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Als Bayer noch mit Heroin dealte

19.07.2011 | 08:48 |  Stefanie Kompatscher (DiePresse.com)

Eine der gefürchtetsten Drogen wurde um 1900 als Wundermittel gefeiert – und bescherte Pharmafirmen ein dickes Plus auf dem Konto.

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Abgemagerte 14-Jährige, die auf den Strich gehen, qualvolle Schmerzen beim Entzug, der "Goldene Schuss" am Bahnhofsklo: 1978 zeichnete Christiane F. im Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ein alptraumhaftes Bild der Droge Heroin, das bis heute in vielen Köpfen verankert ist. Vor diesem Hintergrund klingt es geradezu absurd, dass Heroin einst als harmloser Hustensaft galt, den Ärzte auch an Babys verabreichten.

Namensgeber von Heroin ist Bayer: Das deutsche Pharmaunternehmen brachte Diacetylmorphin 1898 unter diesem geschützten Namen auf den Markt. Entwickelt wurde die Substanz von Werkschemiker Felix Hoffmann, der es nach einem neuen Verfahren aus Morphin herstellte. Mit Hilfe der sogenannten Acetylierung hat Hoffmann übrigens nur 11 Tage zuvor ein Medikament entwickelt, das heute noch in den meisten Haushalten zu finden ist: Aspirin.

Auch Heroin versprach, ein ganz großer Wurf zu werden. Nach nur einem Jahr exportierte Bayer das Medikament in 20 Länder, nach drei Jahren trug es fünf Prozent zum Gewinn bei. Das recherchierte der Berliner Mediziner Michael de Ridder, der in seinem Buch "Heroin - vom Arzneimittel zur Droge" die Entstehungsgeschichte detailliert nachzeichnet.

 Hoffmann

 Hoffmann

Anwendung: Von Demenz bis "Nymphomanie"
Ursprünglich gegen Atemwegserkrankungen eingesetzt, galt Heroin bald als Allheilmittel. Ärzte behandelten damit Herz- und Kreislaufkrankheiten, Depressionen und Demenz, "extreme Masturbanten" und "Nymphomanie". Bei Geschlechtskrankheiten verschafften Heroin-getränkte Tampons Linderung. Bergsteiger nutzten Heroin als Doping – und nicht nur die: Auch Rennpferden wurde es verabreicht.

"Das sicherste aller Hustenmittel"

Mit "aggressiven Vermarktungsstrategien" habe Bayer Heroin an Mann, Frau und Kind gebracht, so de Ridder. Als ein Wissenschaftler 1899 die "Giftigkeit" des Arzneimittels kritisierte und der Absatz zurückging, fuhr man schwere Geschütze auf. Bayer-Prokurist Carl Duisberg sagte, man müsse die "Gegner mundtot schlagen". Meist war das gar nicht notwendig: Ein Großteil der Ärzteschaft feierte Heroin ohnehin als neues Wundermittel. "Das sicherste aller Hustenmittel" sei es, es entfalte eine "zauberhafte Wirkung", zeigten sich deutsche Ärzte von Heroin beeindruckt.

Schon nach wenigen Jahren war Bayer nicht mehr Monopolist, immer mehr Pharmafirmen wollten im Geschäft mitmischen. Zum wichtigsten Herstellerland mauserte sich die Schweiz, allein 1926 produzierte sie 4,5 Tonnen Heroin - mehr als 60 Prozent des Weltexportvolumens.

USA kämpften gegen "Heroinseuche"

Missbraucht wurde Heroin in den Anfangsjahren kaum. Die ersten Heroinsüchtigen gab es in den USA: Nachdem Opium-Rauchen und Kokain illegal und damit extrem teuer wurden, entdeckten die Jugendgangs von New York und Philadelphia Heroin.

Laut einer Studie snieften um 1915 drei Viertel der jugendlichen Drogenkonsumenten in New York Heroin. De Ridder zufolge blieb die tatsächliche Bedrohung durch die "Heroinseuche" aber weit hinter der politischen Debatte zurück. Die US-Politiker machten zunehmend gegen die Erfindung des damaligen Kriegsgegners Deutschland mobil und verboten 1924 die Herstellung.

Warum Heroin als harmlos galt
Heroin gab es als Pulver, Zäpfchen, Tabletten oder Sirup. Auf die Idee, die Arznei zu sniefen, zu rauchen oder gar hoch dosiert zu spritzen, kam den Patienten erst viel später. Heroin-Sucht war in Europa auch noch 20 Jahre nach der Einführung ein Fremdwort.

Dass die Konsumenten nicht abhängig wurden, lag an der oralen Einnahme und an den geringen Mengen, die selten fünf Milligramm überstiegen. Heute spritzt sich ein Heroinsüchtiger eine Dosis, die bis zu 40 Mal so hoch ist.
Auch international wurde der Heroin-Handel an immer strengere Bedingungen geknüpft, bei der Genfer Opiumkonferenz von 1931 die Produktion massiv eingeschränkt. Dennoch blühte der Handel: De Ridder recherchierte, dass Pharmafirmen, etwa das Schweizer Unternehmen Roche, den Schwarzmarkt jahrelang mit Tonnen von Heroin schwemmten. Erst um 1940 entstand eine unabhängige illegale Drogenindustrie.

Heute nur noch in wenigen Ländern legal

Zu dieser Zeit gab Bayer die Heroinproduktion auf, andere Phramafirmen taten es den Deutschen gleich. Heute werden jährlich nur noch wenige hundert Kilogramm für Medizin und Wissenschaft produziert. In einigen Ländern erhalten Drogensüchtige Heroin im Rahmen einer Therapie, als Schmerzmittel wird es nur in den USA und Großbritannien verschrieben.

Für Mediziner de Ridder ist ein Verbot der falsche Weg. Schließlich sei Heroin nach wie vor eines der effektivsten Schmerzmittel und weder krebserregend noch organschädigend.

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21 Kommentare
1 0

Man schrieb das Jahr 1900

Bei aller Polemik sollte man nicht vergessen, welche Qualen der Husten bei Patienten mit Lungentuberkulose verursachte, und welcher Segen ein wirksames Mittel damals war.

Gossert
20.07.2011 13:14
0 0

Heroin

Wir klagen Bayern, denn schaut Euch unseren Kanzler an!!!

Gast: Beno
19.07.2011 19:20
1 0

es gibt auch legale Drogen

am bekanntesten sind Tabak und Alkohol

Antworten Gast: Die Gefahren
19.07.2011 21:09
5 0

Re: es gibt auch legale Drogen

Die Alkoholsucht ist die Gefährlichste mit einem Heilungserfolg von unter 5%, und fast immer zu einer Zerstörung des Familienlebens, nicht viel besser sieht die Situation bei der Spielsucht aus, Nikotin (ohne der Streiterei wegen Passivrauchen) kostet nur dem Staat wegen der Heilung viel, Heroin und Kokain sind die Heilungserfolge bei über 70%, die Familienzerstörung erfolgt nur dann wenn die Drogenbeschaffung zu finanziellen Problemen führt, ob Hanf überhaupt Suchtgift ist, ist wissenschaftlich umstritten, die Suchtgefahr ist als gering einzustufen, die große Gefahren bei LSD sind Verunreinigungen und schlechte Dosierung die bei staatlicher Abgabe nicht gegeben ist, gleiches gilt auch für Heroin und Kokain.

Unerwähnt im Potential ist der Mißbrauch und die Abhängigkeit von Medikamenten, das Risiko auf Dauer schwerste psychische Problemen zu bekommen die einen Lebenslangen Klinikaufenthalt nach sich zieht am größten.

Antworten Antworten Ko34580192
31.07.2011 09:27
0 0

Re: Re: es gibt auch legale Drogen

kostet nur den Staat....(wieder ist der 4. Fall gefragt)

Antworten Antworten Ko34580192
31.07.2011 09:25
0 0

Re: Re: es gibt auch legale Drogen

ohne die Streiterei....(ohne ist ein Vorwort mit dem 4. Fall)

Gast: Hoffmann war ein kluger Kopf!
19.07.2011 18:45
4 1

Von Hanf, Morphium, Heroin, Kokain und LSD...

Das es ohne Sucht verwendet werden kann zeigt ja schon, das es 20 Jahre zu keiner kam, aber es ist immer das gleiche mit den harten Drogen, LSD bei schwerer Alkoholabhängigkeit, Opium bei Krebserkrankungen, Hanf bei Störungen der Nahrungsaufnahmen, Kokain noch immer das beste Lokalanästhetikum, Zahnarzt, Augenarzt, etc...

Hanf, wie viel Quälerei hätte man den betroffenen Magersüchtigen ersparen können, und wie viele Menschenleben bei einer vernünftigen Verwendung retten können?

Achja, 2 Kilo frisches warmes Brot ist auch tödlich, oder gibt's des dank der Brotmafia eh schon nimmer, frisch mit Butter dennoch ein Leckerbissen, wo bleibt da das verbot?

0 0

Re: Von Hanf, Morphium, Heroin, Kokain und LSD...

Bei Magersüchtigen wirkt THC leider nicht wie sich das der medizinisch interessierte Laie vielleicht vorstellen mag.
Anorektikerinnen wollen nicht essen und wollen das auch stoned nicht - die Folge wäre zu wenig Zucker im Blut...

Antworten Azona
19.07.2011 21:00
0 0

Re: Von Hanf, Morphium, Heroin, Kokain und LSD...

Die Dosis macht das Gift. Opiate und Morphine sind sehr gute Schmerzmittel. Richtig angewendet haben diese auch nur wenig Nebenwirkungen. Jedoch können diese Medikamente auch missbraucht werden und fallen ddaher auch unter das Suchtgift-Gesetz.

2 Kilo frisches Brot wirkt nicht letal. Dieser Ausspruch stammt von früher als in den Kriegszeiten die Menschen ausgehungert gewesen sind und dann wenn es plötzlich frisches Brot gab sich überfressen haben.

Antworten Antworten Gast: Hoffmann war ein kluger Kopf
19.07.2011 21:32
2 0

Re: Re: Von Hanf, Morphium, Heroin, Kokain und LSD...

Für eine Relevante Dosis sind 4 Packungen zu 10 Stück notwendig, da reicht allemal ein ganz normales Rezept ohne Kasperltheater aus das bei einem Suchtgiftrezept staatlich Angeordnet aufgeführt wird, man kann alles übertreiben, in der Pharmazie ist Übertreibung eine reine Untertreibung, zumindest wie das in Österreich gehandhabt wird, wo selbst Kopfwehbrausepulver bereits Rezeptpflichtig ist, eigentlich wundert mich ja nur mehr das die Apotheken Babywindelhosen rezeptfrei abgeben dürfen.

Das mit dem frischen Brot stimmt schon so, das Problem ist die noch arbeitende Hefe und die damit verbundene CO2 Entwicklung, vereinfacht gesagt.

Antworten Antworten Antworten Gerald
20.07.2011 09:57
0 0

Re: Re: Re: Von Hanf, Morphium, Heroin, Kokain und LSD...

In einem frisch gebackenen Brot arbeitet keine Hefe mehr. Hefe ist ja nichts anderes wie ein Pilz und der wird beim Backen restlos abgetötet.

Gast: brandung
19.07.2011 17:22
1 0

Zum Weiterlesen: Viel Spaß mit Heroin (SPIEGEL 26/2000)

"Das berüchtigtste Rauschgift des 20. Jahrhunderts ist eine Erfindung von Bayer. Jahrzehntelang verkaufte der Konzern Tonnen von Heroin in alle Welt - nicht als Droge, sondern als allseits beliebte Arznei. Ein Berliner Arzt hat jetzt die seltsame Historie des Heroins aus Leverkusen untersucht."

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16748368.html

(Wie die Zeit vergeht. Doch gute Artikel bleiben in Erinnerung. ;)

Gladius
19.07.2011 16:21
3 0

Wieder ein Beispiel für die Schädlichkeit der Prohibitionspolitik!

Wann lernen die Leute endlich das verbieten nichts brinkt sondern alles nur verschlimmert.

Antworten JosefGott
30.07.2011 12:02
0 0

Re: Wieder ein Beispiel für die Schädlichkeit der Prohibitionspolitik!

Das ist denen sicher klar, aber so sind die Konservativen: Verbieten um des verbietens willen, und ja keine Fehler eingestehen. Fehler zeugen von Schwäche und die nächsten Wahlen kommen bestimmt.

Gast: plebs potus
19.07.2011 15:23
2 0

wie bei vielen Pflanzlichen Wirstoffen gilt:

Die Pharmaindustrie möchte verboten wissen wogegen Sie konkurrenzlos bleibt: Die Wundermittel die auf jeder Wiese wachsen.

Natürlich will keiner das unsere Gesellschaft die Übel der illegalen Drogenwirtschaft auslöffeln muss und da sind Fixer mittlerweile eine Assoziation die beinahe mythologische Ausmasse annimmt. Dennoch: selbst Fixer sind bei kontrollierter Heroinabgabe normale Mitbürger, gibt man ihnen jedoch Ersatzstoffe werden sie zu blaulippigen Zombies die in der Wiener Ubahn löcher in die Luft starren. Die Kosten gegenüber einer kontrollierten Heroinabgabe mit begleitender Entzugstherapie sind natürlich bei weitem Höher, leider verhält es sich mit der Wirsamkeit der Sustitutionstherapie da etwas anders, was man am blühenden Schwarzmarkt der Ersatzsstoffe sehen kann.

Holland will schliesslich seine Coffeeshops trotz immer stärkerer Auflagen und Touristenverbot schützen, denn Dank dieser Politik der Toleranz kann sich ein Land das um ein vielfaches Bevölkerungsreicher ist als Österreich einer wesentlich geringeren Zahl an Drogentoten rühmen.

Gast: Expertenrunde
19.07.2011 15:16
0 1

"Missbraucht wurde Heroin in den Anfangsjahren kaum."

"Heroin-Sucht war in Europa auch noch 20 Jahre nach der Einführung ein Fremdwort."

Das ist halt der Unterschied zwischen pharmakologischem Gebrauch und Fitspritzen von Vietnam-Soldaten, "War on Drugs" und Ghetto-"Kultur". Aber wir gehen ja lieber den amerikanischen Weg.

0 0

Rechtschreibung

Acetylisierung?????
Acetylierung !!!!!!!

Boti
19.07.2011 12:34
0 4

Sommerloch

Net schonwieder a lückenfüller!

Gast: ISI-Europa
19.07.2011 11:12
4 2

Wo Geld regiert...

..wird getötet, verboten und zerstört.
Nun hat Monsanto auch noch das erste Patent auf eine Melone, frage mich wie weit wir Menschen diese Wahnsinngen noch kommen lassen.
Konsum und Medienverblödung schreitet vor und der Tag der Selbstvernichtung kommt erschreckend näher.

Gast: dr.dr.
19.07.2011 09:16
8 1

so einfach ist das ...

wenn eine arznei erfolgreich ist, aber nicht von einem US-pharmaunternehmen verkauft wird, wird so lange interveniert od. druck ausgeübt, bis es verboten ist.

funktionert heute bei den fluggastdaten und SWIFT abkommen mit den USA immer noch genauso.

armes europa - nichts dazugelernt.

Antworten hedu
19.07.2011 12:25
3 3

Re: so einfach ist das ...

hirni.....hast nit's kapiert, oder?