Die Presse: Der Wirtschaftsstandort Österreich fällt in internationalen Rankings sukzessive zurück. Ist derartigen Ranglisten zu trauen?
Klaus Malle: Die Tendenz der Rankings ist sicher richtig. Und die Tendenz zeigt eindeutig nach unten. Egal, ob es um die Bildung oder um den Wirtschaftsstandort geht. Unmittelbar spüren das die Unternehmen in Österreich noch nicht. Die erfolgreichen unter ihnen entziehen sich der Standortfrage, indem sie dort forschen, wo es die besten Forscher gibt und dort verkaufen, wo es die besten Kunden gibt. Sie sind weitgehend unabhängig von Rankings am Heimmarkt.
Also alles halb so schlimm?
Langfristig ist es trotzdem problematisch, wenn sich keine neuen Headquarters in Österreich ansiedeln, keine Forscher mehr kommen, kein attraktiver Heimmarkt mehr vorhanden ist. Und die Basis der heimischen Wirtschaft, der Mittelstand, lebt natürlich auch davon, dass das Land ein starker und attraktiver Absatzmarkt bleibt. Ich bin kein Schwarzmaler, der überall Probleme sieht. Österreich lebt nach wie vor auf einem hohen Standard. Aber der Trend ist beunruhigend.
Wie wäre dieser Trend zu stoppen?
Das Land braucht einen großen wirtschaftspolitischen Plan, eine Vision – trotzdem fehlt sie. Österreich muss sich fragen: Wofür stehen wir und wo wollen wir in zehn Jahren stehen? Dabei geht es nicht um die Frage Dienstleistung oder Industrie. Österreich braucht beides. Aber wir müssen klären, welche Produkte, welche Dienstleistungen es sind, über die wir uns definieren wollen. Und hier muss dann auch investiert werden. Im Moment schwimmen wir im Nebel und wissen nicht, ob die Initiativen gut oder schlecht sind, ob sie überhaupt zusammenpassen.
Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat jüngst ein „Nation Branding“-Projekt für Österreich initiiert. Reicht es als Vision aus, sich vom Lipizzaner-Image zu verabschieden?
Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Frage ist aber, ob der Vision auch Taten folgen, ob Ausbildungen forciert, Ansiedelungen von Unternehmen und Clusterbildung erleichtert werden. Die Marke alleine hat auch noch kein Unternehmen erfolgreich gemacht.
Wo sehen Sie denn die großen Problemstellen für Österreich?
Das Problem ist, dass wir über viele Jahre gut positioniert waren. Wir hatten Osteuropa als Expansionsmarkt, wir haben in Billiglohnländern produziert. Inzwischen überholen uns aber unsere Wettbewerber. Sie produzieren billiger als wir, sie produzieren besser als wir. Sie überholen uns an allen Ecken und Enden. Österreich kann nur einen Weg gehen: in jene Branchen investieren, in denen man sich mit Innovation differenzieren kann. Denn eines ist klar: Österreich wird nie billiger produzieren als Indien oder China. Österreich braucht einen massiven Innovationsschub. Aber auch hier läuft die Entwicklung leider in die andere Richtung. Die besten Forscher gehen längst nicht mehr in die USA oder nach Europa. Sie suchen Arbeit in Indien, Südostasien, Brasilien. Sie gehen dorthin, wo die meiste Bewegung ist.
Es gibt ja innovative Unternehmen in Österreich, fehlt einfach die Breite?
Es gibt Musterbeispiele, die zeigen, wie es funktionieren kann. Aber Faktum ist, dass es zu wenige sind. Den Wirtschaftskrieg zwischen ökonomischen Welten, den wir erleben, kann man nur überleben, wenn man der Schnellste und Beste einer Branche ist. Ich glaube nicht, dass Österreichs Unternehmen so erfolgreich sind, weil sie hierzulande so gute Standortfaktoren vorfinden. Sie sind erfolgreich, weil sie mit den richtigen Produkten in die richtigen Märkte gegangen sind. Oft sind das Nischenplayer aus dem Mittelstand mit extrem hohem Innovationsgrad und Exportquoten jenseits der 95 Prozent.
Sehen Sie eine Chance für die Re-Industrialisierung Europas? Die USA setzen angesichts steigender Lohnkosten in Asien ja stark darauf.
Ich glaube nicht, dass man Industrie in einem Land stärken kann, indem man Produkte, die andere besser machen, wieder zurückholt. Vor allem, wenn es über Handelsbarrieren oder Regulierung erfolgt. Das wäre ein Schritt zurück und wird auch nicht gelingen. Wir müssen uns endlich damit konfrontieren, dass Länder wie Indien inzwischen genauso innovativ sind wie wir. Der Aufholprozess ist viel schneller gekommen als ursprünglich gedacht. Darum ist Geschwindigkeit so wichtig.
Dem trotzen wir in Österreich ja ganz gut.
Nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Das Zeitfenster, das uns bleibt, ist extrem klein. Mich macht es nervös, dass wir in der EU immer noch so langsam sind in Entscheidungsprozessen. Die jüngste Krise ist nicht zuletzt deshalb eskaliert, weil wir nicht schnell genug die Strukturen ändern konnten.
Gibt es einen „Point of no Return“ für Europa?
Ich sehe Europa nicht untergehen. Aber die Frage ist, wie groß unser Wohlstand in Zukunft sein wird. Wir müssen uns davon verabschieden, dass es uns am besten geht und den anderen nicht. Der Wohlstand wird anders verteilt sein. Europa wird es nicht mehr so gut gehen wie früher. Aber wir leiden auf hohem Niveau. Einerseits, weil wir viel richtig gemacht haben, andererseits aber auch, weil wir einen starken Wohlfahrtsstaat haben. Den werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Wenn die Pensionen knapp werden, wird das auch das Wahlvolk verstehen.
Europa ist zu langsam, um im Kampf gegen die aufstrebenden Wirtschaftsmächte aus Asien zu bestehen, sagt Klaus Malle. Der Innovationsvorsprung des Westens sei Geschichte. Europa müsse sich auf eine Zeit mit geringerem Wohlstand einstellen. Malle ist Unternehmensberater und Buchautor.
Seit acht Jahren steht der studierte Betriebswirt an der Spitze der Unternehmensberatung Accenture in Österreich. Bis zu seinem Wechsel in die Consultingbranche im Jahr 1991 arbeitete der heute 49-Jährige als Manager für Olivetti in London und Mailand.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)
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