Bankrott: Als sich der Staat Neufundland auflöste

12.06.2013 | 06:55 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Zwischen 1919 und 1934 war Neufundland so wie die USA und Kanada ein eigener Staat Nordamerikas. Eine Staatspleite änderte das.

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Mit seinen rund 500.000 Einwohnern ist Neufundland heute eine Provinz Kanadas. Die Wenigsten wissen aber noch, dass Neufundland zwischen 1919 und 1934 - ebenso wie die USA und Kanada - so etwas wie ein eigener Staat war. Ein Staatsbankrott ließ Neufundland allerdings als eigenen Staat von der Landkarte verschwinden.

1907 erhielt Neufundland - wie auch Australien und Neuseeland - einen "Dominion"-Status. Als Dominion wurden Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell die sich selbst verwaltenden Kolonien des British Empire, der größten Imperialmacht der Geschichte, bezeichnet. Neufundland war somit ein "selbständiges Völkerrechtssubjekt". Im Ersten Weltkrieg kämpfte an der Seite der Entente sogar ein eigenes Regiment Neufundlands - dieses wurde allerdings 1916 fast zur Gänze am ersten Tag der Schlacht an der Somme ausgelöscht. Grenzstreitigkeiten mit Kanada wurde 1927 gelöst, wie das "ef-magazin" schreibt.

Schon vor der Krise schwer überschuldet

Mit der 1928 beginnenden Weltwirtschaftskrise begann aber der Niedergang Neufundlands. Infolge der Großen Depression gingen die Preise für Fisch um 48 Prozent, für Zeitungspapier um 35 Prozent zurück, schreibt das Wirtschaftsmagazin "brand eins". Die Einkommen aus den wichtigsten Exporten brachen weg, die Staatseinnahmen sanken massiv, die Arbeitslosigkeit stieg.

Auf Pump zahlte die Regierung den Fischern Sozialhilfe. Ebenso war zuvor der Bau einer Eisenbahnlinie quer durch das Land finanziert worden. Auch die oben erwähnten Truppen, die im Ersten Weltkrieg kämpften, waren "brand eins" zufolge nur mit Hilfe von Darlehen ausgerüstet worden. Mit anderen Worten: Das Land war schon vor Ausbruch der Krise schwer überschuldet.

Ein Ende des Lebens auf Pump

London schickte schließlich 1933 eine Kron-Kommission unter Führung von Lord Amulree nach Neufundland. Zu spät. Denn dieser konnte nur mehr den Staatsbankrott feststellen: Bei einem Bruttoinlandsprodukt von 35 Millionen Dollar betrugen die Staatsschulden 98,5 Millionen Dollar - also rund 280 Prozent des BIP (Im Vergleich dazu: Griechenland war 2011 mit 170 Prozent des BIP, Japan mit 230 Prozent des BIP verschuldet).

"Während der zwölf Jahre zwischen 1920 und 1932 war der Haushalt in keinem Moment ausgeglichen. Während dieser Zeit erreichten die öffentlichen Ausgaben ruinöse und zuvor ungekannte Höhen, was durch die Bereitschaft der Gläubiger, immer weiteren Kredit zu gewähren, gefördert wurde", musste Amulree nach London berichten, wie "brand eins" schreibt.

"Diktatur" über Neufundland verhängt

1934 wurde mit Neufundland erstmals in der Geschichte des britischen Empires einem Dominion die Selbstregierung entzogen. Die Verwaltung wurde der Kron-Kommission übertragen. In ihrem Standardwerk "Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrise" zitieren die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff den Historiker David Hale:

"Das britische Parlament und das Parlament eines souveränen Hoheitsgebietes einigten sich darauf, dass die Demokratie sich den Schulden unterzuordnen habe. Das älteste Parlament im Britischen Empire - nach Westminister - wurde abgeschafft und über 280.000 englischsprachige Bürger, die 78 Jahre der direkten Demokratie gelebt hatten, wurde eine Diktatur verhängt".

Neufundland wählt Option Kanada

Die weitere Zukunft Neufundlands war lange nicht klar, wie "Der Spiegel" im Juni 1948 berichtete. Die Neufundländer mussten sich schließlich zwischen drei Optionen entscheiden:

  • Eine eigene Regierung bilden und Teil des British Empire bleiben,
  • weiter unter der Kontrolle der von der britischen Regierung eingesetzten Kron-Kommission bleiben,
  • oder zehnte Provinz Kanadas werden.

In einem ersten Wahlgang kam es zu keiner Entscheidung (die relative Mehrheit von 45 Prozent votierte sogar für die Eigenständigkeit), ehe im zweiten Wahlgang 52,3 Prozent der Neufundländer für die Aufgabe der Souveränität stimmten. Kanada übernahm die finanziellen Verpflichtungen und erhielt im Gegenzug das Territorium. Den Briten war die Angliederung an Kanada jedenfalls ganz recht. Denn die älteste Kolonie war schon seit längerem ein Sorgenkind. Zu sehr lag Neufundland den Briten laut "Spiegel" auf dem Geldbeutel.

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18 Kommentare

Kanada war 1948 auch erst ein Jahr alt!

Im Gegenzug fuer sein "Mitmachen" am 2. Weltkrieg an der Seite Grossbritanniens erhielt Kanada erst 1947 seine volle Unabhaengigkeit, seine Buerger wurden kanadische Staatsbuerger. Formelles Oberhaupt Kanadas blieb (bis heute) die "Queen". Leider Gottes!

Und geschluckt ...

wie viele andere.

Geht aber natürlich nur, wenn englischsprachige Länder die Schlucker sind. Die anderen müssen nämlich klein gehalten werden.

"Während der zwölf Jahre zwischen 19## und 19## war der Haushalt in keinem Moment ausgeglichen. Während dieser Zeit erreichten die öffentlichen Ausgaben ruinöse und zuvor ungekannte Höhen, was durch die Bereitschaft der Gläubiger, immer weiteren Kredit zu gewähren, gefördert wurde"

ein treffliches Beschreibungs-Abbild auch für JP, die USA und für nahezu alle Länder der Eurozone, wobei man bspw. bei AT statt 12 auch gleich 24 oder noch mehr Jahre einsetzen könnte.
Wir sind auf der Zeitschiene nur noch nicht so weit. Die Bereitschaft der denkenden Gläubiger an solche Woodoo-Schuldner weiter zu verleihen sinkt zwar bereits rapide, indem man neuerdings aber verstärkt Geld druckt und sich die Mühsal einen solchen zu finden mit Hilfe der jew. Notenbank überhaupt gleich spart können sich diese Blender und Schein-Spitzenökonomien aber noch ein wenig Zeit des Verschleierns verschaffen

So wird Politik gemacht

Deutschland hat gestern ,
fröhlich ,so nebenbei und medial kaum begleitet ,
seine Finanzsouveränität abgegeben .

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/06/14/bundestag-stimmt-in-heiterer-sitzung-fuer-abgabe-der-souveraenitaet/
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Und warum :
Wegen der "Krise" ,
die die Aufgabe der Souveränität
alternativlos notwendig machte .

Pleite, dann Diktatur, Unruhen, Kriege usw

schauen wir mal, wie es mit unseren heutigen Pleitestaaten USA, EU, Japan etc. so weitergehen wird...

Was würde ein Volkswirt dazu sagen?

Wenn ein Staat völlig überschuldet ist, könnte er immer noch dazu übergehen, die Schulden einfach nicht mehr zu bezahlen und Anleihen per Gesetz für ungültig oder sonstig wertlos zu erklären.

Danach wäre der Staat per se überhaupt nicht mehr kreditwürdig und, aber er könnte immer noch über die Steuereinnahmen verfügen und müsste mit diesen das Auslangen finden und seine Bediensteten bezahlen.

Die weniger schlimme Gang wäre, den Gläubigern per Gesetz einen Zwangsvergleich per Gesetz aufs Auge zu drücken.

Im Grunde droht den Staaten mit ihrem selbst gedruckten Geld früher oder später Vertrauensverlust. Einerseits spielt Gold eine wichtige Rolle, andererseits denke ich, dass deflationäre und dezentrale virtuelle Währungen früher oder später das Fiatgeld zu dem machen, was es ist. Papier und Metall. Ich glaube, dass die härteste Währung der Zukunft die nicht staatlich reglementierten und nicht beliebig erzeugbaren Bitcoins sind.

Was will die EU machen, wenn jeder nur mehr Bitcoins nimmt und keine Euroscheine, als schlicht und ergreifend von Steuern zu leben?

Re: Was würde ein Volkswirt dazu sagen?

Für mich hat der Staat in dem Moment einen Vertrauensverlust, in dem er seine ausgegebenen Schuldscheine entwertet.

Und das macht er, sobald er mit den Steuereinnahmen nicht auskommt, und das Defizit mit Schulden oder Gelddruck tilgt.

Also ohnehin immer.

Fazit: Es gibt keinen vertrauenswürdigen Staat, und sobald man ein "Guthaben" hat, sollte man es so schnell wie möglich wieder ausgeben.

3 0

Re: Was würde ein Volkswirt dazu sagen?

Bitcoins verbieten.

Re: Re: Was würde ein Volkswirt dazu sagen?

Nein, bitcoins genauso versteuern:-0

10 0

nur ein Gedanke ;)

Deutschland erlässt ein Teil der Spanienschulden und übernimmt Maiorca....

Es gibt eh nicht viel zu ändern, da eh schon dort alles auf Deutsch ist...

noch ein Gedanke ;)

Und wir bekommen eine kleine griechische Insel, pumpen ein bißl Geld hinein (Waseraufbereitung, Aufforstung) und haben ein super Urlaubsziel.

(wahrscheinlich stimmen die Bewohner gern zu, wenn man Steuerefreihait und sicher Jobs im Tourismus bieten kann...)

Sehr interessant,

endlich wieder mal ein Artikel, in dem man etwas Neues erfährt.

Re: Sehr interessant,

Übertragen auf Europa: Spanien, Portugal, Italien und Griechenland gehen als neue Bundesländer an Deutschland ...

Gar kein uninteressantes Gedankenexperiment, oder?

Re: Re: Sehr interessant,

und die österreichischen Landeskaiser werden auch den Anschluss vorschlagen, um ihre Pfründe zu retten. Das Problem ist nur, die Deutschen sind genauso Pleite, nur weiß das noch keiner, weil sie einäugigen sind.

2 0

Re: Re: Sehr interessant,

Hatten wir schon

hat aber auch nicht sehr gut geendet
nach Karl V kam Philipp II mit seiner Armada und bald darauf kam der Dreißigjährige Krieg...

Re: Re: Sehr interessant,

Imperialistisch und diktatorisch, aber auch "nicht uninteressant". Hm.

Re: Re: Re: Sehr interessant,

Mein Posting war keine Äusserung eines Wunsches oder konkreten Vorschlags, sondern nur die Anwendung des historischen Beispiels auf die Realitäten in Europa.

Ich persönlich finde das ganze Konzept von territorialmonopolistischen Staaten in der heutigen Zeit überholt - aber darum ging's mir nicht.

Re: Re: Re: Re: Sehr interessant,

Auch voll meine Meinung. Und da gehört auch der weit überzogenen, derzeit scheinbar wachsende Wut- Nationalismus dazu... aber das scheint eh mehr eine Domäne der älteren Generation. Die Jungen denken und leben heute ganz anders, weltweit, und mit viel weiterem Horizont.....zumindest in meinem Umfeld (wo es auch nicht gerade vor Millionären wimmelt)...

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