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England: Murdochs Rückzug auf Raten

28.07.2012 | 17:18 |  von Julia Kastein (Die Presse)

Rupert Murdoch hat sämtliche Verwaltungsratsposten bei seinen britischen Blättern aufgegeben. England rätselt: Bereitet er den Verkauf seiner Zeitungen "Sun", "Times" und "Sunday Times" vor?

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Rupert Murdoch tat so, als ob ihn das alles nichts mehr angehe: Als am Dienstag seine einst enge Vertraute Rebekah Brooks und zehn weitere Manager und Mitarbeiter der inzwischen eingestellten „News of the World“ wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung am illegalen Abhören von hunderten Handy-Mailboxen angeklagt wurden, hüllte sich der sonst so mitteilungsfreudige Medienmogul in Schweigen. Kein Tweet, kein Statement, keine Pressemitteilung, weder von ihm persönlich, noch aus seinem Konzern.

Dabei hatte Murdoch Brooks, die sich von der Redaktionsassistentin zur Geschäftsführerin der britischen Zeitungsholding „News International“ (NI) hochgearbeitet hatte, noch vor einem Jahr als seine „höchste Priorität“ bezeichnet. Doch ein Jahr ist lang – und Murdoch nach Einschätzung vieler Medienexperten längst dabei, seinen kompletten Rückzug vom britischen Zeitungsmarkt und damit den Verkauf von „Sun“, „Times“ und „Sunday Times“ vorzubereiten.


Reinigung im Konzern. So hat Murdoch dieser Tage sämtliche Verwaltungsratsposten bei seinen britischen Blättern aufgegeben. Auch als NI-Aufsichtsratschef trat er zurück. Den nervösen Mitarbeitern in den Redaktionsräumen in Wapping wurde per E-Mail versichert, dass Murdoch seinen Zeitungen trotzdem weiter „völlig verpflichtet“ bleibe. Sein partieller Rücktritt – Murdoch bleibt Chef von News Corp – sei nichts weiter als eine „Reinigungsübung“ im Gesamtkonzern: Ende Juni hatte das Unternehmen angekündigt, die hochprofitablen Fernseh- und Unterhaltungssparten (mit denen 90 Prozent der Jahreseinnahmen von ca. 4,2 Mrd. Dollar erwirtschaftet werden) vom Printgeschäft mit Zeitungen und Buchverlagen komplett abzutrennen.

All diese Schritte, meint die renommierte Medienanalystin Claire Enders, zu deren Kunden auch die britische Regierung gehört, signalisierten „den langsamen Rückzug“ von Murdoch aus Großbritannien. „Der Griff der Murdochs hat sich Finger für Finger gelöst – und zwar nicht, weil es irgendwann eine triumphale Rückkehr gibt. Das ist eine permanente Verschiebung“, so Enders im „Telegraph“. Die Familie hätte das Gefühl, nicht mehr in Großbritannien willkommen zu sein, „und damit haben sie recht“.

Auch an Murdochs Stuhl an der Spitze des Gesamtkonzerns wird gesägt: Kürzlich war er von 18 wichtigen Aktionären zum Rücktritt aufgefordert worden. Das Unternehmen brauche dringend „eine unabhängige Führung“. Denn auch wenn der Abhörskandal nur einen winzigen Teil von News Corp betroffen hätte (die „News of the World“, einst das meistgelesene britische Sonntagsblatt, brachte gerade mal ein Prozent der Gesamteinnahmen), drohe er den Ruf des gesamten Konzerns zu beschädigen. Sein Rückzug aus dem britischen Konzernzweig könnte der Versuch sein, diese Anteilseigner zu beschwichtigen.


Liebkind „Sun“. „Man kann zu viel in das alles hineinlesen“, warnt Peter Preston, ehemaliger Chefredakteur des „Guardian“, also jener Zeitung, die den Skandal durch jahrelange Recherche enthüllte. Murdoch sei „schließlich 81 Jahre alt, vielleicht ist es da einfach nicht mehr vernünftig, in der Weltgeschichte rumzuhetzen.“ Zwar glaubt auch Preston, dass der Konzern sich langfristig von seinen britischen Zeitungen verabschieden wird. Aber: „Es wird nicht passieren, solange Murdoch noch das Sagen hat. Er hat schließlich erst vor ein paar Monaten höchstpersönlich die ,Sun on Sunday‘ gelauncht.“ Er hänge an seinen Zeitungen, vor allem am Boulevardblatt „Sun“: „Sie wäre das Letzte, was er verkaufen würde.“

Zumal potenzielle Käufer nicht gerade Schlange stehen würden: Zwar operiere die „Sun“ mit Profit, aber „die ,Sunday Times‘ und die ,Times‘ verlieren Geld, auch wenn im Nebel von Murdochs Buchführung keiner genau weiß, wie viel“, so Preston. „Das ist nichts, was jemand unbedingt kaufen will – höchstens ein russischer Oligarch oder jemand aus dem Mittleren Osten mit zu viel Geld.“ Der mögliche Verkauf der Zeitungen, befürchtet Bob Satchwell, Vorsitzender des Redakteurverbandes „Society of Editors“, könnte ihr Ende bedeuten: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich wieder jemand wie Rupert findet, der bereit ist, richtig in seine Zeitungen zu investieren.“ Und egal, was man sonst von ihm halte, „Murdoch war eine Bereicherung für die britische Presse.“ Vor allem seine Konkurrenten hätten ihm viel zu verdanken: „Indem er die Macht der Druckergewerkschaften gebrochen hat, hat er dafür gesorgt, dass alle Zeitungen mehr Profit machen konnten.“

Auch Preston, kein erklärter Murdoch-Fan, sagt: „Kann gut sein, dass in einigen Jahren manche Leute aufwachen und sagen: Es sind ein paar schlimme Dinge passiert in einigen Murdoch-Zeitungen und unter seiner Aufsicht – aber sein Rückzug hat die Industrie insgesamt geschwächt.“

Das Verfahren

Nach 90 Sitzungstagen, 650 Zeugenaussagen und mit einem 6000 Seiten dicken Aktenberg hat die „Leveson- Inquiry“ vergangene Woche ihre Beweisaufnahme abgeschlossen. 225 Zeugen, von Rupert Murdoch bis zu Dutzenden Abhöropfern, hatten sich im Gerichtssaal oft stundenlangen, quälenden Befragungen aussetzen müssen. Bis Herbst will der vorsitzende Richter Leveson seinen Abschlussbericht und Vorschläge zur effektiveren Regulierung der Presse vorlegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)

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