Moderne Ökonomie - 400 Jahre vor Christus

05.02.2013 | 11:17 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Der Grieche Xenophon schrieb schon lange vor Adam Smith über Arbeitsteilung, Zuwanderung und die Bedeutung von Staatseinkünften.

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1776 betonte der Wirtschaftstheoretiker Adam Smith in seinem Hauptwerk "Wohlstand der Nationen" die Bedeutung der Arbeitsteilung: "Der größte Fortschritt in den produktiven Arbeitskräften und die Vermehrung der Geschicklichkeit, Gewandtheit und Einsicht, womit die Arbeit irgendwo geleitet oder verrichtet wird, scheint eine Wirkung der Arbeitsteilung gewesen zu sein." Smith mag damit der berühmteste Verfechter der Spezialisierung und deren Bedeutung für die Entwicklung und Rationalisierung von Produktionsprozessen sein - deren Entdecker war er mit Sicherheit nicht. Schon über 2000 Jahre vor Smith erkannte der griechische Ökonom Xenophon (zwischen 430 und 425 bis 355 v. Chr.), ein Schüler von Sokrates, die Wichtigkeit dieses Phänomens.

Nicht nur das, er verwies auch auf den Zusammenhang zwischen der Größe des Marktes und dem Grad der Arbeitsteilung, wie seine Ausführungen in seinem Werk "Kyrupädie: Die Erziehung des Kyros" zeigen: "Denn in den kleinen Städten stellen dieselben Handwerker ein Bett, eine Tür, einen Pflug, einen Tisch her, und oft baut derselbe Mann auch noch ein Haus und ist froh, wenn er auf diese Weise genug Arbeitgeber gewinnt, von denen er sich ernähren kann. (...) In den großen Städten dagegen, wo viele Menschen jeden einzelnen Gegenstand benötigen, reicht dem einzelnen Handwerker schon ein einziges Handwerk, um davon leben zu können."

Die ökonomische Uridee der Arbeitsteilung

Xenophon beschrieb die ökonomische Uridee der Arbeitsteilung etwa am Beispiel der arbeitsteilig organisierten Zubereitung der Speisen am persischen Königshof, wie Bernd Ziegler in seinem Buch "Geschichte des ökonomischen Denkens" schreibt: "Hervorgehoben wird von Xenophon die geschmackliche Verbesserung der Speisen durch Spezialisierung der Köche. Neben der Berufsgliederung erwähnt er ebenfalls die Teilung der Arbeit innerhalb eines Handwerks." Dabei sehe er den Grund der Arbeitsteilung in der Verschiedenheit der Menschen.

Der private Haushalt stand im antiken Griechenland am Anfang allen ökonomischen Denkens. Xenophon hielt seine Ideen zur Ökonomie vor allem in zwei Büchern fest: in "Oikonomikos" (Gespräch über die Haushaltsführung) und "Poroi" (Über die Staatseinkünfte). Folglich schilderte Xenophon in "Oikonomikos" das Idealbild einer kleinbäuerlichen Familie auf eigenem Grund und Boden, wie Ziegler in einem Beitrag für das "Wissenschaftsmagazin für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre" schrieb: "Wir finden Hinweise über die Arten und die zu beachtenden Regeln des Ackerbaus, des Verhältnisses zwischen Grundbesitzern und Sklaven und über die ökonomischen und ethischen (sittlichen) Wirkungen der Arbeit einerseits und der Arbeitsscheu andererseits. Die Landwirtschaft wird als Quelle des Wohlstandes (sowohl des Haushaltes wie der Polis) betrachtet. Davon hängt das Wohlergehen von Handel und Gewerbe ab."

"Urvater der Ökonomie"

Laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung", die ihn als einen "Urvater der Ökonomie" bezeichnete, würden sich Xenophons Schriften zudem aus einem anderen Grund Aufmerksamkeit verdienen: Er zeige, "wie der hauswirtschaftliche Ansatz auch auf die politische Sphäre übertragen werden kann - eine Idee, die besonders auf die Erhöhung von Staatseinnahmen fixierte Ökonomen des Merkantilismus des 17. Jahrhunderts inspiriert hat".

Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček lobte Xenophon in seinem hoch gepriesenen Buch "Die Ökonomie von Gut und Böse" (2012) daher auch als hochbegabten und vorausschauenden Ökonomen: "Der beste Weg zur Erzielung maximaler Steuereinnahmen ist in seinen Augen weder eine Verstaatlichung noch ein Kriegsmanöver, sondern die Ausweitung der Handelstätigkeit. Zur damaligen Zeit war das eine wirklich revolutionäre Idee, die erst viel später wiederentdeckt wurde."

Zuwanderung zur Ankurbelung der Wirtschaft

Um die Athener Wirtschaft anzukurbeln, schlug Xenophon vor, "Metökenbetreuer (Metöken waren dauerhaft in einer Stadt lebende Fremde ohne Bürgerrecht, Anm.)... als staatliche Behörde" einzurichten. Er erkannte die Bedeutung von Zuwanderung. "Man musste es Fremden also schmackhaft machen, sich in Athen niederzulassen", schreibt Ulrich Fellmeth in seinem Buch "Pecunia non olet: Die Wirtschaft der antiken Welt" darüber. Die Problematik der Zuwanderung war ihm ebenfalls nicht unbekannt. Wenn man den Einwanderern erlaubte, sich Häuser zu bauen, würde man diesen zu "einer besseren Gesinnung" helfen und gleichzeitig die wirtschaftliche Stärke Athens fördern. Denn wenn die Stadt Metöken das Recht auf Besitz einräume, "dann dürften meiner Meinung nach auch infolge dieser Maßnahme bei weitem mehr und bessere Leute ihre Niederlassung in Athen anstreben", so Xenophon.

Xenophon sprach sich aber nicht nur für Zuwanderung aus, er empfahl auch die Investition in Mietsklaven für den Silberbergbau. Auf die wirtschaftliche Bedeutung der Sklaverei im antiken Griechenland soll im Hobbyökonom-Beitrag der nächsten Woche ausführlich eingegangen werden. Nur kurz: Die Sklaverei gewann in jener Zeit an Bedeutung, in der die Anfänge der Demokratie wurzeln. "Solange das wirtschaftliche Leben der Griechen wesentlich auf Ackerbau und Viehzucht, auf Haus- und Naturalwirtschaft beruhte, hatte die Sklaverei (...) einen mäßigen Umfang", schrieb Georg Busolt in seinem Buch "Griechische Staatskunde" (1979).

Die Förderung des Handels

Laut Fellmeth betrachtete Xenophon den Handel zwar unter dem Aspekt der Staatseinnahmen. Darüber hinaus habe er aber sehr konkrete Vorstellungen darüber entwickelt, unter welchen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich der Handel in Athen intenvisieren lasse: "Schnelle Handelsgerichtsbarkeit, soziale Integration von Händlern, Bau von Herbergen und Verkaufsständen, sogar die Vermietung von Handelsschiffen." Streiche man also das Motiv weg, staatliche Einnahmen zu erhöhen, "so bleibt eine bemerkenswerte Einsicht in wirtschaftliche Zusammenhänge und in sich daraus ergebende wirtschaftspolitische Maßnahmen übrig".

Heutige Wirtschaftsforscher, die sich gern mit Prognosen beschäftigen, hätten mit Xenophon aber wohl keine große Freude. Er stellte laut Sedláček die Vorhersagbarkeit von wirtschaftlichen Erfolgen oder Fehlschlägen in Frage. Mit Xenophons Worten: "Offenbar ist aber das meiste in der Landwirtschaft für den Menschen unmöglich vorauszusehen, denn Hagel und Reif machen manchmal, Dürrezeiten und übermäßige Regengüsse, Getreidebrand und anderes häufig die schönen Berechnungen und Arbeiten zunichte."

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25 Kommentare
 
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Moderne Ökonomie - 400 Jahre vor Christus

jedes Problem erfordert zuerst einmal eine philosophische Betrachtungsweise.
Hier kann man die Lösungen finden.
Warum dauern Prozesse so lange, die Antwort findet sich in der Philosophi. Ein Beweis ist erst dann erbracht wenn der Beweis des Beweises bewiesen ist und das wieder bewiesen werden muß.
Großkonzerne sind Babylonische Firmen. Desto größer sie werden, desto schneller können sie zerfallen.
Das hängt damit zusammen das viele Hunde des Haasen Tod sind.
Globalität gab es schon immer. Es ist nur etwas einfacher geworden mit den Möglichkeiten der Kommunikation.
Energieeinsparung, bei einem Haus mittels einer Styroporisolierung, die Bausubstanz, das besagt ein renomiertes Gutachten, verursacht mehr Feuchtigkeit in den Mauern. Es ruiniert die Bausubstanz.
Rohöl muß mit USD gekauft werden. Es geht um Deviseneinsparung.
Die Vorschriften sind nichts anderes als die Fütterung von Lobbys.
Es wird so kommen, die Wirstchaft wird sich von der Politik abkoppel, die Politik von dem Volk, damit ist die Demokratie adabsurdum geführt. Auch eine rein philosophische Betrachtung.

Xenophon war damals schon weiter als viele der heutigen Politiker!

Für die damalige Zeit, als das Hauptroblem der Wirtschaft die Ernährung der Bevölkerung war, gilt: "Die Landwirtschaft wird als Quelle des Wohlstandes (sowohl des Haushaltes wie der Polis) betrachtet." Heute ist die Bedeutung der Landwirtschaft stark zurückgegangen, daher sagt die Wirtschaftswissenschaft: "Die Güterproduktion ist das Rückgrat allen Wirtschaftens", was sinngemäß dasselbe ist wie bei Xenophon.

Viele Politiker haben in den letzten Jahrzehnten geglaubt, man könne von Dienstleistungen leben, weshalb z.B. die Briten ihre Industrie arg vernachlässigt haben. Jetzt merken sie, dass das zur Verarmung führen muss und machen große Anstrengungen um wieder eine leistungsfähige Industrie zu bekommen.

Die EU-Politiker haben davon noch gar nichts begriffen: schon muss ein Teil der europäischen Industrie wegen der Kosten für CO2-Zertifikate, die die Konkurrenz nicht zu tragen braucht, aus der EU abwandern. Jetzt will die EU sogar erzwingen, dass von Jahr zu Jahr weniger Energie verbraucht wird. Das muss die Güterproduktion einbrechen lassen und zu hoher Arbeitslosigkeit und damit zu mehr Armut und auch zu weniger Staatseinnahmen in Europa führen!

hihi

auch damals gab es Schuldsklaven wie heute

Re: hihi

nach 7 jahren wurden die schulden getilgt siehe Graebner first 5000 years of dept. der kleine feine unterschied...griechenland hat seine wälder verloren ursprünglich wuchsen im ganzen Mittelmeer Eichelwälder, daher wurde die quelle des reichtums durch übernutzung zerstört. smith hat auch einen fehler in seinem manifest, er nimmt kohle als defakto kostenfreie energiequelle an und die umweltschäden hat er sicherlich auch nicht einkalkuliert. kohle wird sicherlich nicht so lange reichen wie die griechische Antike. ich denke ein perfektes system gibt und gab es nicht...

Und heute ...

ruinieren wir mit enormen Steuerlasten die Arbeitsteilung wieder.

Badezimmer selber machen: 5000 Euro

Machen lassen (Elektriker, Trockenbau, Installateur, Fliesenleger ...) 25.000 Euro

Das die Anfänge der Demokratie mit den Anfängen der Sklaverei zusammenfallen ist übrigens kein Zufall.

Denn Sklaverei erlaubt die dauerhafte Generierung von Überschüssen, Subsistenzbauern erzeugen diese nicht, wozu auch ?


Re: Und heute ...

Dieser Artikel betont nur einen eher kleinen Teil von Xenophon.
Das wichtigste bei ihm ist "harte Arbeit" im/für den Haushalt.

Er erkannte , dass Kooperation (nichts anderes ist Arbeitsteilung) ein sehr effektiver Mechanismus sein kann. Effizienz wäre mir nur sehr bedingt aufgefallen. War ja wegen Sklaverei nicht notwendig.

Aber auf was ich hinaus wollte: Er hätte überhaupt nicht verstanden, wenn nicht die Eigenleistung im eigenen Haushalt betont wird. Es geht hier auch wirklich um die Frau im Haushalt und die Agrartechnik: "Oikonomikos" halt.

ein Tor, der glaubt, dass die Verhältnisse zur Zeit

Xenophons und Adam Smith heute bei derart mächtigen weltumstannenden Konzernen noch nachzubilden seien.

ein Tor, der glaubt, dass die Verhältnisse zur Zeit

Xenophons und Adam Smith heute bei derart mächtigen weltumstannenden Konzernen noch nachzubilden seien.

Der Überbau, die Organisation kostet mehr

als die Ersparnis: die einzigen, die wirklich dran verdienen, sind die Kontrolleure, die Verwalter und die Manager. Die Arbeitenden schauen durch die Finger.

Re: Der Überbau, die Organisation kostet mehr

Achja... das Kapital verdient dran auch so viel wie die Verwalter. Smith war nur an der Vervielfachung des Kapitals interessiert, an sonst nichts.

Re: Re: Der Überbau, die Organisation kostet mehr

Sie wissen aber schon, dass sie ihre Firma verlassen können, und ihre eigenen unternehmerischen Ideen umsetzen können. Sie selbst brauchen die Chefs nicht.

Und Smith: Ihm war der "Wohlstand der Nationen" das wichtigste!

Ich halte es eher mit Schumpeter, der meinte dass die "Kapitalisten", also jene, die nur auf Gewinn aus sind, gegen den "kreativen Unternehmer" verlieren. Der kreative Unternehmer bekommt für seinen Leistungen seinen gerechten Lohn.

Die Musikindustrie ist derzeit ein gutes Beispiel: Die großen kämpfen gerade ums Überleben, und die kleine leben doch nicht schlecht im Karpfenteich. (Ich weiß etwas vereinfacht, aber die Tendenz stimmt)


Re: Re: Re: Der Überbau, die Organisation kostet mehr

Wenn ich doch wüsste, was Sie annehmen, dass ich sonst noch alles weiss :-)

Re: Re: Re: Re: Der Überbau, die Organisation kostet mehr

In einem Land, in dem der Bürger fix davon ausgeht,
- dass der Staat einem den Luxus bezahlt,
- dass die Welt sehr klein ist
- man sich immer einen anderen als Schuldigen sucht
- der Landeshäuptling für einem die Entscheidungen trifft
- der Parteichef alle Gedanken vorgibt
- dass Selbstreflexion etwas esoterisches ist
kann man nicht sicher sein, was sich die Bürger "gewiss" sind.

Sorry, wollte ihnen aber nicht zu nahe treten,
aber doch aufzeigen, dass eine vernünftige Argumentation eines gewissen Informationsstandes bedarf.

Re: Re: Re: Re: Re: Der Überbau, die Organisation kostet mehr

Ach, der Informationsstand über ideologische Verbohrtheiten in alten Büchern :-)

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Der Überbau, die Organisation kostet mehr

Auch der "alte Informationsstand" gehört dazu, um die Entwicklung und die Situation zu verstehen.

Versteht man Ö ohne die Entwicklungen zu verstehen? (Wahr jetzt ja immer mit dem Revival von Österreich I zu hören)

Und sie? Sie zitieren doch auch Marx und der ist doch auch alt?
und mit dem Unterschied von Smith, haben dessen "Jünger" Lenin, Stalin, Mao und die Roten Khmer Millionen Menschen vorsetzlich umgebracht und brachial gescheitert.

Xenophon

hat sicherlich interessante Erkenntnisse gewonnen. Sehr gut gefällt mir die Einsicht, wenn auch eher auf die Landwirtschaft bezogen, dass nichts wirklich vorhersagbar ist. Ich würde sagen, das lässt sich auf vieles umlegen, wenn auch viele Meinungen gegen diese Theorie sind.

Doch die Wichtigkeit der Arbeitsteilung und des Handels wurde bereits im alten Ägypten erkannt, wenn auch dies womöglich noch nicht so dokumentiert worden ist.

Stadtstaaten Ökonomie

Wenn man global denkt - was wir auch tun müssen - stehen wir vor ganz anderen Problemen.

Re: Stadtstaaten Ökonomie

Die Konkurrenz sorgt dafür, dass der bessere Handwerker den schlechteren verdrängt.

Bei Konzernen und Staatsbetrieben verdrängt keiner mehr sondern alle optimieren bis zum kleinsten Schräubchen auf Billigstteufel komm raus - und wir Verbraucher stehen vor dem Kram.

Wo auch das Optimieren nicht mehr geht, da sucht das Marketing nach corporate identity. Kein feedback mehr, nur mehr stolz drauf, auch ein VW/IKEA/Apfelkunde sein zu dürfen.

Re: Re: Stadtstaaten Ökonomie

VW und Ikea verstehe ich, aber den Apfel?

Re: Re: Re: Stadtstaaten Ökonomie

Der Apfel ist ebenso das Marken- und Zugehörigkeitssymbol geworden wie VW und Ikea, seit er die Kleingerätchen in Massen unter die Leute wirft.

Re: Re: Re: Re: Stadtstaaten Ökonomie

der Apfel ist !angebissen!, und niemand hält ihn mehr, das zur "wertvollsten" Marke der Welt.

Griechenland

Schon lustig. Die alten Griechen sollen es als erste gewußt haben wie es geht mit der Wirtschaft, aber scheinbar setzen sie es jetzt als letzte um.

Re: Griechenland

Die haben das gleich geschnallt, dass das System so ein Schmarrn ist (gg), und jetzt lassen sie sich vom Rest Europas aushalten, während die EU 2000 Jahre später drauf kommt dass wir uns irgendwie in einer Sackgasse befinden.

400 Jahre vor Christus hat der erste überrissen

Und heute 2500 Jahre später gibts noch immer welche die es nicht verstehen wollen

Re: 400 Jahre vor Christus hat der erste überrissen

dafuer haben wir ueberrissen dass man eine arbeiterkamer braucht ...

 
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