Wer Geld verleiht, erhält dafür Zinsen. Das ist eine Grundregel des marktwirtschaftlichen Systems. Seit einigen Monaten wird diese Regel bei Staatsanleihen Österreichs sowie anderer mittel- und nordeuropäischer Länder jedoch auf den Kopf gestellt. Denn die Investoren müssen mitunter negative Nominalzinsen hinnehmen: also Geld bezahlen, um Geld verleihen zu dürfen.
In Österreich traf das bislang nur auf Papiere mit einer kurzen Laufzeit von sechs Monaten oder einem Jahr zu. Seit Anfang der Woche liegen aber auch erstmals die Zinsen zweijähriger Staatsanleihen im negativen Bereich. Der Grund dafür ist die allgemeine Verunsicherung der Investoren in Europa. „Anleger investieren ihr Geld nicht mehr im Ausland – vor allem nicht mehr in den Ländern der südeuropäischen Peripherie“, sagt Jörg Angele, Analyst bei Raiffeisen Research. Sobald italienische oder spanische Anleihen abreifen – das einst verliehene Geld also am Ende der Anleihenlaufzeit vom Staat zurückbezahlt wird –, ziehen österreichische Investoren ihr Geld aus diesen Ländern ab und investieren es hierzulande.
Gut für Norden, schlecht für Süden
Nach heimischen Anleihen gibt es somit sukzessive mehr Nachfrage, weshalb die Zinsen stetig sinken und inzwischen zum Teil im negativen Bereich angekommen sind. Gleichzeitig gibt es in den südlichen Euroländern immer weniger Nachfrage nach Anleihen, weshalb die Zinsen steigen. Für die Staaten ist das ein Problem, da sie die Rückzahlung ihrer Altschulden nur durch neue Schulden finanzieren können. Um diesen Druck zu lockern, warf die EZB in den vergangenen Monaten mehrmals die Notenpresse an und gab den europäischen Banken günstige Finanzspritzen, die diese zum Teil in Staatsanleihen investierten. Indirekt finanziert die EZB so die Staatsschulden Südeuropas.
Für die heimischen Negativzinsen ist die EZB-Geldschwemme kein direkter Grund. Dies wäre für die Banken auch kein Geschäft, da sie der Zentralbank Zinsen in Höhe des Leitzinses (derzeit 0,75 Prozent) zahlen müssen. Allerdings sorgte eine andere Entscheidung der EZB für mehr Nachfrage nach Staatsanleihen sicherer Länder: So zahlt die Zentralbank seit einigen Wochen für sogenannte Übernachteinlagen gar keine Zinsen mehr. Dies führte dazu, dass viele Investoren ihr Geld aus Frankfurt abzogen und neue Anlagemöglichkeiten suchen.
Doch warum investiert jemand überhaupt in eine Anlage, für die er negative Zinsen zahlen muss? Dafür gibt es mehrere Gründe, so Angele. Manche Investoren – etwa Pensionsfonds – sind verpflichtet, einen Teil des Geldes in besonders sicheren Anleihen zu halten. Da sie sich aufgrund des derzeit allgemein niedrigen Zinsniveaus nicht zu lange binden wollen, beißen sie in den sauren Apfel und kaufen eben die kurzfristigen Staatsanleihen Österreichs, die sogar negative Zinsen bringen.
Keine Alternativen mehr
Aber auch für Anleger, die nicht heimische Anleihen kaufen müssen, kann es – wenn sie Sicherheit suchen – kaum weitere Alternative geben. So könnten sie zwar ihr Geld auch einfach bei einer Bank deponieren. Geht diese jedoch in Konkurs, ist das Geld verloren (die staatliche Einlagensicherung gilt für institutionelle Anleger in der Regel nicht). Daher gehen die Investoren das Risiko nicht ein. Diese Einschränkungen gelten auch für Übernachteinlagen bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, da auch diese über eine Geschäftsbank erfolgen müssen.
Und warum nutzt der Staat die Negativzinsen nicht, um Geld aufzunehmen und teurere Altschulden zurückzuzahlen? „Theoretisch wäre das möglich“, heißt es bei der Bundesfinanzierungsagentur. Allerdings ist bei der Planung der Schulden nicht nur der Zins entscheidend, sondern auch die Laufzeiten. „Der Staat will jedes Jahr etwa gleich viel zurückzahlen, um kein Klumpenrisiko zu bilden“, so Angele. Durch ein plötzliches Ausgeben vieler kurzlaufender Anleihen mit negativen Zinsen würde diese Planung durcheinandergeraten. Zudem würde eine Ausweitung des Anleihenangebots auch Auswirkungen auf die Zinsen haben – sie würden steigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2012)
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