Die Presse: Herr Kirchmaier, die britische Bank Barclays hat eine interne Untersuchung eingeleitet, um die eigene Unternehmenskultur zu hinterfragen. Eine gute Idee?
Tom Kirchmaier: Ja, bestimmt. Aber der Schritt hat natürlich viel mit Imagepflege zu tun. Intern wird sicher ein wenig aufgeräumt, aber man sollte sich davon nicht versprechen, dass Barclays am Ende eine „kulturell“ ganz neue Institution wird.
Werden also Skandale – wie zuletzt der Verkauf wertloser Versicherungen und unerwartet teurer Zinsderivate sowie die Manipulation des wichtigen Interbankenzinssatzes, des Libor – auch in Zukunft auftreten? Dann würden durch Barclays' Untersuchung doch höchstens Köpfe ausgetauscht, die „Kultur des Betrugs“ würde aber weiter gepflegt.
Die Diskussion über eine „Kultur des Betrugs“ geht meiner Meinung nach etwas am Thema vorbei. Bankenskandale hat es immer gegeben. Im Römischen Reich, bei den Venezianern und auch danach. Die Branche ist eben ein Umverteilungsgeschäft. Für vieles ist der Begriff „Betrug“ auch etwas zu hart. Die Geschäftspartner „ausspielen“ träfe es häufig besser. Generell glaube ich, dass das Gerede von der „Bankenkultur“ viel damit zu tun hat, einen Sündenbock für die aktuelle wirtschaftliche Lage zu finden.
Kurz nachdem mehrere Eklats aufgeflogen sind, ist also in der Finanzbranche alles weitgehend in Ordnung?
Bestimmt nicht. Aber man muss die Fälle unterscheiden. Die Verkäufe von wertlosen Restschuldversicherungen und zu teuren Zinsderivaten, die in den letzten Monaten ans Licht kamen, sind moralisch kaum zu rechtfertigen, aber kriminell ist das Vorgehen nicht. Da wurde eben von Bankenseite versucht, sich einen Informationsvorteil gegenüber seinen Kunden zu verschaffen und diesen entsprechend auszunutzen. Die Manipulation des Libor (jenes Zinssatzes, den sich Banken untereinander verrechnen und an den viele Kredite wie Einlagen gebunden sind, Anm.) hat dagegen klare kriminelle Ausmaße. Und es ist gut, wenn einige Personen, denen kriminelle Taten nachgewiesen werden können, dafür ins Gefängnis gehen.
Die Libor-Manipulation stellt nicht nur die Glaubwürdigkeit des wichtigsten Referenzzinsatzes der Welt infrage, sondern auch jene der gesamten Londoner City. Ist dies der größte Schaden dabei?
Genau so sehe ich es, aber es ist auch nicht viel mehr als das. Alle beteiligten Banken müssen jetzt um ihr Ansehen kämpfen. Dass dadurch aber die Stellung des Finanzstandorts London in Gefahr gerät, ist unwahrscheinlich. Jedenfalls in Europa gibt es eine bestimmte Arbeitsteilung, bei der London eben für die Bankenbranche zuständig ist, weil es dafür die Infrastruktur bieten kann.
Aber die Libor-Manipulation wirft doch noch viel mehr Fragen auf. Vor allem jene danach, warum so eine Einflussnahme überhaupt möglich ist.
Mit den Innovationen in der Finanzwelt der letzten Jahre konnten die für Regulierung und Überwachung zuständigen Akteure, sowohl in den Betrieben selbst als auch die Behörden, nicht mithalten. Das Resultat ist, dass der Libor auf altertümliche Weise ermittelt wird und Banken Wege finden konnten, diesen zu manipulieren. Einmal am Tag wird da ein Referenzzinssatz ermittelt, der nicht auf realen Transaktionen basiert, sondern bloß auf hypothetischen Werten, zu denen die Banken leihen würden. So eine Struktur ist nicht mehr zeitgemäß. Ein Referenzzinssatz sollte besser auf tatsächlichen Transaktionen beruhen und rund um die Uhr ermittelt werden, dann hätte er mehr Aussagekraft.
Könnten sich Banken nicht auch dann noch absprechen und so ein falsches Bild über ihre finanzielle Lage abgeben?
Damit sie das nicht können, wäre ich dafür, den Banken künftig mehr Information abzuverlangen. Derzeit haben die Bilanzen wenig Aussagekraft über das Risiko in den Büchern einer Bank. Hier wird viel Arbeit nötig sein, damit externe Parteien wie Aktionäre oder Kunden sich ein besseres Bild über den wahren Zustand einer Bank verschaffen können.
Das klingt ziemlich optimistisch. Eher wird sich die Finanzbranche gegen derartige Transparenz doch mit Händen und Füßen wehren, oder?
Ich glaube, sie könnte davon sogar profitieren. Weil sie jeder überwachen könnte, würden Banken glaubwürdiger werden. Verkaufsskandale, wie sie zuletzt Schlagzeilen schrieben, würden weniger vorkommen. Zudem ist zu vermuten, dass die beteiligten Banken an der Libor-Manipulation nicht nur Geld gewonnen haben. Die Nutznießer dürften vor allem die beteiligten Einzelpersonen gewesen sein, aber nicht unbedingt die Banken. Und wenn die Regulierungsbehörden wirklich Transparenz wollen, dann können sie diese auch durchsetzen.
Sollte der Bankensektor also staatlich stärker reguliert werden, zum Beispiel durch Behörden, die Transparenz zusichern?
Meiner Meinung nach kann die Politik die Finanzbranche nicht wirksam regulieren, weil die betroffenen Unternehmen viel zu groß und komplex sind. Nützlicher wäre es, die Branche dazu zu bringen, sich selbst zu überwachen. Gesetzlich erzwungene Transparenz wäre ein Weg. Wenn man dadurch ein robustes Regime zum Beispiel zur Ermittlung des Libor schafft, wird es eigentlich auch egal, wer das überwacht. Ob das nun der Staat oder ein privates Unternehmen ist.
Tom Kirchmaier studierte Volkswirtschaft an der Uni Regensburg, gefolgt von einem Doktorat an der London School of Economics. Heute ist er Teil der Financial Markets Group an der LSE und lehrt an der Manchester Business School. Speziell interessieren ihn die unternehmensspezifischen Dimensionen der Finanzkrise. Er ist regelmäßiger Kommentator in der internationalen Presse. [LSE]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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