[Wien/Höll] Wenn die Osterreichische Nationalbank (OeNB) zu einer Pressekonferenz lädt, sollten Journalisten möglichst früh dort sein: Denn es kann schon einmal vorkommen, dass der erste Pressetext für nichtig erklärt und durch eine abgeschwächte Version ersetzt wird. Geschehen ist das am Montag, als OeNB-Chef Ewald Nowotny einen Bericht über das österreichische Finanzsystem vorgestellt hat.
In der ersten Version der Pressemitteilung hieß es, dass sich aufgrund der jüngsten Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten „die Unsicherheiten“ verstärkt haben. Die Staatsschuldenkrise erschwere zunehmend die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für das österreichische Finanzsystem. „Sie erhöht nicht nur den Abschreibungsverlust vieler Institute, sondern führte auch zu einem neuerlichen Vertrauensverlust zwischen den Banken“, wie im ursprünglichen Pressetext stand.
In der neuen und offiziell gültigen Version wurden die Wörter „Unsicherheiten“ und „Vertrauensverlust“ gestrichen. Stattdessen heißt es: Die österreichischen Banken hätten sich im internationalen Umfeld „vergleichsweise gut gehalten“.
Strukturbereinigung notwendig
Studiert man den 114 Seiten zählenden OeNB-Bericht, zeigt sich jedoch, dass Österreichs Banken nicht besonders profitabel sind. Im Vorjahr ist die Gesamtkapitalrentabilität auf 0,1 Prozent gesunken.
Diese Kennzahl gibt die Verzinsung des gesamten in einem Unternehmen eingesetzten Kapitals (Fremd- und Eigenkapital) an. Mit 0,1 Prozent war dieser Wert 2011 fast so niedrig wie im Krisenjahr 2008 (siehe Grafik). Schuld daran waren Wertberichtigungen bei den Tochtergesellschaften in Osteuropa. Viele Institute haben vor der Finanzkrise viel zu teuer zugekauft, jetzt mussten sie allein in Ungarn Abschreibungen von einer Mrd. Euro vornehmen.
Bei der Bank Austria drückten die Probleme in Kasachstan auf den Gewinn. Die Erste Group rutschte 2011 nach einem „Bilanzputz“ tief in die Verlustzone. Nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Österreich besteht Handlungsbedarf: Bereits in der Vorwoche kritisierte der Internationale Währungsfonds (IWF), dass Österreich „overbanked“ sei.
Im Vergleich zu anderen Ländern gebe es zu viele Bankfilialen und Bankmitarbeiter. „Die Profitabilität der österreichischen Bankgeschäfte war in den letzten paar Jahren ziemlich niedrig“, meinte IWF-Chefprüferin Enrica Detragiache und sprach sich für eine Strukturbereinigung auf dem heimischen Finanzsektor aus.
Höhere Kapitalquoten notwendig
Die Nationalbank wiederum fordert Österreichs Großbanken auf, ihren Risikopolster zu erhöhen, um für künftige Krisen besser gewappnet zu sein. Wie viel Geld die Institute brauchen, sagten die Vertreter der Notenbank nicht. Faktum ist aber, dass Österreichs Finanzkonzerne im internationalen Vergleich unterkapitalisiert sind. So kommen die drei größten Institute des Landes (Bank Austria, Erste Group und Raiffeisen Bank International) auf eine Kernkapitalquote von 10,4 Prozent, während vergleichbare europäischen Finanzkonzerne im Durchschnitt zwölf Prozent schaffen.
Auch internationale Banken, die ebenfalls in Osteuropa tätig sind, wie die französische Société Générale oder die belgische KBC, haben eine bessere Kapitalausstattung als die Österreicher. Wie viel Geld fehlt Bank Austria, Raiffeisen und Erste Bank, um auf das europäische Niveau heranzukommen? „Das sagen wir nicht“, meint der für die Bankenaufsicht zuständige OeNB-Vorstand Andreas Ittner.
Im Vorjahr war die Nationalbank wesentlich auskunftsfreudiger. Damals hieß es, dass ausländische Banken, die ebenfalls in Osteuropa aktiv sind, über drei bis 3,5 Mrd. Euro mehr Kernkapital verfügen als die Österreicher.
Neuer Staatszuschuss für Hypo?
Während Bank Austria, Raiffeisen Bank International und Erste Group den Anforderungen der Nationalbank nachkommen werden, hängt die Zukunft der drei Staatsbanken (Hypo Alpe Adria, Kommunalkredit und Volksbanken AG) in der Luft. Vor allem bei der Kärntner Hypo spitzt sich die Situation zu. Denn die Aufsicht schreibt der Bank eine höhere Kernkapitalquote vor, um alle Risken abzudecken.
Laut einer im Vorjahr durchgeführten Prüfung könnte bei der Hypo ein neuer Staatszuschuss von 1,5 Mrd. Euro notwendig sein – genauso viel hat der Steuerzahler bereits investiert. Eine andere Lösung wäre es, einen Großteil der faulen Kredite im Volumen von zehn Mrd. Euro in eine Bad Bank auszulagern. Dadurch würden sich aber Österreichs Staatsschulden erhöhen. Das Finanzministerium steht diesem Plan daher verhalten gegenüber. Ein Sprecher der Hypo Alpe Adria bestreitet allerdings Berichte, wonach schon Entscheidungen gefallen seien. Die Bank sei dabei, die Vor- und Nachteile aller Varianten zu prüfen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)
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