, aber er war keine Macht mehr."

Buchtipp:

Dieter Stiefel: "Camillo Castiglioni oder die Metaphysik der Haifische" (2012), Böhlau Verlag


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