Wien/Es/Ag. Jeder kennt die Situation. Man steht im Geschäft, etwa, um einen Fernseher zu kaufen, fühlt sich von der Vielfalt des Angebotes überwältigt und gerät in Entscheidungsnotstand. Mit etwas Glück hat ein Verkäufer Zeit für ein Beratungsgespräch, aber der hat natürlich auch ein Auge auf seine Provision. Wenn man endlich eine Auswahl getroffen hat, quält einen dann noch die Frage, ob man das Gerät nicht irgendwo anders billiger bekommen hätte.
Wenn man einer Studie des E-Commerce-Centers Handel in Köln Glauben schenken darf, dann sind all diese quälenden Begleiterscheinungen des physischen Einkaufens bald Geschichte. Der Grund dafür ist der Siegeszug der Smartphones und der mobilen Internetnutzung. 43 Prozent der deutschen Smartphone-Besitzer setzen ihr Handy nämlich mehrmals im Monat gezielt dafür ein, sich im Internet über das eben im Geschäft gesehene Produkt ihrer Wahl zu informieren. „Die Informationssuche mit mobilen Endgeräten gehört bereits zum festen Bestandteil im Kaufprozess von vielen Kunden“, sagt Aline Eckstein, Bereichsleiterin des ECC Handel in Köln.
Preisvergleich mit einem Wisch
Die Tatsache, dass ein früher mühseliger Preisvergleich für Smartphone-Besitzer mit ein paar Wischern über den Handyschirm erledigt ist, hat Konsequenzen für den standortgebundenen Handel. Damit wird es künftig schwieriger sein, teurere Preise an besonders stark frequentierten bzw. von finanzkräftigeren Kunden besuchten Standorten durchzusetzen. 37 Prozent der Kunden recherchieren Preise auf neutralen Plattformen wie Preisvergleichs- und Bewertungswebsites. Mit knapp 29 Prozent folgen Websites konkurrierender Anbieter. Ebenfalls ein Problem für den physischen Handel: Wer sich mit dem Smartphone informiert, der kauft häufig im Anschluss gleich in einem Onlineshop ein. Nur 23,3 Prozent der deutschen Smartphone-Nutzer gehen nach einer Produkt- und Preisrecherche in ein Geschäft. 29,9 Prozent kaufen das jeweilige Produkt dann auch online. Dies geschieht aber noch bevorzugt über E-Commerce, also stationär via PC oder Laptop und nicht mobil.
58,8 Prozent der Befragten wünschen sich aber, dass Anbieter Onlineshops für den Kauf mit dem Smartphone (M-Commerce) optimieren. Knapp die Hälfte der Smartphone-Nutzer hat schon einmal einen Kauf abgebrochen, weil das Registrieren und Bestellen zu aufwändig war. Wie im klassischen E-Commerce gehören Bücher und Medien (49,3 Prozent), Elektrowaren (39,5 Prozent) und Mode (24 Prozent) zu den beliebtesten Produktkategorien beim Kauf via Smartphone.
Auch Österreicher kaufen vermehrt online
Für Österreich gibt es noch keine spezifischen Erhebungen zum M-Commerce, wohl aber zum E-Commerce. Einer Studie der WKO zufolge verwenden 59 Prozent der Österreicher das Internet zum „Finden von Informationen über Waren oder Dienstleistungen“, 39 Prozent oder 2,5 Mio. aller Österreicher kaufen Einzelhandelswaren im Internet ein. Bei E-Commerce in Deutschland ist man überzeugt, dass sich die „mobile Revolution“ schneller vollziehen wird als die Internetrevolution. Die nächste Generation von Smartphones werde man „wie ein Schweizer Messer für vielfältige Aufgaben im Rahmen der Einkaufsaktivitäten einsetzen können, sagt Studienautorin Maike Strudthoff. Die Höhe und der Umfang der mobil getätigten Transaktionen werde in den nächsten Jahren zunehmen. Amazon und eBay, aber auch Online-Versandhauskataloge wie Otto-Versand realisieren bereits signifikante Umsätze via Mobile-Commerce.
Kurzfristig seien die Handy-Zahlfunktion und standortbezogene Dienste, etwa das Abrufen von Zusatzinformationen über ein Produkt via Smartphone, die absoluten „Hyperthemen“. Um konkurrenzfähig zu bleiben, sei es für den lokalen Handel wichtig, über den gesamten Prozess der Kaufentscheidung hinweg präsent zu sein und dem Kunden einen Mehrwert zu bieten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)
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