Rom. Krise? Gibt es nicht. Die italienische Mode- und Textilbranche läuft auf Hochtouren – vor allem das Luxussegment bei Kleidung und Accessoires. Und während die entsprechenden Strukturen anderer westeuropäischer Länder längst unter dem Konkurrenzdruck des Fernen Ostens zusammengebrochen sind, stellt sich Italien gerade bei der Mode heute als das wettbewerbsfähigste Land der Welt heraus.
Prada, Stefano Ricci und Max Mara, Giorgio Armani, Ermenegildo Zegna und Mandarina Duck, Krizia, Gucci, Tod's, Diesel, Geox – von den weltbekannten Namen sind viele aus Italien. Während ihr Land im Ganzen aus der Rezession nicht mehr herauskommt, melden sie durchaus zweistellige Zuwachsraten bei Umsatz und Gewinn. Und während zahlreiche Fiat-Arbeiter mit Kurzarbeit oder gar Kurzarbeit null über die Runden kommen müssen, zahlte Zegna jedem seiner 7000 Beschäftigten für 2011 einen Erfolgsbonus von tausend Euro. Freiwillig.
Wie sie das machen? Zum einen lebt die Mode- und Luxusbranche Italiens hauptsächlich vom Ruf ihres Landes: „Made in Italy“ steht weltweit für Eleganz, Qualität, Lebensgefühl, Kultur und gehobenen Lebensstil. Italienisch cool wollen alle aussehen: Das Land ist beispielsweise unangefochtener Weltmarktführer beim Export von Sonnenbrillen
Und auch Stefano Ricci hat seine Männermode heuer nicht umsonst zwischen den historischen Meistergemälden in den Florentiner Uffizien präsentiert. „Made in Italy, das ist kein Etikett, sondern eine Geschichte“, heißt es. Und was die Welt schon von Italien zu wissen glaubt, wird durch sehr geschicktes Marketing auch noch verstärkt. Die „aufstrebenden Länder“ mit gefühlt ungeheurem Nachholbedarf an Lebensqualität werden als Italiens größte Märkte denn auch besonders gepflegt: Der Absatz in China ist von 2010 auf 2011 um 72 Prozent gewachsen. Selbst im hart umkämpften, der Billigpreiskonkurrenz ausgesetzten deutschen Modemarkt konnte Italien noch zulegen, wenn auch nur um 5,1 Prozent.
Zum anderen haben Italiens Stoffkünstler jenen starken Umstrukturierungsprozess schon hinter sich, den das Land als Ganzes erst noch erledigen muss. Vor sieben Jahren beschäftigte die Mode- und Textilbranche noch 605.000 Menschen – heute sind es 447.000 in 52.000 Firmen.
Nur im eigenen Land ist die Modebranche schier machtlos: Die Kaufkraft in Italien wird immer weniger, die Mode, nach der die Welt ruft, daheim unerschwinglich. Da kommt der Handel mit China wieder ins Spiel, diesmal in umgekehrter Richtung: Noch nie hat Italien so viel Billigkleidung eingeführt wie 2011.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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