Wien/London. Der britisch-niederländische Ölkonzern Shell traut dem sommerlichen Frieden in der Eurozone nicht mehr. Das Unternehmen schafft 15 Mrd. Dollar (12,14 Mrd. Euro) aus dem Kontinent – und kauft um das Geld lieber US-Staatsanleihen. Shell sehe sich gezwungen, seine Risken in den am schwersten von der Schuldenkrise betroffenen Staaten zu verringern, sagte Shell-Finanzvorstand Simon Henry der britischen „Times“. Das Geschäft, vor allem in den südlichen Ländern der Peripherie, sei deutlich unsicherer geworden. Ein Risiko, das der Ölmulti trotz Milliardengewinns nicht mehr zu tragen bereit ist. Ein Teil des Geldes bleibe natürlich in Europa, um die laufenden Geschäfte zu erledigen. Den Großteil der 17,3 Mrd. Dollar Barreserven legt das Unternehmen aber lieber auf Konten bei amerikanischen Banken oder kauft darum eben US-Staatsanleihen.
Pepsi schützt Geld über Nacht
Die Aktion zeigt, wie wenig Vertrauen der Konzern in die Zukunft der Eurozone hat. Tatsächlich sind die Aussichten düster. Länder wie Griechenland oder Spanien sind auf Hilfszahlungen aus Brüssel angewiesen. Stimmungsindikatoren deuten auf ein baldiges Abtauchen des 17-Länder-Blocks in die Rezession hin. Die US-Großbank Citi schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland in eineinhalb Jahren noch Mitglied der Eurozone ist, auf gerade einmal zehn Prozent. Wenn es so kommt, sei die Ansteckungsgefahr hoch, warnt die US-Ratingagentur Moody's.
Shell ist nicht der erste Großkonzern, der derartige Mahnungen ernst nimmt. Nach einer Umfrage des US-Finanzdienstleisters Fireapps haben 88 Prozent von 800 befragten Unternehmen bereits Vorkehrungen getroffen, um von einem möglichen Ende der Währungsunion nicht überrascht zu werden.
So zieht etwa der US-Getränkekonzern Pepsi jeden Abend die Eurobestände seiner europäischen Niederlassungen über Nacht von den nationalen Banken in einen sicheren Hafen ab, berichtet die „Financial Times“. Kommt es in der Nacht nicht zur befürchteten Abwertung, landet das Geld frühmorgens wieder auf den nationalen Konten. Der niederländisch-britische Konsumgüterkonzern Unilever und der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline würden es genauso machen, sagen Analysten. McDonald's denke zumindest darüber nach.
Auch US-Geldmarktfonds haben ihr Engagement in Europa zuletzt deutlich reduziert. 2009 investierten sie fast 40 Prozent ihres Kapitals in europäische Banken, heute sind es nur noch zwölf Prozent. Investoren beginnen, Geld in einer Geschwindigkeit aus der Eurozone abzuziehen, wie es sonst nur bei Währungskrisen in Schwellenländern der Fall war, schreiben die Analysten des japanischen Finanzhauses Nomura.
Shell misstraut dem Euro
Bisher waren vor allem die Länder der Peripherie von der Kapitalflucht betroffen. Italien, Griechenland, aber auch Spanien mussten zuletzt hunderte Milliarden an Euros ziehen lassen. Und der Trend beschleunigt sich weiter. Im Mai zogen Investoren etwa 41,3 Mrd. Euro aus Spanien ab. Zwei Drittel mehr als im April. In den ersten fünf Monaten „verlor“ das Land 163 Mrd. Euro. Das entspricht 16 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Im April waren es noch 26,6 Mrd. Euro. Zuflucht am Kontinent suchten die Investoren bisher vor allem in Nicht-Euro-Staaten. So musste die dänische Notenbank bereits heftig intervenieren, um den Zufluss von Mitteln aus dem Ausland einzudämmen.
Der Rückzug von Shell zeigt: Der Konzern misstraut dem Euro. Ob die Zweifel gerechtfertigt sind, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie viele Multis dem Beispiel folgen werden und auch ihr Geld von Europas Banken abziehen.
Die Kapitalflucht aus Europas Krisenstaaten nahm zuletzt deutlich zu. Von Jänner bis Mai „verlor“ Spanien 163 Mrd. Euro. Das sind 16 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Neun von zehn US-Firmen bereiten sich auf ein Ende des Euro vor. Manche bringen das Geld ihrer Töchter in Europa jede Nacht in Sicherheit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)
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