"Ruhe vor dem Teufel Weib": 150 Jahre Pauschalreise

27.12.2011 | 08:46 |  von Stefanie Kompatscher (DiePresse.com)

Was mit dem Baptisten Thomas Cook und einer Zugfahrt für Abstinenzler begann, wurde zu einer Mega-Industrie: Von den Anfängen der Pauschalreise.

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2011 war kein gutes Jahr für den zweitgrößten Reiseanbieter Europas: Die Unruhen in Nordafrika kosten Thomas Cook dutzende Millionen Euro, zig Reisebüros in Großbritannien müssen zusperren. Immer mehr Kunden laufen Thomas Cook aus Angst vor einem Zusammenbruch des traditionsreichen Reisekonzerns davon. Der Vorsteuerverlust im Geschäftsjahr 2010/11: Fast eine halbe Milliarde Euro.

Für ein feierliches Jubiläum ist das eigentlich kein guter Zeitpunkt. Doch es gibt ein Ereignis zu feiern, das den Tourismus grundlegend verändert hat: Vor 150 Jahren - im Mai 1861 - veranstaltete der britische Baptist Thomas Cook die erste Pauschalreise ins Ausland: Mit einer Gruppe reiste er nach Paris. Die Fahrt mit Bahn und Schiff, Hotel, Verpflegung und sämtliche Eintritte waren im Preis inkludiert.

Der moderne Mensch, angestrengter, wie er wird, bedarf auch größerer Erholung.
Theodor Fontane (1877)

Die Pauschalreise erfreute sich fortan großer Beliebtheit - und das nicht nur bei der wachsenden Mittelschicht. So sparten Arbeiter in eigens von Cook gegründeten Kassen jahrelang für eine Urlaubsreise. Aber auch US-Präsident Ulysses S. Grant, der deutsche Kaiser Wilhelm II. und sogar indische Fürsten nahmen die Dienste des erfolgreichen Reiseunternehmers in Anspruch.

Reuters (Darren Staple) Statue von Thomas Cook

Reuters (Darren Staple) Statue von Thomas Cook

Der Grund für eine Pauschalreise war vor mehr als hundert Jahren oft derselbe wie heute: Die Flucht aus dem grauen Alltag. So meldete sich laut einem Bericht von Welt.de ein genervter Ehemann bei Thomas Cook. Er wollte wissen, wo er am besten "vor einem Teufel von Weib Ruhe finden könne, möglichst in mildem Klima, für mäßige Kosten und mit vielen Früchten".
1877 schrieb der deutsche Autor Theodor Fontane: "Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede. [...] Der moderne Mensch, angestrengter, wie er wird, bedarf auch größerer Erholung".

Kampf gegen Alkoholsucht

Heute ist bei vielen Pauschalreisen auch Alkohol "all inklusive" - und wird daher oft in rauen Mengen genossen. Gut möglich, dass Tourismuspionier Cook dazu dasselbe sagen würde, wie bei einer seiner Italien-Reisen: "Meine Herren, investieren Sie Ihr Geld doch nicht in Durchfall!"

Thomas Cook Werbung

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Cooks Imperium nahm seinen Anfang, weil er Menschen vom Alkohol wegbringen wollte. Der überzeugte Antialkoholiker und baptistische Laienprediger organisierte im Jahr 1841 für 571 Arbeiter eine zweistündige Zugfahrt von der britischen Stadt Leicester ins benachbarte Loughborough. Inkludiert waren im Preis von einem Schilling ein Blasmusikkonzernt, eine Tasse Tee und ein Schinkenbrot. Den Zug chartete Cook von der "Midland Counties Railway Company".

Tourismus statt Alkohol?
Der deutsche Historiker Rüdiger Hartmann schreibt in seinem Werk "Tourismusgeschichte", dass Tourismus und Alkoholismus eine gemeinsame Grundlage haben: "Mit billigem Fusel ertränkten viele Angehörige ärmerer Bevölkerungsschichten für wenige Stunden ihre Sorgen; der Tourismus erlaubt für längere Zeit den Ausstieg aus dem Alltag und die Illusion einer Gegenwelt."
Die günstigen Ausflüge ins Grüne fanden bei der Bevölkerung großen Anklang - und bei Cook rückte schon bald das kommerzielle Interesse am Reisen ins Zentrum. 1851 organisierte er etwa gemeinsam mit seinem 17-jährigen Sohn für 165.000 Gäste die Reise zur Weltausstellung in London.

Cooks Erfolg blieb nicht unbemerkt: Da die britischen Eisenbahngesellschaften bald ebenfalls günstige Vergnügungsreisen anboten, wich er zunehmend aufs Ausland aus. Er bot Reisen nach Paris, in die Schweiz, und nach Italien an - und wenig später Trips in die USA und nach Ägypten. Dort organisierte das Unternehmen auch die ersten Nilkreuzfahrten - ein Meilenstein in der Geschichte des Tourismus. Ein weitere Innovation von Cook war übrigens die "Circular Note", eine frühe Form des Reiseschecks.

1872 organisierte und begleitet der 64-jährige Cook schließlich seine erste Weltreise: 222 Tage war er mit seiner Reisegruppe unterwegs.

Reisen ohne Reiseführer

Bei vielen Reisen war bereits zu dieser Zeit eine Begleitung nicht mehr nötig, da sie vom ersten bis zum letzten Tag perfekt durchgeplant waren. Somit konnten die Gäste ohne großen organisatorischen Aufwand alleine in ein fremdes Land reisen. Bis heute hat sich an diesem Prinzip der Pauschalreise wenig geändert.

Cook starb im Alter von 83 Jahren. Seinem Sohn John, der das florierende Unternehmen übernommen hatte, wurde 16 Jahre später ausgerechnet ein Prestigeprojekt zum Verhängnis: Er organisierte 1898 einen Staatsbesuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Palästina. Dort erkrankte er schwer und verstarb ein Jahr später. Das Unternehmen blieb noch bis 1918 im Familienbesitz, dann wurde es von Thomas Cooks Enkeln verkauft. Heute gehören zum börsenotierten Tourismuskonzern bekannte Marken wie Neckermann, MyTravel oder Öger Tours.

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5 Kommentare
Gast: Stefan Seidl - ATG Bayern
28.12.2011 10:41
0 0

Auch wir forschen

nach Tourismusgeschichte.

"Tourismusgeschichte darf nicht in Vergessenheit geraten".

Wir sind für jede Hilfe und Unterstützung dankbar.

Mit besten Grüßen

Stefan Seidl
Arbeitskreis TourismusGeschichte (ATG)- Bayern

www.tourismushistorie.de

"vor einem Teufel von Weib Ruhe finden könne, .....

wie ich sehe, hatten sie freuher auch schon diese probleme - heute kann man ja die gesetzlich zugewiesene auf eine pauschalreise schicken und in ruhe zuhause bleiben - :O))

Re: "vor einem Teufel von Weib Ruhe finden könne, .....

Tja, dieses Problem hatten sie früher schon und werden Männer auch in Zukunft haben. Denn immer wieder verkaufen Männer ihre Seele an einen Teufel von Weib und suchen dann nach Ruhe.

Antworten Antworten Gast: Moooiii
29.12.2011 19:26
0 0

Zuerst sind die Herren der Schöpfung für jede primitivste und derbste weibl. Versuchung offen und empfänglich

... und dann wundern sie sich, wenn sie eine Hexe zu Hause sitzen haben!
A la longue bekommt jeder, was er verdient! ;-)

Antworten Antworten Gast: Vogel Strauss
27.12.2011 16:19
0 1

Re: Re: "vor einem Teufel von Weib Ruhe finden könne, .....

Aber alleine leben können und wollen sie auch nicht, die Herren ... selber schuld!

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