Otto-Versand investiert in Brasilien

23.07.2012 | 18:25 |   (Die Presse)

Der Versandhändler Otto wird Kapitalgeber für brasilianische Unternehmensgründer. Diese Investmentstrategie ist nicht ganz ohne Risiko.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Hamburg/Es. Dem klassischen Katalogversand haftet ein altbackenes Image an. Wer sich davon nicht rechtzeitig verabschiedet, dem droht das Schicksal von Versandhändler Neckermann, der letzte Woche Insolvenz anmelden musste. Branchenkollege Otto-Versand setzt auf eine riskante Strategie, um sich finanziell gegen Konkurrenten wie Amazon oder Zalando breiter aufzustellen: Otto entwickelt sich immer mehr zum weltweiten Kapitalgeber für Unternehmensgründer.

Wie der „Spiegel“ aus Kreisen berichtete, will sich das Unternehmen jetzt mit 20 Mio. Dollar (16,5 Mio. Euro) an einem 130 Mio. Dollar schweren Investmentfonds in Brasilien beteiligen. Verwaltet wird der Fonds von einem Joint Venture der Investmentgesellschaften Redpoint und e.ventures. Diese versorgen seit Anfang des Jahres brasilianische Internet-Start-ups wie das Reiseportal Viajanet mit Kapital und vernetzen diese mit dem Silicon Valley in San Francisco. Das Engagement der Otto-Group in Brasilien passt zur Konzernstrategie. Bereits 2011 hat das Management angekündigt, dass man sich das wachstumsstarke Schwellenland mit eigenen Onlineshops erschließen wolle. Otto-Versand erzielt drei Viertel seines Umsatzes im Internet, tut sich aber schwer, sich neben dem übermächtigen Branchenkollegen Amazon zu profilieren. Das Versandhaus mit Sitz in Hamburg arbeitet bereits in anderen Ländern mit e.ventures zusammen.

 

Boom-Markt oder neue Blase?

Die Investmentgesellschaft ist mit fünf Fonds an Start-ups in Deutschland, Frankreich, England, den USA, Japan und Russland beteiligt. Die Investition in Brasilien ist nicht ganz risikolos. Zwar gilt Brasilien mit seiner rasch wachsenden Mittelklasse als nächster Boom-Markt für Internet-Startups. Allerdings verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum. Die brasilianische Regierung hat die Prognose für 2012 vergangenen Freitag revidiert: Das Bruttoinlandsprodukt werde nur um drei statt die erwarteten 4,5Prozent wachsen. Die Investition in Start-ups ist an sich schon riskant. Viele Neugründungen erweisen sich trotz Millioneninvestitionen als nicht tragfähig. Ein breit aufgestellter Fonds vermindert dieses Risiko jedoch.

Auch in der Konzernführung tut sich bei Otto einiges: Ab August wird unterhalb des Konzernvorstandes der Otto-Group ein dreiköpfiger Bereichsvorstand berufen, der sich ausschließlich um die Geschicke der Einzelgesellschaft Otto kümmern soll.

Die Sparte E-Commerce, die bisher aus vielen kleinen Onlineshops bestand, wird unter dem bisherigen Vize-Vorstand Rainer Hillebrand gebündelt und vereinheitlicht. Der Managementumbau ist Teil des Sparprogramms, das seit Wochen für Unruhe im Konzern sorgt. Erstmals wurden auch Kündigungen nicht ausgeschlossen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Umfrage

AnmeldenAnmelden