Das ist der Alptraum jedes Finanzministers: Eine Großbank gerät durch schiefgelaufene Spekulationsgeschäfte in Schieflage. Eine Insolvenz würde andere Institute mitreißen und die gesamte Volkswirtschaft an den Rand des Abgrunds bringen. Die in den vergangenen Jahren weltweit hundertfach praktizierte Antwort darauf: Der Staat springt ein und rettet die Bank mit Milliarden an Steuerzahlergeld. Denn die Bank ist „too big to fail“, niemand kann es sich leisten, den Koloss untergehen zu lassen.
Fazit: Die Politik befindet sich permanent in Geiselhaft der Finanzinstitute. Und Großbanken haben sozusagen die Lizenz zum Zocken: Sie können extreme Risken im Bewusstsein eingehen, dass sie im Ernstfall von den Steuerzahlern „herausgehauen“ werden.
Ideen zur Beendigung dieses sehr marktfernen Zustands (die Insolvenzdrohung im Falle einer Fehlentscheidung ist ein zentrales marktwirtschaftliches Regulativ gegen zu hohe Risikobereitschaft) gibt es zuhauf. Mit deren Realisierung sieht es aber eher düster aus.
Die wichtigste betrifft die Wiedereinführung eines Trennbankensystems, wie es bis zur Jahrtausendwende Standard war: Großbanken würden in dem Fall zerschlagen und in das risikoarme traditionelle Bankgeschäft (Einlagen und Kredite) sowie das riskantere Investmentbanking (Vermögensverwaltung, Wertpapierhandel, Begleitung von Börsengängen et cetera) aufgeteilt.
Die Idee dahinter: „Verzockt“ sich die Investmentbank, dann kann man sie in Konkurs schicken, ohne Millionen Sparer und Kreditnehmer zu gefährden. Zu hohes Risiko müssten dann wieder, wie es sich im Kapitalismus gehört, die Aktionäre übernehmen. Und nicht unbeteiligte Steuerzahler. Die Idee hatte bisher einen kleinen Schönheitsfehler: Sie wurde überwiegend in salonlinken und alternativen Zirkeln diskutiert und hatte wenig Chance auf Realisierung. Doch jetzt beginnen Dämme zu brechen: In Deutschland kann sich plötzlich der konservative Finanzminister Schäuble die Einführung eines Trennbankensystems „vorstellen“, und der Chef des weltgrößten Versicherungskonzerns, Munich Re, spricht sich offen dafür aus, den „Konstruktionsfehler des Systems“ namens Universalbank zu beseitigen.
Banker mit Occupy-Slogan
In den USA beginnen die Banker praktisch selbst, den Occupy-Slogan „Zerschlagt die Banken“ zu skandieren. Ex-Citigroup-Chef Sanford Weill beispielsweise hat vorige Woche massiv für die Wiedereinführung eines Trennbankensystems plädiert. Das ist ein wenig pikant, denn Weill selbst war eine der treibenden Kräfte hinter der Abschaffung des Trennbankensystems im Jahr 1999.
Es gibt also gute Chancen, dass dieser offensichtliche Fehler im Bankensystem doch korrigiert wird. Wenngleich die Motive eher unterschiedlicher Natur sind: Während Schäuble für den Fall weiterer europäischer Großbankenpleiten um seine Staatskasse fürchtet, haben Weill, Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard und die US-Hedgefondsmanager, die neuerdings für eine Großbankenzerschlagung eintreten, eher eigennützige Motive: Sie glauben (nicht ganz zu Unrecht), dass die unklare Situation der Universalbanken deren Aktienkurse zu sehr unter Druck gebracht hat. Anders ausgedrückt: Dass die Summe der Einzelteile von Citigroup, JP Morgan Chase, Bank of America oder Deutsche Bank an der Börse wesentlich mehr wert wäre als die Banken als Ganzes.
Tatsächlich notieren die meisten Großbanken an den Börsen derzeit deutlich (um bis zu 50 Prozent) unter ihren Buchwerten. Der endgültige Druck zur Zerschlagung der Universalbanken könnte also aus diesen Instituten (beziehungsweise aus deren Aktionärskreisen selbst) kommen.
Das Trennbankensystem, das die Vermischung von traditionellem Bankgeschäft und Investmentbanking untersagte, war in den USA übrigens nach der ähnlich gelagerten Wirtschaftskrise in den Dreißigerjahren geschaffen worden. Und hatte fast 70 Jahre gehalten, bevor es 1999 einer Über-Deregulierung zum Opfer fiel.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31. Juli 2012)
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