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Klaus Malle: "Ich sehe Europa nicht untergehen"

08.07.2012 | 18:03 |  MATTHIAS AUER UND FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Österreich fehlt die wirtschaftspolitische Vision, sagt der Unternehmensberater. Das Land wisse nicht, womit es künftig wachsen soll. Im "Wirtschaftskrieg" gegen die Schwellenländer sei ganz Europa zu langsam.

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Die Presse: Der Wirtschaftsstandort Österreich fällt in internationalen Rankings sukzessive zurück. Ist derartigen Ranglisten zu trauen?

Klaus Malle: Die Tendenz der Rankings ist sicher richtig. Und die Tendenz zeigt eindeutig nach unten. Egal, ob es um die Bildung oder um den Wirtschaftsstandort geht. Unmittelbar spüren das die Unternehmen in Österreich noch nicht. Die erfolgreichen unter ihnen entziehen sich der Standortfrage, indem sie dort forschen, wo es die besten Forscher gibt und dort verkaufen, wo es die besten Kunden gibt. Sie sind weitgehend unabhängig von Rankings am Heimmarkt.

 

Also alles halb so schlimm?

Langfristig ist es trotzdem problematisch, wenn sich keine neuen Headquarters in Österreich ansiedeln, keine Forscher mehr kommen, kein attraktiver Heimmarkt mehr vorhanden ist. Und die Basis der heimischen Wirtschaft, der Mittelstand, lebt natürlich auch davon, dass das Land ein starker und attraktiver Absatzmarkt bleibt. Ich bin kein Schwarzmaler, der überall Probleme sieht. Österreich lebt nach wie vor auf einem hohen Standard. Aber der Trend ist beunruhigend.

 

Wie wäre dieser Trend zu stoppen?

Das Land braucht einen großen wirtschaftspolitischen Plan, eine Vision – trotzdem fehlt sie. Österreich muss sich fragen: Wofür stehen wir und wo wollen wir in zehn Jahren stehen? Dabei geht es nicht um die Frage Dienstleistung oder Industrie. Österreich braucht beides. Aber wir müssen klären, welche Produkte, welche Dienstleistungen es sind, über die wir uns definieren wollen. Und hier muss dann auch investiert werden. Im Moment schwimmen wir im Nebel und wissen nicht, ob die Initiativen gut oder schlecht sind, ob sie überhaupt zusammenpassen.

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat jüngst ein „Nation Branding“-Projekt für Österreich initiiert. Reicht es als Vision aus, sich vom Lipizzaner-Image zu verabschieden?

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Frage ist aber, ob der Vision auch Taten folgen, ob Ausbildungen forciert, Ansiedelungen von Unternehmen und Clusterbildung erleichtert werden. Die Marke alleine hat auch noch kein Unternehmen erfolgreich gemacht.

 

Wo sehen Sie denn die großen Problemstellen für Österreich?

Das Problem ist, dass wir über viele Jahre gut positioniert waren. Wir hatten Osteuropa als Expansionsmarkt, wir haben in Billiglohnländern produziert. Inzwischen überholen uns aber unsere Wettbewerber. Sie produzieren billiger als wir, sie produzieren besser als wir. Sie überholen uns an allen Ecken und Enden. Österreich kann nur einen Weg gehen: in jene Branchen investieren, in denen man sich mit Innovation differenzieren kann. Denn eines ist klar: Österreich wird nie billiger produzieren als Indien oder China. Österreich braucht einen massiven Innovationsschub. Aber auch hier läuft die Entwicklung leider in die andere Richtung. Die besten Forscher gehen längst nicht mehr in die USA oder nach Europa. Sie suchen Arbeit in Indien, Südostasien, Brasilien. Sie gehen dorthin, wo die meiste Bewegung ist.

 

Es gibt ja innovative Unternehmen in Österreich, fehlt einfach die Breite?

Es gibt Musterbeispiele, die zeigen, wie es funktionieren kann. Aber Faktum ist, dass es zu wenige sind. Den Wirtschaftskrieg zwischen ökonomischen Welten, den wir erleben, kann man nur überleben, wenn man der Schnellste und Beste einer Branche ist. Ich glaube nicht, dass Österreichs Unternehmen so erfolgreich sind, weil sie hierzulande so gute Standortfaktoren vorfinden. Sie sind erfolgreich, weil sie mit den richtigen Produkten in die richtigen Märkte gegangen sind. Oft sind das Nischenplayer aus dem Mittelstand mit extrem hohem Innovationsgrad und Exportquoten jenseits der 95 Prozent.

 

Sehen Sie eine Chance für die Re-Industrialisierung Europas? Die USA setzen angesichts steigender Lohnkosten in Asien ja stark darauf.

Ich glaube nicht, dass man Industrie in einem Land stärken kann, indem man Produkte, die andere besser machen, wieder zurückholt. Vor allem, wenn es über Handelsbarrieren oder Regulierung erfolgt. Das wäre ein Schritt zurück und wird auch nicht gelingen. Wir müssen uns endlich damit konfrontieren, dass Länder wie Indien inzwischen genauso innovativ sind wie wir. Der Aufholprozess ist viel schneller gekommen als ursprünglich gedacht. Darum ist Geschwindigkeit so wichtig.

 

Dem trotzen wir in Österreich ja ganz gut.

Nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Das Zeitfenster, das uns bleibt, ist extrem klein. Mich macht es nervös, dass wir in der EU immer noch so langsam sind in Entscheidungsprozessen. Die jüngste Krise ist nicht zuletzt deshalb eskaliert, weil wir nicht schnell genug die Strukturen ändern konnten.

Gibt es einen „Point of no Return“ für Europa?

Ich sehe Europa nicht untergehen. Aber die Frage ist, wie groß unser Wohlstand in Zukunft sein wird. Wir müssen uns davon verabschieden, dass es uns am besten geht und den anderen nicht. Der Wohlstand wird anders verteilt sein. Europa wird es nicht mehr so gut gehen wie früher. Aber wir leiden auf hohem Niveau. Einerseits, weil wir viel richtig gemacht haben, andererseits aber auch, weil wir einen starken Wohlfahrtsstaat haben. Den werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Wenn die Pensionen knapp werden, wird das auch das Wahlvolk verstehen.

Auf einen Blick

Europa ist zu langsam, um im Kampf gegen die aufstrebenden Wirtschaftsmächte aus Asien zu bestehen, sagt Klaus Malle. Der Innovationsvorsprung des Westens sei Geschichte. Europa müsse sich auf eine Zeit mit geringerem Wohlstand einstellen. Malle ist Unternehmensberater und Buchautor.

Seit acht Jahren steht der studierte Betriebswirt an der Spitze der Unternehmensberatung Accenture in Österreich. Bis zu seinem Wechsel in die Consultingbranche im Jahr 1991 arbeitete der heute 49-Jährige als Manager für Olivetti in London und Mailand.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)

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15 Kommentare

Aber nicht doch...

die Staaten der Eurozone haben sich auf dem EU-Gipfel Ende vergangener Woche auf eine Direkthilfe für angeschlagene Banken über den ESM geeinigt (deren Schulden sind dreimal so hoch wie die europäischen Staatsschulden!). Auch direkte Finanzhilfen ohne Sparauflagen an Pleite-Staaten werden künftig möglich sein, wenn sie die entsprechenden jährlichen Vorgaben der EU-Kommission erfüllen. Damit ist es den beiden großen „Wackelkandidaten" Italien und Spanien auf dem 18. Krisengipfel gelungen, einen Teil ihrer Staats- und Bankenschulden direkt auf den deutschen Steuerzahler abzuwälzen. Diese Überraschung war den Aktienmärkten am Freitag einen satten Kurssprung wert. In ein paar Wochen wird man entsetzt feststellen, dass das Geld im ESM für solche Stützungen nicht einmal ansatzweise reichen wird.
Der ESM liegt in den Händen des Verfassungsgerichtes
Gleichzeitig wurde der ESM am Freitagabend von Bundestag und Bundesrat abgesegnet. Jetzt kann er nur noch durch die inzwischen vier eingegangenen Eilanträge gegen den ESM vor dem Bundesverfassungsgericht gestoppt werden. Sollte auch diese Instanz ihn passieren lassen, dann sähe die Zukunft für Deutschland schwarz aus. Denn dann wäre auch ohne Eurobonds eine Schuldenunion über den ESM möglich. Deutschland hat im ESM unter bestimmten Voraussetzungen, die sehr wahrscheinlich eintreten werden, kein Vetorecht mehr. Deutschland kann dann einfach von den Südländern überstimmt werden, die nach eigenem Gutdünken über die Mittelverwendung entsche

Re: Aber nicht doch...

Sie haben schon recht, aber der "Kurssprung am Freitag" sah so aus:
ATX: minus 2 Prozent, DAX: minus 2 Prozent, DowJones: minus 1,5 Prozent!

Gast: slow
09.07.2012 10:31
1 0

Mich macht es nervös, dass wir in der EU immer noch so langsam sind in Entscheidungsprozessen. Die jüngste Krise ist nicht zuletzt deshalb eskaliert, weil wir nicht schnell genug die Strukturen ändern konnten.

schon wieder falsch. wenn nicht heutzutage die konzerne und firmen bis zu viermal im jahr ihre prognosen, die so nur manchmal und zufällig stimmen können, abgeben müßten, hätten sie mehr zeit für die angesprochenen visonen und man sollte wieder in längeren abschnitten denken und planen können. beispiel facebook: wer mir jetzt sagen kann, dass diese anonyme und niveaulose verhaberung von unbekannten außer für die freizeitindustrie und ähnliche einrichtungen auch für firmen etwas bietet, der tut mir herzlich leid. klar, dass die sich ohne ende feiernden werbefritzen wieder einnahmen für das nächste fest brauchen; also schwatzen sie ihnen teure und ins leere gehende it strukturen auf. die hauptsache: ma ist in...

Gast: unliberaler
09.07.2012 10:18
2 1

Österreich fehlt die wirtschaftspolitische Vision

nein, die fehlt allen selbsternannten experten. wenn man sich alleine die meinungen zu den gerade ablaufenden finanzereignissen auch nur ansatzweise anhört, erlebt man ein babylonisches sprachengewirr. also auf diese komiker sollte das volk einmal gar nicht hören. und das gelabbere mit dem ewigen wachstum ist keine vision, sondern eine schande, dass da nix statisch verbesserbares kommt. wer ist den dieser klaus malle - ein weiterer luftbläser im meer der wichtigtuer?

Re: Österreich fehlt die wirtschaftspolitische Vision

Gut, sie Oberlehrer: Was ist denn ihre Idee oder Option?
Wir haben uns keinen High Tech Bereich zum Kern der Entwicklung gemacht. Luft- und Raumfahrt ist die Domäne Süddeutschlands. Pharma die der Schweiz. Automotive als Forschung wäre unsere gewesen, aber der Markt wendet sich davon ab. Alternative Energien haben wir verschlafen, und Biotech auch, Gentech sind wir mehrheitlich dagegen, wie wir überhaupt ein "gebrochenes Verhältnis" zur F&E haben, das "za wos brauch ma des?" ist Unisono! Maschinenbau war nie unseres wirklich. Also was dann? Verlängerte Werkbänke - wie Kreisky sie wollte (etwa GM) sind ein Schuss nach hinten, da passiert nix in die Zukunft. Und die angeführten Mittelstandsbetriebe - ja, sie zeigen, dass Potential noch(!) da wäre. NOCH!

sehr gut!

unser Wohlstand, ist ein subventionierter: Subventioniert von zukünftigen Generationen, subventioniert von Entwicklungs- und Schwellenländern. Sobald diese Subventionen ausbleiben, wird der Lebensstandard der breiten Masse und hier allem unterer Einkommensschichten, da am stärksten subventioniert , am härtesten betroffen sein.

Antworten Gast: Halbwissen
09.07.2012 09:34
0 0

Re: sehr gut!

Ich denke die obere Mittelschicht wird am stärksten subventioniert !

um sehen zu koennten

muesste man zuerst die augen oeffnen

Gast: Pussy Riot
09.07.2012 01:52
3 1

Typischer Flachwixer der international vernetzten Finanzlobby

Malle, der seit 2000 Partner ist, ist zudem noch Geschäftsbereichsleiter „Financial Services“ von Accenture in Österreich. Er war in den letzten Jahren für zahlreiche große Beratungs- und Implementierungsprojekte bei großen Finanzunternehmen verantwortlich. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt dabei auf umfassenden Transformationsprozessen, Post-Merger-Integrationen, Strategie sowie Prozess- und Organisationsveränderungen. Malle wurde 1963 in Feldkirchen geboren und besuchte dort die Bundeshandelsakademie. Danach studierte er Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität in Wien und an der Universitá L. Bocconi in Mailand. Nach seiner Ausbildung arbeitete Malle zwischen 1988 und 1991 für Olivetti in London und Mailand, bevor er 1991 zu Accenture wechselte.

Antworten Gast: Matze
09.07.2012 11:16
1 1

Re: Typischer Flachwixer der international vernetzten Finanzlobby

Typisch, wenn man inhaltlich einfach nichts erwidern kann wird einmal schnell auf den (bösen kapitalistischen) Background verwiesen, und schon braucht man sich nicht mehr auseinandersetzen. Ja, genau so wird alles besser werden.

Gast: miaSan mia
09.07.2012 01:26
6 0

keine Vision, blah blah - es fehlt die Infrastruktur!

. . . die digitale Ära hat Europa und so auch Österreich überholt. Österreich lebt noch vom Renommee der Monarchie im Osten und von der Kulturstadt Wien in aller Welt.
Europa, das Land brauchte modernste Infrastruktur, den modernsten Daten-Hyway, die modernsten Schulen vom Boden- zum Neusiedlersee.
Die deutsche dualistische Ausbildung bedarf das Fachgeschäft und den Service mit dem Meister. Unverantwortlich die Einkaufszentren und die Handelsketten.
Die Verwaltung müsste insbes. mit Handel und Gewerbe gemeinsam das Land zu einem modernen Lebensraum schaffen.

Wenn die Pensionen knapp werden, wird das auch das Wahlvolk verstehen

Lieb.
Auch wenn ich ansonsten die Meinungen von Hrn. Malle teile.
Der letzte Satz stimmt nicht. Nachweis: Pensionen werden nicht erst seit gestern (auch) durch Schulden finanziert. Das heisst, sie sind längst "knapp". Was ebenso nachweislich nicht wirklich Niederschlag in der Politik der gewählten findet. Was in einer Demokratie heisst: Will keiner.

Antworten Gast: Halbwissen
09.07.2012 09:36
0 0

Re: Wenn die Pensionen knapp werden, wird das auch das Wahlvolk verstehen

So lange sie in beliebiger Höhe finanziert werden können sind sie nicht knapp !

Erst wenn die Finanzierung nicht mehr möglich ist.

Gast: Wirtschaftler
08.07.2012 22:25
1 0

Richtig erkannt !

Er spricht es aus, was ich den Politikern schon seit Jahren predige. Neue Ideen, Innovationen, Patente, Muster und Entwicklungen, welche die anderen Ländern noch nicht haben-- das wäre unser Vorsprung und von dem könnten wir in Zukunft gut leben. Aber man kann predigen, wie man will, solange sie Schnitzel und Bier vor dem Fernseher auf der Couch haben, sind sie zufrieden und nichts bewegt sich. Nur die Verwaltung wird größer und behäbiger.
Dabei hätten wir in Österreich sehr gute innovative Köpfe, aber die haben meist keine Chance und so sinken wir halt im steten Sinkflug.......
Wichtig sind halt Banken und Sparkassen, die werden in nächster Zukunft für unsere Arbeit und Produkte sorgen, und Hauptsache, der Vorstandschef hat seine Boni- dann ist alles in Ordnung. In 10 Jahren aber dürfen die Leute auf den Feldern Restkartoffel suchen gehen.....

Antworten Gast: schas
09.07.2012 10:22
0 1

Re: Richtig erkannt !

was sie da von sich geben, ist an und für sich nicht einmal wert, angesprochen zu werden. ewig nörgeln und dabei übersehen, dass österreich immer besser wird. siehe alle internationalen statistiken, die uns genau das gegenteil von ihrem gesudere beweisen.

Hobbyökonom