Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ist wieder einmal auf Einkaufstour in Europa. Allerdings geht es dabei nicht um exklusive Markenartikel aus Paris oder um italienische Sportwagen, sondern um Unternehmen. Das aktuellste Objekt der Begierde befindet sich in Österreich – in Form des Ziegelkonzerns Wienerberger.
Wienerberger kündigte am Montag an, noch im September eine Kapitalerhöhung durchzuführen. Und sobald diese abgeschlossen ist, dürfte der libysche Staatsfonds „Libyan Investment Authority“ (LIA) mit zehn Prozent der größte Einzelaktionär des weltweit größten Herstellers von Ziegeln sein. Der nordafrikanische Staat lässt sich das rund 118 Millionen Euro kosten.
„LIA hat zugesagt, mit bis zu zehn Prozent einzusteigen, wenn sie dafür genügend Bezugsrechte bekommen“, sagt Wienerberger-Chef Heimo Scheuch. Die Bezugsrechte für die neuen Aktien gehen zuerst an die Altaktionäre. Diese können die Rechte entweder ausüben oder verkaufen. Wer so ein Bezugsrecht hat, darf eine Wienerberger-Aktie um zehn Euro kaufen – knapp 30 Prozent unter dem gegenwärtigen Kursniveau. „Wichtig ist aber, dass die Kapitalerhöhung für alle offen ist“, so Scheuch.
Laut Börsenexperten ist anzunehmen, dass sich genügend Altaktionäre von ihren Bezugsrechten trennen, damit LIA die gewünschten zehn Prozent an Wienerberger erwerben kann.
Das wäre nicht der erste Zukauf des nordafrikanischen Staatsfonds in Europa. Seit dem Ende der Sanktionen ist der Staat äußerst bemüht, seine Petrodollars zu investieren. Derzeit verwaltet der Fonds ein Vermögen von 44,7 Milliarden Euro. Laut LIA-Chef Mohammed Layas sei man vor allem an Joint Ventures mit ausländischen Firmen interessiert, um einen Technologietransfer nach Libyen zu schaffen.
In Europa haben die Vertreter von Gaddafi vor allem in Italien zugeschlagen. Im Frühjahr halfen sie UniCredit-Chef Alessandro Profumo aus der Patsche. Zur Bewältigung der Finanzkrise brauchte die Bank-Austria-Mutter UniCredit drei Milliarden Euro. Zahlreiche Großaktionäre weigerten sich, frisches Geld zur Verfügung zu stellen. Als Retter in der Not sprang der Staatsfonds aus Tripolis ein. Dieser stockte im Zuge einer Kapitalerhöhung den Anteil an der Mailänder Großbank auf sechs Prozent auf. Mit zwei Prozent sind sie an Fiat, mit 7,5 Prozent am Fußballklub Juventus Turin beteiligt. Im Sommer gründete der Fonds ein Joint Venture mit dem italienischen Rüstungs- und Raumfahrtkonzern Finmeccanica. Interesse wird der Gesellschaft auch am Energieversorger Eni und der Telecom Italia nachgesagt.
Weitere Käufe in Österreich?
Hierzulande dürfte der Einstieg bei Wienerberger ebenfalls nicht das Ende der Fahnenstange sein, meint David Bachmann, Österreichs Handelsdelegierter in Tripolis. Er geht davon aus, dass sich die Libyer in Österreich nach weiteren Investments umsehen werden. Denn der Vizechef des Fonds, Mustafa Zarti, hat lange Zeit in Wien gelebt und für Libyen bei der Opec gearbeitet.
„Zarti ist ein Österreich-Liebhaber. Er kennt Österreich sehr gut“, so Bachmann im „Presse“-Gespräch. „Libyen ist das reichste Land Afrikas. Die Wirtschaftskrise hat man ohne gröbere Auswirkungen überstanden, nicht zuletzt, da das libysche Banken- und Finanzsystem international kaum vernetzt war“, so Bachmann.
Für Libyen ist es zudem ein günstiger Zeitpunkt, um zu kaufen. Inklusive Bezugsrechte werden sie für eine Wienerberger-Aktie rund 14 Euro zahlen müssen. Vor rund zwei Jahren war ein Papier noch rund 50 Euro wert. Warum Wienerberger die Kapitalerhöhung im Ausmaß von 335,8 Millionen Euro trotzdem macht? Es ist eine Art finanzieller Befreiungsschlag. „Damit sind wir nicht mehr von den Banken abhängig“, so Scheuch.
Verpflichtungen gehe man gegenüber Libyen keine ein. Innerhalb der nächsten zwei Jahre darf LIA auch nicht mehr als 15 Prozent an Wienerberger halten. Und wie sieht es mit der politischen Komponente aus? Gaddafi forderte ja erst vor Kurzem, dass die Schweiz aufgelöst werden sollte. „Es ist nicht meine Obliegenheit, das zu beurteilen. Mein Job ist, für die Zukunft von Wienerberger zu sorgen“, so Scheuch.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2009)

Staatsfonds: Die neue Macht


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