Der "Erfinder" des Papiergelds: Mörder und Finanzgenie

15.03.2011 | 11:41 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

John Law war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Sein Papiergeld-Experiment endete jedoch im Desaster.

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Es war ein tollkühner Versuch, der in einem Fiasko endete: Der Plan, das auf Silber und Gold basierende Währungssystem Frankreichs Anfang des 18. Jahrhunderts durch Papiergeld und Aktien zu ersetzen. John Law (1671-1729), dem Erfinder des Papiergeldes, brachte sein Scheitern viel Spott ein. Der Moralist Montesquieu bezeichnete dieses auf Papiergeld basierende System als "Reich der Phantasie".

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts fanden seine Theorien Würdigung. Adam Smith bezeichnete seine Ideen als "glänzend, aber phantastisch". Joseph Schumpeter reihte ihn "in die erste Reihe der Geldtheoretiker aller Zeiten" ein. Doch wie wurde aus dem Glücksspieler und verurteilten Mörder John Law jenes Finanzgenie, das ihn kurzzeitig zum reichsten Mann seiner Zeit machte?

Die Idee: Papiergeld ohne Edelmetall-Deckung

Der als ältester Sohn eines Goldschmieds im schottischen Edinburgh geborene John Law machte sich seine außergewöhnliche Mathematik-Begabung nach der Schulzeit vor allem praktisch zu Nutze: An den Spieltischen errechnete er blitzschnell Gewinnchancen und finanzierte sich so seinen üppigen Lebensstil. Nach dem Streit um eine Frau tötete Law in einem Duell seinen Widersacher und wurde daraufhin zum Tode verurteilt. Doch Law gelang die Flucht.

Er tingelte in den nächsten Jahren quer durch Europa und war vorwiegend in den Spielcasinos zu finden - aber nicht nur. Tagsüber beschäftigte er sich "Spiegel Geschichte" zufolge mit Finanztheorie und grübelte über das Wesen des Geldes. Law gelangte dabei zur Erkenntnis, dass Geld zirkulieren muss, um Wachstum zu schaffen. Revolutionär war damals vor allem ein Gedanke: Dass es nicht entscheidend ist, ob der Geldumlauf durch Edelmetalle gedeckt ist. Law versuchte lange Zeit vergeblich,  Finanzminister und Monarchen in Europa von seinen Ideen zu überzeugen, um sein Papiergeld-Experiment zu verwirklichen. Doch erst in Frankreich öffnete ihm der Tod von Ludwig XIV. (1715) Tür und Tor.

Schulden-Beseitigung per Druckerpresse

Der neue Regent von Frankreich, der Herzog von Orléans, stand vor dem Problem, dass sein Vorgänger, der Sonnenkönig, das Land an den Rande des Bankrott getrieben hatte. Die Schulden waren auf drei Milliarden Livres gestiegen. Die Zinslast drückte, an eine Tilgung war gar nicht zu denken. Das Versprechen Laws, die Schulden per Druckerpresse zu beseitigen, klang da allzu verlockend. Im Mai 1716 erhielt Law die Erlaubnis, die Banque Générale zu gründen. Sie war die erste Bank Frankreichs, die Papiergeld ausgab, das nur durch das Versprechen des Staates, seinen Verpflichtungen nachzukommen, gedeckt war, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt.

Und Laws Plan funktionierte. "Die Zinsen sanken, unternehmerische Aktivitäten regten sich, es wurde konsumiert, produziert und investiert", schreibt Detlef Gürtler dazu in seinem Buch "Die Dagoberts - eine Weltgeschichte des Reichtums". Zudem ließ sich das Papiergeld leichter als Münzen transportieren, aber auch verstecken.

Das Mississippi-Desaster

Schließlich erhielt Law das Handelsmonopol für die französischen Überseegebiete in Louisiana und am Mississippi. Man vermutete dort massive Gold- und Silbervorkommen wie in Lateinamerika - obwohl das niemand wissen konnte. Laws Mississippi-Gesellschaft gab Aktien aus, mit deren Hilfe das Geld für die Gold-Expeditionen aufgetrieben wurde. Die Menschen "stürzten sich auf die Aktien wie die Schweine", zitiert die FAZ aus zeitgenössischen Berichten. Erstmals wurden Aktien auch für kleine Leute erschwinglich. Laws Popularität stieg rasant, er sicherte sich das Recht staatliche Banknoten zu drucken. Tatsächlich pumpte er damit eine der ersten Spekulationsblasen auf. Der Kurs der Mississippi-Aktien stieg im Jahr 1719 von Jänner bis Dezember von 500 auf 10.000 Livres.

Als kein Gold gefunden wurde und sich Louisiana immer mehr als wertloses Sumpfland entpuppte, wurden immer mehr Aktionäre misstrauisch. Gleichzeitig stieg der Umlauf an Papiergeld stetig an. Law versuchte gegenzusteuern und schränkte den Besitz von Edelmetallen ein, um eine Flucht ins Gold zu verhindern. Er veranlasste zudem massive Aktienrückkäufe, um Vertrauen wiederherzustellen. Doch es half nichts. Er blähte dadurch die Geldmenge enorm auf und trieb die Inflation in neue Höhen, schreibt "Spiegel Geschichte". Für den Ökonomen Gürtler ist der Absturz leicht erklärt: "Eine ungedeckte Papierwährung (die heute weltweit übliche Variante) ist für ihr Überleben darauf angewiesen, dass die Menschen und die Märkte ihr vertrauen. Fehlt die Vertrauensbasis, fällt die Währung ins Bodenlose".

Schurke oder Wahnsinniger?

Law wurde aus allen Ämtern vertrieben und musste das Land in Schimpf und Schande verlassen. Banknoten galten nach der Episode in Frankreich lange Zeit als Teufelszeug, Banken nannten sich lieber Crédit als Banque.

"Die Historiker streiten über die Frage, ob man ihn als Schurken oder als Wahnsinnigen bezeichnen soll", schrieb der schottische Publizist Charles Mackay 1841 in seinem Buch "Außerordentliche Verwirrung und der Wahn der Massen" über John Law. Doch Mackay fand, dass man Law Unrecht tat: Er sei eher getäuscht worden, als dass er andere getäuscht hätte. Er sei mit den Grundlagen des Kreditwesen vertraut gewesen und habe sich besser auf monetäre Fragen verstanden als irgendeiner seiner Zeitgenossen.

"Hysterische Gier einer ganzen Nation"

"Dass das System derart abrupt zusammenbrach, war weniger seine Schuld als die der Menschen, auf denen er es errichtet hatte. Er rechnete nicht mit der hysterischen Gier einer ganzen Nation", urteilte Mackay. "Wie hätte er voraussehen sollen, dass das französische Volk in seiner rasenden Gier ähnlich dem Mann in der Fabel die Gans schlachten würde, die ihm gebracht worden war, um goldene Eier zu legen?", fragte er.

Literaturtipp: Claude Cueni: Das große Spiel (2006)

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24 Kommentare
Gast: gast64646
21.03.2011 11:47
0 1

beruhigend zu wissen

dass unser gesamtes system auf der idee eines verbrechers basiert.... und keiner hat bisher daran gedacht, dass das vielleicht etwas suspekt sein könnte....

Die fehlende Empathie John Law´s ...

ist auch heutigen Ersatzhungrigen als Charaktereigenschaft zuzuschreiben.

Vielleicht noch ein erklärendes Wort zur Empathie. Wenn es stimmt, was Mackay John Law unterstützend zubilligte, dass dieser die Gier des französischen Volks nicht voraussehen konnte, dann war er offensichtlich nicht dazu in der Lage, seine eigene Gier in seinen Nächsten wieder zu erkennen.

Diese Eigenschaft ist nachvollziehbar. Und Ersatzhungrige werden sie auch morgen noch genauso praktizieren wie John Law. Und sie werden immer wieder auf´s Neue ihre getreuen Schäfchen finden, die ihren Hirten nacheifern wollen.

Antworten Gast: cives iratus
17.03.2011 12:26
0 1

Re: Die fehlende Empathie John Law´s ...

Ich habe mir kurz überlegt ob der Kommentar eines Menschen, der im Deutschen den Apostroph im Genitiv verwendet und diesen dann auch noch mit einem Akzent verwechselt, es wert ist, gelesen zu werden.

Ich habe mich dagegen entschieden.

Re: Re: Die fehlende Empathie John Law´s ...

Wie kann ein Mensch urteilen über etwas, das er nie gelesen haben kann, weil er sich gegen das Lesen eines Textes entschieden hat, den er dann doch beurteilt.

Gast: smilefile
16.03.2011 11:01
1 0

hm...so ganz stimmte die

die Geschichte nicht,- ....

den es war der neue Regent von Frankreich, der Herzog von Orléans, welcher maszlos Papiergeld druckte, von welchen John Law nichts wußte, um seinen splenditen Lebenswandel aufrecht zu erhalten. Und das führte unweigerlich zum Crash. Irgendwie kommt mir aber das auch sehr sehr vertraut vor.....


Re: hm...so ganz stimmte die

Klingt nach dem gehebelten Europäischen Rettungsschirm.

Ähnlichkeiten oder eventuelle Zusammenhänge mit dem jüngst proklamierten Sparpaket sind natürlich rein zufällig oder ganz und gar unmöglich...

Gast: gastus99
16.03.2011 09:07
1 0

die herden sind nicht in der lage die tausende jahre alten zusammenhaenge zu begreifen

und daher ist die naechste waehrungsreform nur eine frage der zeit.

mfg

Gast: rockmob
15.03.2011 18:07
0 0

papiertiger-geld

..detlef gürtlers buch:"die dagoberts"-top empfehlung!

Gast: Ein Bürger
15.03.2011 16:56
1 0

Zitieren

Kommt nur mir das so vor oder haben die Reporter und ganzen Schreiberlinge in letzter Zeit das "Zitieren" gelernt, seit dem die "Plagiatsaffären" munter durch den Äther rauschen?

...schreibt "Spiegel Geschichte"...
...zitiert die FAZ...

die werden doch wohl nicht "Angst" haben :-)

Antworten Gast: auch ein Bürger
18.03.2011 12:07
1 0

Re: Zitieren

richtig
Braver Autor vom Artikel oben
Der Mann hat brav seine Quelle als „Fußnote“ angegeben, oder doch selber recherchiert weil nur als Literaturtipp bezeichnet. Ich kenn das Buch, es ist ein Roman, der Artikel hier ist eine kurze Inhaltsangabe. Ob der Roman historisch in Allem wahr ist kann ich nicht beurteilen.
Das Abschreiben ist ja in einigen Bereichen besonders beliebt. Bei den Büchern um Lebensratschlägen, Ernährungsratschlägen, Gesundheitsratschlägen und Esoterik ist das Abschreiben zum Sport geworden und dreht sich beständig im Kreis. In den Buchgeschäften sind die Regale dafür am längsten.

Gast: Beobachterinininerin
15.03.2011 15:36
1 0

Papiergeld ist 5000 Jahre alt

Gab es schon in China. Und da die Chinesen genau wissen, dass der Wert jedes Papiergeldes ueber kurz oder lang genau NULL ZERO NADA NIENTE ist, kaufen sie derzeit wie wahnsinnig Gold, Silber, Rohstoffe etc. solange man dafuer noch Dollar oder Euro nimmt.

Gast: Und
15.03.2011 14:24
2 0

heute

würde er eine Milliarden-Abfertigung kassieren ... und a bisserl später Finanzkommissar in Brüssel werden oder zumindest noch ein paar Konsulentenverträge mit üppiger weiterer Bezahlung einstreifen!

JEDES Papiergeldsystem

endet früher oder später mit einem Crash oder in Hyperinflation.
AUch der Euro wird da keine Ausnahme sein.

Antworten Gast: triple_
15.03.2011 23:11
2 0

ATS

Hey Moment, der gute alte Österr. Schilling hat sich doch eigentlich sehr charmant verabschiedet. Nix mit Hyperinflation od. Crash.
Jetzt nicht schon wieder in Panik verfallen.
Vor Angst gestorben ist auch gestorben...

PS: wieso Papiergeld, man regelt den Geldverkehr doch mittlerweile großteils elektronisch!?!

Antworten Antworten Gast: spezialistin
18.03.2011 14:00
1 0

Re: ATS

Stopp! In der Öffentlichkeit vielleicht ja. Doch wer sich wirklich alles ansieht und berechnet kommt drauf, dass es eine Inflation im Hintergrund (also versteckt) gibt. Und sie lag bei 50% !!!! bei der Umstellung. Kann ich beweisen.

Antworten Antworten Antworten Gast: Gast1231
21.03.2011 16:33
0 0

Re: Re: ATS

Bitte um Erleuchtung!

Antworten Antworten Gast: spezialistin
18.03.2011 13:54
0 0

Re: ATS

Da kann ich nur zustimmen

Re: ATS

Der Schilling wurde in den Euro übergeführt.
Das war kein "Systemende", sondern einfach nur eine Umbenennung.

Antworten Antworten Antworten Gast: Finanzreferent
16.03.2011 13:53
0 0

Re: Re: ATS

Der gute alte Schilling war de facto eine oesterreichische Ausgabe der D-Mark, mit eigenen Bildern drauf alles mit 7 multipliziert,.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: common sense
20.03.2011 13:53
0 0

Re: Re: Re: ATS

nicht multipliziert, der alte Schilling war ein Siebtel der Deutschmark!

Antworten Gast: Grummel
15.03.2011 16:08
1 0

Und jede Silber- und Goldwährung

endete mit ihrer Verrufung bzw. mit Scheidemünzen.

Antworten Antworten Gast: Goldback
16.03.2011 12:09
5 0

Re: Und jede Silber- und Goldwährung

Endete? Die goldenen Dukaten- und Kronenmünzen sind immer noch vorhanden und wertvoll. Sie können jederzeit für viele viele bunte Euroscheine verkauft werden, mit denen man dann einkaufen gehen kann.

Für historisches Papiergeld hingegen gibt es tatsächlich bloss ein paar heutige Scheidemünzen, und für unser heutiges Papiergeld mit Sicherheit nur ganz wenige Zahlungsbits der zukünftigen Währung.

Antworten Antworten Antworten Gast: Grummel
17.03.2011 14:09
0 0

Re: Re: Und jede Silber- und Goldwährung

Sie sollten in der Geschichte mal nachlesen, wie oft Silber- bzw. Goldmünzen eingezogen worden sind, um eine neue herauszugeben, was nichts anderes ist, als eine neue Währung einzuführen, bzw. wie oft diese für nicht mehr gültig erklärt worden sind (jawohl, nicht mehr gültig, sie konnten damit nicht mehr bezahlen!).
Es gibt kein Naturgesetz, welches den Gold- bzw- Silbermünzen einen inhärenten Wert zuschreibt, auch deren Wert ist nur vom Vertrauen geprägt, dass sie nach deren Annahme weiterhin etwas damit kaufen können.

Re: Re: Re: Und jede Silber- und Goldwährung

Eine Goldmünze mit z.B. 10 g Gold, ist immer den Gegenwert von 10 g wert.

Wenn ein Wert aufgeprägt ist, der höher ist als Wert von 10 g Gold, geht in diesem Fall die Differenz verloren.

Wenn Sie tatsächlich glauben, dass alte Goldmünzen "entwertet" werden können, kaufe ich Ihnen Ihre Münzen (falls Sie welche haben) gerne zum Schrottpreis ab.

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