Wien/Red. Hat der Kapitalismus in Krisenzeiten ausgedient? Der Glaube an die freie Marktwirtschaft als beste aller Wirtschaftsformen ist in den Eurokrisenländern jedenfalls schwer erschüttert, wie eine globale Studie des US-Forschungszentrums Pew Research Center in 21 Ländern zeigt. Im Jahr 2007 – kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise – glaubten noch drei Viertel der Italiener und 67 Prozent der Spanier daran, dass es den Menschen in einem kapitalistischen System am besten geht.
Danach ging es aber steil bergab: Heuer sind nur noch 50 Prozent der Italiener, 47 Prozent der Spanier und 44 Prozent der Griechen (für dieses Land gibt es keine Zahl für 2007) dieser Meinung.
In Deutschland ist das Vertrauen in den freien Markt allerdings ungebrochen: 69 Prozent der Befragten glauben an das Konzept – damit überholt der Exportweltmeister die USA um zwei Prozentpunkte. Die Deutschen – und noch mehr die Chinesen – sind auch vom wirtschaftlichen Erfolg und den guten Aussichten ihres Landes überzeugt. In der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft Frankreich sind dagegen nur 19 Prozent optimistisch. Die Schere zwischen Deutschland und den anderen EU-Ländern wird folglich immer größer.
Wenn es um die Suche nach den Schuldigen der aktuellen ökonomischen Misere geht, ist die Antwort schnell gefunden: Für die meisten Befragten sind es die nationalen Regierungen.
Griechische Selbstkritik
Wobei es allerdings differenzierte Meinungen gibt: In Spanien etwa machen 78 Prozent der Befragten die Finanzbranche für die Misere verantwortlich. In Griechenland wiederum herrscht überraschend Selbstkritik: 42 Prozent sind der Meinung, dass sie selbst Teil des Problems sind. Die EU machen dagegen nur 19 Prozent der Griechen verantwortlich.
Besonders unzufrieden mit der Europäischen Union ist man dagegen in Tschechien: Hier geben 39 Prozent Brüssel die Schuld an den wirtschaftlichen Problemen ihres Landes. Die USA sind dagegen in Mexiko (30 Prozent), in der Türkei (28 Prozent) und auch in China (25 Prozent) der Sündenbock.
Die Studie hat aber noch einen anderen interessanten Aspekt herausgearbeitet: Die persönliche Lage wird generell besser eingeschätzt als jene des Heimatlandes. Trotz Rekordarbeitslosigkeit bezeichnen 57 Prozent der Spanier ihre persönliche wirtschaftliche Situation als gut, bei den Italienern sind es 41 Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)
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