Werbe-Tricks: Babybauch ist keine werbefreie Zone

10.07.2012 | 10:35 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Teil 1: Die Werbung manipuliert die Menschen - und zwar schon im Mutterleib. Ein Marketingspezialist zeigt die Tricks und Verführungstechniken.

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Martin Lindstrom ist nicht irgendein Marketing-Spezialist. Aufgrund seiner Vorreiter-Rolle im Neuro-Marketing wurde er vom "Time Magazine" 2009 zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt. "Irgendwo zwischen dem Auge und der Maustaste befindet sich das Geheimnis der Verkaufs", schrieb das Magazin damals. Wenn er über die Verführungstricks der Werbung schreibt, sollte man also genau aufpassen.

Und Lindstrom präsentiert sich in der Einleitung seines neuen Buches "Brandwashed - was du kaufst, bestimmen die anderen", als ein Veteran der Marketing-Branche. Er kenne aus über 20 Jahren Erfahrung "im Markenkrieg" all die psychologischen Tricks und Kniffe, die Unternehmen ersonnen haben, um ihre Produkte zu verkaufen. "Ja, ich war einer von ihnen", schreibt Lindstrom. Und er habe gesehen, wie weit Marketing gehen kann.

Konsumfastenkur scheitert kläglich

"Deshalb entschied ich mich für einen Markenentzug - eine Art Konsumfastenkur. Konkret nahm ich mir vor, ein ganzes Jahr lang keine neuen Marken zu kaufen", so Lindstrom. Sechs Monate ging es gut. Dann brachen die Dämme: "Ich den folgenden Wochen und Monaten kaufte ich ohne Ende. Sie hätten mir damals alles andrehen können, sogar überfahrene Tierkadaver - solange nur ein Label und ein Logo drauf war", erinnert sich der Marketing-Experte. Ziel seines Buches sei es daher auch nicht, die Leser vom Kaufen abzuhalten - "ich habe ja festgestellt, dass das unmöglich ist" - sondern dass "wir klügere und fundiertere Entscheidungen darüber treffen, was wir kaufen und warum".

Lindstrom zeigt in seinem Buch auf unterhaltsame Weise, mit welchen Tricks und Verführungstechniken die Werbung die Menschen manipuliert - und zwar schon im Mutterleib. Der Hobbyökonom fasst die wichtigsten Erkenntnisse in einer dreiteiligen Sommer-Serie zusammen. Teil eins zeigt, dass selbst der Babybauch keine werbefreie Zone ist:

Ölkonzern Shell im Kinderzimmer

Als Beispiel führt Lindstrom die philippinische Bonbon-Marke Kopiko an. Das gleichnamige Unternehmen stellte Kinderärzten und Ärzten gratis Kopiko-Produkte zur Verfügung, die dann auf Entbindungsstationen an schwangere Frauen ausgegeben wurden. Fast gleichzeitig wurde von Kopiko eine neue Kaffee-Sorte eingeführt, die so wie das Bonbon schmeckte. Vor allem Kinder, die normalerweise die Finger von Kaffee lassen würden, zeigten daraufhin eine besondere Vorliebe für den Kopiko-Kaffee. Und Mütter, die in der Schwangerschaft Kopiko-Bonbons gelutscht hatten, berichteten davon, dass sie ihre schreienden Babys sofort beruhigen konnten, wenn sie ihnen einen Schluck Kopiko-Kaffee gaben.(c) Campus Verlag

Kaum der Windelhose entwachsen, enfaltet sich das Werbe-Bombardement aber erst so richtig. So nehmen selbst Ölkonzerne Kinder ins Visier. Shell unterhält etwa eine langjährige Partnerschaft mit Lego, um die Marke Shell mit Lego-Spielzeug in Verbindung zu bringen. Und  "Starbucks denkt über neue Getränke oder Abgabemengen nach, die eher den Bedürfnissen von Kindern oder Jugendlichen entsprechen", wie Lindstrom vermerkt.

Einjährige und das iPhone

Auch Apple gehört bereits zu den Lieblingsmarken von Kindern. Das iPhone sei "das effektivste Mittel der Menschheitsgeschichte zur Beruhigung eines quengelnden Kleinkinds", schrieb die "New York Times". Aufrüttelnd erscheint in diesem Zusammenhang das Ergebnis eines Experiments, das der Autor bei einer Gruppe Einjähriger durchführte. Er legte den Kleinkindern BlackBerrys vor und "konnte beobachten, wie sie ausnahmslos mit den Fingern über die Displays strichen, als wäre es ein Apple-Touchscreen".

Es ist eine Doppelstrategie, die Firmen wie Apple damit verfolgen. Einerseits bleiben den Konsumenten frühe Präferenzen und Eindrücke aus Kindertagen ein Leben lang erhalten. Andererseits fühlen sie sich zu Produkten hingezogen, die ein Gefühl des Jungseins vermitteln. Und jeder Werber weiß: Nostalgie zählt zu den erfolgreichsten Verführern.

Die Kinder haben die Macht

Warum das so ist? Wissenschaftler haben festgestellt, dass nostalgische Gedanken glücklicher machen. "Beim Übergang ins Gedächtnis verblasst alles Unangenehme und das Schöne bleibt und wird vielleicht sogar unrealistisch verstärkt", zitiert Lindstrom aus einer Studie. Marken sollen sich aus Sicht der Werber also schon möglichst früh in das Gedächtnis von Kindern einbrennen. Der Marketing-Experte ist überzeugt: Im Leben vieler Menschen gibt es konkrete Momente, in denen sich so intensive Erinnerungen an eine Marke entwickeln, dass sie - oft unbewusst - beschließen, dieses Produkt ein Leben lang zu konsumieren. Meist finden diese Momente in der frühen Kindheit statt.

Wenig verwunderlich: Die großen Lebensmittel-Konzerne versuchen die Vorlieben der Erwachsenen auf ihre Kinder zu übertragen. So gibt es von einer zunehmenden Anzahl von Marken auch Mini-Versionen für Kinder und Babys. Man denke nur an die Mini-Bohrmaschinen in vielen Buben-Kinderzimmern. Und die Werber wissen: Kinder bestimmen zu einem großen Teil mit, was im Einkaufskorb landet. "Wer es schafft, in einem Kind einen Wunsch auszulösen, dem gelingt das für die ganze Familie", ist Lindstrom überzeugt. So beeinflussen sie nicht nur Eltern, sondern auch Großeltern und sogar Babysitter. Das Bild vom selbstbestimmten Einkauf wird da rasch zur Legende: 75 Prozent aller "spontanen" Einkäufe seien auf quengelnde Kinder zurückzuführen, schreibt der Autor.

Literaturtipp: Martin Lindstrom: "Brandwashed. Was du kaufst, bestimmen die anderen"

Teil II der Werbe-Tricks zeigt, wie sehr der Konsument dem Frische-Schmäh auf den Leim geht und warum "sex sells" zwar vor allem bei Männern immer noch zieht, es aber durchaus raffinierter geht.

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13 Kommentare

Herzig

Herzig wie hier einige wettern, dass Werbung bei ihnen nicht wirkt.
Die Bedeutung des Wortes "unbewusst" ist aber schon jedem hier klar, oder?

Antworten Gast: lg
24.07.2012 22:20
0

Re: Herzig

liab gö?

Antworten Gast: pan-tora
13.07.2012 10:31
0

Re: Herzig

sehr geehrter hoppelhase,

dann wollen offenbar die werbenden firmen nicht, das ich ihre produkte kaufe oder aber um mich herum wirbt garniemand ;)

Werkzeug für die Kleinen

Ich finde die Mini-Line von Bosch genial. Als passionierter Heimwerker finde ich, die Kinder können gar nicht früh genug damit anfangen, sich mit Bohrmaschine & Co anzufreunden. Dass der Hersteller Bosch ist, so what? Bin auf Basis eigener Erfahrungen selbst ein Fan dieser Marke, und frage mich gerade, ob ich schon jemals eine Werbung von Bosch gesehen habe...

Antworten Gast: biiitee
24.07.2012 22:20
0

Re: Werkzeug für die Kleinen

Kein Spam hier

Re: Werkzeug für die Kleinen

Na zumindest die Mini-Linie haben sie gesehen, was ja Werbung ist. (c;

Gast: pan-tora
10.07.2012 11:46
2

?!?

"Ich den folgenden Wochen und Monaten kaufte ich ohne Ende. Sie hätten mir damals alles andrehen können, sogar überfahrene Tierkadaver - solange nur ein Label und ein Logo drauf war"
...der mann leidet offenbar unter irgendeiner krankheit - man kann sich der werbung zwar nicht entziehen, aber man kann sie ignorieren. das versuche ich auch aktiv meinen kindern beizubringen (was zugegebener maszen schwer ist).
und nachdem die meiszten firmen (pharma, it-industrie,nahrung, oel, etc...) irgendwo dreck am stecken haben, laesst sich ihre marke auch leicht mit korruption/kriminalitaet in verbindung bringen, das schreckt dann wieder vor dem kauf eines solchen produktes ab!

Antworten Gast: Bewusst
10.07.2012 13:05
2

Wenn sie Werbung nicht bewusst wahrnehmen

werden sie es unbewusst tun. Machen sie dass nicht, sehen sie BEWUSST hin und entscheiden sie dann BEWUSST was sie Kaufen.

Werbung will "ignoriert" werden, auf dass ihr unbewustes gefüttert wird. Wenn sie denken sie können ihr unbewustest einfach ignorieren und all ihre entscheidungen werden von ihrem Bewustsein getroffen, lade ich sie ein ihr unbewusstes bewusst zu machen - achten sie dann mal beim nächsten einkauf GANZ BEWUSST auf ihre olifaktorischen sinne, riechen sie bewust welche Gerüche und assoziationen ihnen bei dem Einkauf begegnen... Und ja, dort versucht jemand ganz bewusst ihr unbewusstes zu verführen.


Antworten Antworten Gast: pan-tora
10.07.2012 14:56
2

Re: Wenn sie Werbung nicht bewusst wahrnehmen

wie werbung funktioniert ist mir durchaus klar. ich war selber sechs jahre lang in der werbebranche! aber ich kann "lilli" nur zustimmen, mein einkaufszettel aendert sich eigentlich nur dann, wenn ein produkt nicht mehr verfuegbar ist.
wird ein produkt zu stark beworben faellt es bei mir sowieso durch.
vor allem ist einkaufen fuer mich kein quell der freude sondern eher eine plage - daher hat werbung bei mir eher wenig bis keinen sinn.
die triebhaftigkeit und das unbewusste beeinflussbarkeit, die die werbung den menschen immer unterstellt funktioniert einfach nicht bei jedem. vor allem dann, wenn man die tricks (oder zumindest eine menge davon) kennt.

Einkaufsverhalten von Männern und Frauen

Ich meine, dass es einen Unterschied im Einkaufsverhalten von Männern und Frauen gibt. Zumindest konnte ich das bei meinem Mann immer beobachten. Während ich mit meinem Einkaufszettel von einem Regal ins nächste düste, um ruckzuck bei der Kassa zu sein, trödelte er in jedem Gang unendlich lang herum und sah sich alles Mögliche und Unmögliche an - ob nicht vielleicht etwas Praktisches dabei wäre...

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: xom
10.07.2012 20:06
0

Re: Einkaufsverhalten von Männern und Frauen

seltsam, mir geht ging es mit meiner exfrau genau so ;)

Antworten Antworten Gast: Lilli
10.07.2012 13:45
2

Re: Wenn sie Werbung nicht bewusst wahrnehmen

Also ich mache zu Hause meinen Wocheneinkaufszettel (Nahrungs- und Reinigungsmittel), kaufe immer dieselben Marken und nur das, was auf dem Einkaufszettel steht - WO ist das Problem?
Für Schuhe habei ich eine ganz bestimmte Marke, die meinem Fuß und meinem Bekleidungsstil entspricht.
Textilbekleidung kaufe ich seit Jahren in einem bestimmten Geschäft und sonst nirgends. Ich habe keine Probleme mit der Werbung. Sollen sie werben wofür sie wollen, wer sich verführen lässt ist selbst schuld.

Antworten Antworten Antworten Gast: auchfuersie
10.07.2012 14:23
2

Re: Re: Wenn sie Werbung nicht bewusst wahrnehmen

Auch für solche Leute wie Sie haben die Werber eine Strategie.

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