Als Alexander Pretsch im April eine Messe in Newbury bei Oxford besuchte, traute er dem Geschehen erst nicht. Überall hoch spezialisierte Investoren – und auch noch mit reichlich Geld. „Unternehmer bewarben sich um fünf bis acht Millionen Pfund. Daheim müssen wir Vergleichbares mit 1,5 Millionen Euro schaffen.“ Die Biotrinity-Messe, wo Risikokapitalgeber mit Unternehmensgründern zusammenfinden sollten, übertraf Pretschs Erwartungen bei Weitem. „Zwei, drei Gespräche verliefen sehr positiv. In Österreich wäre das so sicher nicht möglich gewesen.“
Vor vier Jahren hat Pretsch sein Unternehmen Sealife Pharma in Tulln gegründet. Aus maritimen Bakterien und Pilzen wollen er und seine mittlerweile 15 Mitarbeiter bioaktive Stoffe ziehen, um diese pharmazeutisch zu nutzen. Aber nicht nur die Entdeckung der Stoffe kostet Geld, sondern auch das Erproben der Wirkung und die klinische Erzeugung für Antibiotika. Pretsch veranschlagt Kosten von fünf bis sechs Millionen Euro, ehe er nach rund sieben Jahren Arbeit Erträge erwartet.
Vor allem in Branchen wie Biotechnologie oder Pharma ist es für Start-ups oft schwierig, an Kapital zu kommen. Die benötigten Geldsummen sind meist horrend, die Forschungsdauer ist lang und die Unsicherheit hoch. Ein weiteres Hindernis ist, den passenden Investor erst zu finden. Aber während österreichische Betriebe wie Sealife Pharma in der Heimat schnell an Grenzen stoßen, ist der britische Markt vielversprechend.
Deutlich größerer Markt
„Großbritannien birgt enormes Potenzial“, sagt Georg Karabaczek, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in London. Für heimische Betriebe hat er kürzlich eine Reise nach London, Cambridge und Oxford organisiert, um neue Möglichkeiten für Startkapital zu eröffnen. Denn ein solcher Markt für Risikokapital sei in Österreich „kaum existent“, so Karabaczeks Mitarbeiterin Marie-Katharine Traunfellner. Entsprechende Fonds seien weniger spezialisiert und haben deswegen oft weniger Einblick in das Start-up, das sie finanzieren.
2010 investierten österreichische Kapitalgeber der Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation (AVCO) zufolge 127 Millionen Euro in 86 Unternehmen. Davon erhielten 33 Start-ups in Summe 11,3 Millionen Euro. In Großbritannien verteilten sich im selben Jahr 8,24 Milliarden Pfund auf 823 Unternehmen, 313 Millionen Pfund davon für 397 Start-ups. Damit ist Großbritannien auch relativ zur höheren Bevölkerungszahl ein vielfach größerer Markt.
Für IT-Unternehmen erprobt die Wirtschaftskammer schon länger internationale Potenziale. Seit 2010 bestehen Inkubatorenprogramme mit dem US-amerikanischen Silicon Valley, bei dem bis heute 53 österreichischen Unternehmen Ideen- und Netzwerkreisen nach Kalifornien finanziert wurden. Während hierbei schon Kapital akquiriert wurde, glaubt Marie-Katharine Traunfellner, Großbritannien biete noch mehr Möglichkeiten. „Kulturell gibt es weniger Hürden. Für all die Treffen zu Beginn von Förderungen hilft auch die geografische Nähe.“ Deswegen läuft seit Kurzem auch für die IT-Branche eine Kooperation mit Großbritannien.
Übersiedlung nach Cambridge
London, Cambridge und Oxford sind denn nicht nur wohlhabende Orte, wo viele Investoren ansässig sind. „Der Technologiepark in Cambridge ist einzigartig. Der wäre für uns sehr interessant“, sagt Alexander Pretsch. Wo er mit Sealife Pharma derzeit in Tulln arbeitet, seien die Kosten der Labornutzung viel höher als in England, wo die Geräte durch Gemeinschaftsnutzung „tatsächlich bezahlbar“ würden. „Außerdem profitierst du vom Cluster und dem Austausch vor Ort“, glaubt Pretsch.
Der britische Markt ist teilweise so attraktiv, dass erfolgreiche Betriebe gleich abwandern. Das ursprünglich Wiener Biotechnologieunternehmen F-Star, das therapeutische Antikörper entwickelt, fand etwa 2011 einen englischen Investor und beschloss im Frühjahr, komplett nach Cambridge umzusiedeln. „Das haben wir mit einem weinenden Auge beobachtet“, resümiert Karabaczek, der sich wünschte, dass zumindest ein Teil des Betriebes in Österreich bleiben würde.
Ein solcher Schritt ist auch für Sealife Pharma eine Erwägung. „Wenn der Großteil des Kapitals wirklich aus dem Ausland kommt, musst du dir schon überlegen, Teile zu verlagern. Das verbessert die Zusammenarbeit mit dem Investor“, erklärt Pretsch. Auch dies sei Teil der internationalen Orientierung österreichischer Betriebe.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2012)
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