Als die teilverstaatlichte Lloyds Banking Group in der Vorwoche hunderte Filialen verkaufte, hagelte es Kritik. Für 632 Außenstellen gibt es bloß 350 Mio. Pfund (448,8 Mio. Euro) sofort sowie bis zu weitere 400 Mio. Pfund über die nächsten 15 Jahre. Ein schlechter Deal sei das, sowohl für Lloyds als auch für den Steuerzahler, beklagten Insider. Und weil die Filialen nun nicht mehr an der Börse notiert sind, kaschiere der Staat auch noch sein mieses Geschäft, da die Preisentwicklungen nun nicht mehr nachvollzogen werden könnten. Schatzkanzler George Osborne verteidigte sich: Es gehe nicht nur um die sofortigen Verkaufseinnahmen, sondern auch um die Schaffung eines weiteren großen Wettbewerbers.
Das Unternehmen, das neben den großen Geldhäusern Lloyds, Royal Bank of Scotland, HSBC, Barclays und Santander den britischen Markt aufmischen soll, ist die Co-operative Group (Co-op), die größte Konsumgenossenschaft der Welt. Mit dem Kauf der Filialen hat Co-op nun einen Marktanteil von sieben Prozent an allen britischen Girokonten. Damit nimmt ein weiterer Wettbewerber den Kampf mit den großen Platzhirschen auf, die über Jahre das Geschäft dominiert haben. Insbesondere Unternehmen, die bisher nicht gerade für ihre Finanzdienstleistungen bekannt gewesen sind, haben zuletzt vermehrtes Interesse für das Geschäft mit Bankkunden gezeigt. Der Zeitpunkt dafür scheint günstig.
Schlechtes Image der Banken
Durch diverse Vorkommnisse hat das Ansehen der großen Geldhäuser in Großbritannien extrem gelitten. Mit der Finanzkrise ab 2007 zeichnete sich nach und nach das Bild, die Branche verspiele das Geld ihrer Kunden und bereichere sich auch noch auf Steuerkosten. Durch Verkaufsskandale an Kunden und zuletzt auch noch die Manipulation des Libor verschlechterte sich das Image der Branche weiter. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergab im Juni, dass 63 Prozent der Briten keiner der Banken ihres Landes vertrauen. Dabei war die Libor-Manipulation zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Schlagzeilen.
Die Befragten bewerteten auch ihr Vertrauen gegenüber verschiedenen Unternehmensformen. Genossenschaftlich organisierte Banken erhielten dabei einen deutlich besseren Wert als an der Börse notierte Gesellschaften. „Genossenschaften verbinden kommerzielle Leistung mit sozialen und umweltschonenden Werten. Sie sind ein Teil der Lösung zu den britischen Wirtschaftsproblemen“, sagt Ed Mayo, Generalsekretär der Co-op.
Sein Unternehmen, das mit den Lloyds-Filialen 4,8 Millionen neue Kunden bekommt, veröffentlichte kürzlich auch einen Geschäftsbericht, der sich gegenüber der wirtschaftlichen Lage in Großbritannien sehen lassen kann. Obwohl Co-op 70 Prozent seines Geschäfts im kriselnden Einzelhandel macht, konnte die Genossenschaft mit 1,5 Prozent Wachstum 2011 nun im vierten Jahr in Folge stärker wachsen als die britische Wirtschaft allgemein. Die Hoffnung ist, das überwiegend positive Image der Bewegung nun auf den Finanzsektor zu übertragen. Dies versuchen auch andere Unternehmen.
„Keine versteckten Gebühren“
Der Einzelhandelsgigant Marks & Spencer etwa bietet ab Oktober erstmal Girokonten an. Das Ziel ist, den eigenen Supermarktkunden ein integriertes Paket aus Shopping, Spar- und Versicherungsprodukten anzubieten. Colin Kersley von Marks & Spencer erklärt: „Girokonten sind der natürliche nächste Schritt für uns. Die exklusiven Vorteile können die Kunden nun mit einem transparenten Konto verbinden, das keine versteckten Gebühren hat.“
Der von George Osborne erwünschte Wettbewerb könnte weiter belebt werden. Die Finanzregulierungsbehörde Financial Services Authority verkündete vor Kurzem, zahlreiche bisher erfolglose Anträge auf Genehmigung zum Bankengeschäft erneut prüfen zu wollen. Es gehe darum, britische Kunden mehr Auswahl zwischen Anbietern zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, könnte wohl auch Staatseigentum unter Wert verkauft werden.
In Großbritannien steigen immer mehr Unternehmen aus anderen Branchen in das Bankgeschäft ein. Der Zeitpunkt für den Angriff auf die etablierten Finanzkonzerne ist günstig. Seit der Finanzkrise und nach Auffliegen der Zinsmanipulationen hat sich das Image der britischen Großbanken deutlich verschlechtert. Laut einer Umfrage von Yougov vertrauen 63 Prozent der Befragten keiner der Banken ihres Landes.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)
WirtschaftswachstumDas Plus und Minus der EU-Länder im ersten Quartal
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet
UrlaubÖsterreicher im EU-Ranking voran