[Wien/Hoell] Infineon schockte die Anleger zu Wochenbeginn mit einer Gewinnwarnung. Statt der ursprünglich geplanten vier Mrd. Euro peilt das Unternehmen in diesem Geschäftsjahr nur noch einen Umsatz von 3,8 Mrd. Euro an. Der Gewinn wird von 789 Mio. Euro auf etwa 500 Mio. Euro zurückgehen.
Die Infineon-Aktie sank um 15 Prozent. Begründet wurde die schlechtere Prognose mit einer „aufgrund der gegenwärtigen Unwägbarkeiten der Weltkonjunktur unter den Erwartungen liegenden Geschäftsentwicklung“.
Normalerweise reagieren Unternehmen auf schlechtere Absatzzahlen mit einem Sparkurs. Infineon ist eine Ausnahme. Die Österreich-Tochter gab am Donnerstag bekannt, dass sie heuer 250 Mio. Euro investieren wird. Das Geld soll vor allem in den Produktionsstandort Villach und den Forschungsstandort Graz fließen.
„Wir platzen aus allen Nähten“, so Infineon-Österreich-Chefin Monika Kircher im Klub der Wirtschaftspublizisten. Das Unternehmen sei gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Bereits im Vorjahr habe man 205 Mio. Euro investiert. „Wir können es uns leisten, antizyklisch zu investieren. Das ist etwas, was wir uns früher immer gewünscht haben“, betont die Managerin.
Österreich bewege sich beim Umsatz „genau mit dem Gesamtkonzern mit“. Trotzdem sieht Kircher nach der Gewinnwarnung keinen Grund, besorgt zu sein. Denn mittel- und langfristig seien die Wachstumschancen für die Halbleiterindustrie intakt. Infineon gewinne laufend Marktanteile, daher suche man in Österreich händeringend Facharbeiter.
Internationalisierung Kärntens
In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Beschäftigten um 200 auf 2900 gestiegen. Bis Ende des Jahres sollen noch einmal 100 Angestellte – meist Techniker – hinzukommen. „Damit werden wir in Österreich bei den Beschäftigten ein All-Time-High erreichen“, sagt Kircher. Weil es nicht einfach sei, qualifiziertes Personal zu finden, sieht sich die Firma in aller Welt um. Man konzentriere sich bei der Suche zwar „nicht auf die arbeitslosen Spanier, aber wir haben selbstverständlich auch Mitarbeiter aus dem Süden Europas“. 20 Prozent der Infineon-Mitarbeiter haben keinen österreichischen Pass. Es gibt Beschäftigte aus 50 Ländern. Mit der Universität in Laibach habe man vor Kurzem eine Partnerschaft begonnen, damit mehr Leute aus Slowenien kommen.
Kircher wünscht sich eine Internationalisierung Kärntens. Sie ist auch Initiatorin des „Carinthian International Clubs“ (CIC). Im Herbst startet Infineon mit einer internationalen Kindertagesstätte. 2013 soll in Kärnten auf Initiative von Infineon die erste internationale Schule mit Englisch als Unterrichtssprache gegründet werden. Ziel ist es, in Kärnten bis zur Matura eine Ausbildung mit internationalem Format zu schaffen. Nur so können ausländische Facharbeiter und deren Familien angelockt werden.
Das Besondere von Infineon ist, dass es in Österreich nicht nur eine starke Forschungsabteilung mit 950 Mitarbeitern gibt, sondern dass hier auch produziert wird. Die Österreich-Tochter stellte im Vorjahr 17,6 Milliarden Chips her – diese werden beispielsweise in der Autoindustrie eingesetzt. Aber auch die Chips für die Ausweise im Pentagon wurden in Österreich entwickelt.
Keine Verlagerung nach Asien
Eine Verlagerung der Produktion nach Asien ist nicht geplant, auch wenn die Lohnkosten dort günstiger sind. „Wir werden in Villach auch noch in zehn Jahren produzieren“, versichert Kircher. Denn so könne man schnell und flexibel auf die Wünsche von Kunden reagieren. Neben den aktuellen Problemen sollte man in Europa nicht auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie vergessen, fordert die Managerin. Denn es könne keine Lösung sein, dass in Europa nur noch geforscht werde und die Produkte dann in Asien hergestellt werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2012)
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