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Wegen Krise geöffnet: Italiener verzichten auf Urlaub

07.08.2012 | 14:36 |   (DiePresse.com)

Immer mehr Italiener verbringen die Sommermonate in den Städten, um zu arbeiten. Für Tourismus wird immer weniger ausgegeben. Wegen der sinkenden Nachfrage schrumpft die Wirtschaft auch im 2. Quartal.

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Vor Jahren noch galt es als Blamage, wenn nicht gar als Schande, als Italiener nicht in den Urlaub zu fahren. Wer etwas auf sich hielt, verbrachte den August auf keinen Fall daheim in Rom, Mailand oder Neapel, sondern am Meer. Geschäfte waren wochenlang geschlossen, Apotheken verriegelt, Ärzte lagen am Strand. Seit sich Italien im Würgegriff der Rezession befindet, hat sich das radikal geändert. Trotz strahlenden Sonnenscheins, Temperaturen über 35 Grad und schweißtreibender Schwüle sind die Metropolen belebt wie im Winter.

Statt "wegen Urlaubs geschlossen" heißt es in zahlreichen Auslagen: Wegen Krise geöffnet. In Rom etwa haben 70 Prozent der Geschäfte offen. Auch in den Polizei-Notrufzentralen der Stadt will nicht die übliche August-Ruhe einkehren. "Es ist nicht mehr zu tun als im Winter, aber auch nicht weniger", stellt eine Mitarbeiterin fest.

Im wichtigsten Ferienmonat August wird nahezu ein Drittel Italiener weniger als im Vorjahr in den Urlaub fahren, teilte der nationale Hotelverband Federalberghi in Rom mit. Mehr als die Hälfte der Italiener, die nicht verreisen, machen Geldmangel für ihren Verzicht verantwortlich. Von denen, die es doch tun, fahren nur etwas mehr als 18 Prozent ins Ausland, im Vorjahr waren es noch mehr als 21 Prozent. Auf den Autobahnen wurden im Zeitraum zwischen 30. Juli und 5. August ein Rückgang von 4,7 Prozent in der Zahl der von den Autos gefahrenen Kilometer gemeldet.

"Das Signal ist klar. Die Krise belastet vor allem Arbeitnehmer und Angestellte, die das Rückgrat unseres Konsumsystems darstellen. Es wird für Tourismus immer weniger ausgegeben, die Reisen werden kürzer. Der italienische Tourismus ist KO. Wir fordern, dass die Regierung für die Branche Notstandsmaßnahmen ergreift", sagt Federalberghi-Chef Bernabo Bocca.

Wirtschaft schrumpft auch im 2. Quartal

Untermauert wird der Abschwung in Italien von dem immer weiter sinkenden Bruttoinlandsprodukt: Trotz Reformbewegungen schrumpfte die Wirtschaft zwischen April und Juni um 0,7 Prozent und damit bereits das vierte Mal in Folge.

Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört Italien zu den am langsamsten wachsenden Ländern Europas - unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt der drittgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone für 2012 einen Konjunktureinbruch um knapp zwei Prozent voraus. Der Industrieverband Confindustria befürchtet sogar ein Minus von 2,4 Prozent.

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10 Kommentare
Gast: wer wenn nicht er
07.08.2012 16:10
1 0

"unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt"

Herr Monti und der Süden sind zu sehr mit Sparpaketen beschäftigt, als dass sie jene Reformen auf den Weg brächten, die die eigentlichen Ursachen der Probleme des Südens beseitigen könnten:
- Massive Lockerung des Arbeitsmarktes
- Vereinfachung der Verwaltung
- Verlagerung der Steuern von Arbeit zu Konsum

Es mögen zwar Schritte in diese Richtung gesetzt worden sein, diese sind aber nur ein erster Schritt.

Das Ziel müssen ein Arbeitsmarkt und eine Lohnabgabenpolitik a la Dänemark sein (inkl. 25% MWSt zu deren Ausgleich), sowie eine Entbürokratisierung a la Niederlande.

Re: "unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt"

Sehr geehrter Kollege.

Gestatten Sie mir - der die süditalienischen Verhältnisse doch ein wenig kennt und somit einzuschätzen vermag - eine Replik.

1. Ihre Vorschläge und Forderungen mögen wohl absolut richtig sein (vermag ich nur unzureichend zu beurteilen), die Probleme des Mezzogiornos liegen aber nicht nur im verkrusteten Arbeitsmarkt und der aufgeblähten/ineffizienten Verwaltung, sondern insbesondere auch an/in:

- Struktur der Wirtschaft: Der primäre Sektor ist überdurchschnittlich gross, die Produktivität tief;

- Struktur der Gesellschaft: Tiefe Frauenerwerbsquote, mafiöse Strukturen, etc.;

- Infrastruktur: Schlecht ausgebauter ÖV, z.T. nur schlecht ausgebautes Autobahnnetz (z.B. Apulien: Autobahn endet vor Tarent), Flugverbindungen;

- periphere Lage;

- etc.

Eines muss festgehalten werden: Die oft zitierte und sprichwörtlich gewordene "Faulheit" der süditalienischen Arbeitnehmer entspricht (mehrheitlich) nicht den anzutreffenden realen zuständen. Die Süditaliener arbeiten äusserst hart für ihr (bescheidenes) tägliches Brot.

2. Die aktuelle Krise betrifft im Übrigen durchaus nicht ausschliesslich den Süden des Landes. Auch nördliche Regionen und Provinzen sind stark betroffen.

Mit freundlichen Grüssen und den besten Wünschen für den Abend.

Re: Re: "unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt"

In Norditalien, einer der (ehemals?) reichsten Regionen Europas, bringen sich inzwischen Unternehmer und auch Arbeitslose aus Scham um.

Entsetzlich, wie weit es gekommen ist.

Re: Re: Re: "unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt"

Besten Dank für Ihren Hinweis. Mir war bekannt, dass die Suizidrate in Italien zunimmt, von dieser spezifischen Form (Unternehmer, Norditalien) hatte ich jedoch keine Kenntnis.

Beste Grüsse in den Osten.

Re: Re: Re: Re: "unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt"

Ich habe vor ein paar Wochen eine Radiosendung darüber gehört, es gab auch vor kurzem einen Bericht im Wochenmagazin "Profil".

Dabei ist es anscheinend gar nicht der Verdienstausfall, der diese Leute in den Selbstmord treibt - eher die Scham und das Gefühl, nicht mer "nützlich" zu sein.

Re: Re: Re: Re: Re: "unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt"

Interessant und wohl kein rein italienischgeprägtes Phänomen. Ich danke Ihnen nochmals ganz herzlich und würde mich über weitere Informationen - gerade auch bezüglich Italien - freuen.

MfG

Italienischer Patient

Folgende Aussage gilt es zu berichtigen:

"Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört Italien zu den am langsamsten wachsenden Ländern Europas (...)"

Die italienische Volkswirtschaft wuchs (im Schnitt) die letzten zehn Jahre hindurch keineswegs, sie stagnierte stattdessen.

http://www.dnet.at/elis/Tabellen/arbeitsmarkt/wiinter_bipinter.pdf


Re: Italienischer Patient

Um den durchaus ernüchternden Zustand des bel paese zu untermauern: Zieht man das Bevölkerungswachstum der letzten zehn Jahre hinzu, stellt sich ein Rückgang des BIP pro Kopf ein.

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/19304/umfrage/gesamtbevoelkerung-in-italien/


Antworten Gast: Unwahrscheinlich
07.08.2012 15:31
1 0

Re: Führt die Rezession auch Italien untern Rettungsschirm?

Die Italiener können soviele Staatsanleihen ausgeben, wie sie wollen. Die Mafia hat Geld und wird sie kaufen. Es ist immer noch besser, das Geld so anzulegen als sich von der EU kontrollieren und ins Handwerk pfuschen zu lassen.

Hobbyökonom