Moderne Ökonomie - 400 Jahre vor Christus

Der Grieche Xenophon schrieb schon lange vor Adam Smith über Arbeitsteilung, Zuwanderung und die Bedeutung von Staatseinkünften.

moderne oekonomie Jahre Christus
Schließen
moderne oekonomie Jahre Christus
(c) AP (Onassis Cultural Center)

1776 betonte der Wirtschaftstheoretiker Adam Smith in seinem Hauptwerk "Wohlstand der Nationen" die Bedeutung der Arbeitsteilung: "Der größte Fortschritt in den produktiven Arbeitskräften und die Vermehrung der Geschicklichkeit, Gewandtheit und Einsicht, womit die Arbeit irgendwo geleitet oder verrichtet wird, scheint eine Wirkung der Arbeitsteilung gewesen zu sein." Smith mag damit der berühmteste Verfechter der Spezialisierung und deren Bedeutung für die Entwicklung und Rationalisierung von Produktionsprozessen sein - deren Entdecker war er mit Sicherheit nicht. Schon über 2000 Jahre vor Smith erkannte der griechische Ökonom Xenophon (zwischen 430 und 425 bis 355 v. Chr.), ein Schüler von Sokrates, die Wichtigkeit dieses Phänomens.

Nicht nur das, er verwies auch auf den Zusammenhang zwischen der Größe des Marktes und dem Grad der Arbeitsteilung, wie seine Ausführungen in seinem Werk "Kyrupädie: Die Erziehung des Kyros" zeigen: "Denn in den kleinen Städten stellen dieselben Handwerker ein Bett, eine Tür, einen Pflug, einen Tisch her, und oft baut derselbe Mann auch noch ein Haus und ist froh, wenn er auf diese Weise genug Arbeitgeber gewinnt, von denen er sich ernähren kann. (...) In den großen Städten dagegen, wo viele Menschen jeden einzelnen Gegenstand benötigen, reicht dem einzelnen Handwerker schon ein einziges Handwerk, um davon leben zu können."

Die ökonomische Uridee der Arbeitsteilung

Xenophon beschrieb die ökonomische Uridee der Arbeitsteilung etwa am Beispiel der arbeitsteilig organisierten Zubereitung der Speisen am persischen Königshof, wie Bernd Ziegler in seinem Buch "Geschichte des ökonomischen Denkens" schreibt: "Hervorgehoben wird von Xenophon die geschmackliche Verbesserung der Speisen durch Spezialisierung der Köche. Neben der Berufsgliederung erwähnt er ebenfalls die Teilung der Arbeit innerhalb eines Handwerks." Dabei sehe er den Grund der Arbeitsteilung in der Verschiedenheit der Menschen.

Der private Haushalt stand im antiken Griechenland am Anfang allen ökonomischen Denkens. Xenophon hielt seine Ideen zur Ökonomie vor allem in zwei Büchern fest: in "Oikonomikos" (Gespräch über die Haushaltsführung) und "Poroi" (Über die Staatseinkünfte). Folglich schilderte Xenophon in "Oikonomikos" das Idealbild einer kleinbäuerlichen Familie auf eigenem Grund und Boden, wie Ziegler in einem Beitrag für das "Wissenschaftsmagazin für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre" schrieb: "Wir finden Hinweise über die Arten und die zu beachtenden Regeln des Ackerbaus, des Verhältnisses zwischen Grundbesitzern und Sklaven und über die ökonomischen und ethischen (sittlichen) Wirkungen der Arbeit einerseits und der Arbeitsscheu andererseits. Die Landwirtschaft wird als Quelle des Wohlstandes (sowohl des Haushaltes wie der Polis) betrachtet. Davon hängt das Wohlergehen von Handel und Gewerbe ab."

"Urvater der Ökonomie"

Laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung", die ihn als einen "Urvater der Ökonomie" bezeichnete, würden sich Xenophons Schriften zudem aus einem anderen Grund Aufmerksamkeit verdienen: Er zeige, "wie der hauswirtschaftliche Ansatz auch auf die politische Sphäre übertragen werden kann - eine Idee, die besonders auf die Erhöhung von Staatseinnahmen fixierte Ökonomen des Merkantilismus des 17. Jahrhunderts inspiriert hat".

Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček lobte Xenophon in seinem hoch gepriesenen Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" (2012) daher auch als hochbegabten und vorausschauenden Ökonomen: "Der beste Weg zur Erzielung maximaler Steuereinnahmen ist in seinen Augen weder eine Verstaatlichung noch ein Kriegsmanöver, sondern die Ausweitung der Handelstätigkeit. Zur damaligen Zeit war das eine wirklich revolutionäre Idee, die erst viel später wiederentdeckt wurde."

Zuwanderung zur Ankurbelung der Wirtschaft

Um die Athener Wirtschaft anzukurbeln, schlug Xenophon vor, "Metökenbetreuer (Metöken waren dauerhaft in einer Stadt lebende Fremde ohne Bürgerrecht, Anm.)... als staatliche Behörde" einzurichten. Er erkannte die Bedeutung von Zuwanderung. "Man musste es Fremden also schmackhaft machen, sich in Athen niederzulassen", schreibt Ulrich Fellmeth in seinem Buch "Pecunia non olet: Die Wirtschaft der antiken Welt" darüber. Die Problematik der Zuwanderung war ihm ebenfalls nicht unbekannt. Wenn man den Einwanderern erlaubte, sich Häuser zu bauen, würde man diesen zu "einer besseren Gesinnung" helfen und gleichzeitig die wirtschaftliche Stärke Athens fördern. Denn wenn die Stadt Metöken das Recht auf Besitz einräume, "dann dürften meiner Meinung nach auch infolge dieser Maßnahme bei weitem mehr und bessere Leute ihre Niederlassung in Athen anstreben", so Xenophon.

Xenophon sprach sich aber nicht nur für Zuwanderung aus, er empfahl auch die Investition in Mietsklaven für den Silberbergbau. Auf die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei im antiken Griechenland soll im Hobbyökonom-Beitrag der nächsten Woche ausführlich eingegangen werden. Nur kurz: Die Sklaverei gewann in jener Zeit an Bedeutung, in der die Anfänge der Demokratie wurzeln. "Solange das wirtschaftliche Leben der Griechen wesentlich auf Ackerbau und Viehzucht, auf Haus- und Naturalwirtschaft beruhte, hatte die Sklaverei (...) einen mäßigen Umfang", schrieb Georg Busolt in seinem Buch "Griechische Staatskunde" (1979).

Die Förderung des Handels

Laut Fellmeth betrachtete Xenophon den Handel zwar unter dem Aspekt der Staatseinnahmen. Darüber hinaus habe er aber sehr konkrete Vorstellungen darüber entwickelt, unter welchen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich der Handel in Athen intenvisieren lasse: "Schnelle Handelsgerichtsbarkeit, soziale Integration von Händlern, Bau von Herbergen und Verkaufsständen, sogar die Vermietung von Handelsschiffen." Streiche man also das Motiv weg, staatliche Einnahmen zu erhöhen, "so bleibt eine bemerkenswerte Einsicht in wirtschaftliche Zusammenhänge und in sich daraus ergebende wirtschaftspolitische Maßnahmen übrig".

Heutige Wirtschaftsforscher, die sich gern mit Prognosen beschäftigen, hätten mit Xenophon aber wohl keine große Freude. Er stellte laut Sedláček die Vorhersagbarkeit von wirtschaftlichen Erfolgen oder Fehlschlägen in Frage. Mit Xenophons Worten: "Offenbar ist aber das meiste in der Landwirtschaft für den Menschen unmöglich vorauszusehen, denn Hagel und Reif machen manchmal, Dürrezeiten und übermäßige Regengüsse, Getreidebrand und anderes häufig die schönen Berechnungen und Arbeiten zunichte."

Kommentar zu Artikel:

Moderne Ökonomie - 400 Jahre vor Christus

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen