Vor Jahren noch galt es als Blamage, wenn nicht gar als Schande, als Italiener nicht in den Urlaub zu fahren. Wer etwas auf sich hielt, verbrachte den August auf keinen Fall daheim in Rom, Mailand oder Neapel, sondern am Meer. Geschäfte waren wochenlang geschlossen, Apotheken verriegelt, Ärzte lagen am Strand. Seit sich Italien im Würgegriff der Rezession befindet, hat sich das radikal geändert. Trotz strahlenden Sonnenscheins, Temperaturen über 35 Grad und schweißtreibender Schwüle sind die Metropolen belebt wie im Winter.
Statt "wegen Urlaubs geschlossen" heißt es in zahlreichen Auslagen: Wegen Krise geöffnet. In Rom etwa haben 70 Prozent der Geschäfte offen. Auch in den Polizei-Notrufzentralen der Stadt will nicht die übliche August-Ruhe einkehren. "Es ist nicht mehr zu tun als im Winter, aber auch nicht weniger", stellt eine Mitarbeiterin fest.
Im wichtigsten Ferienmonat August wird nahezu ein Drittel Italiener weniger als im Vorjahr in den Urlaub fahren, teilte der nationale Hotelverband Federalberghi in Rom mit. Mehr als die Hälfte der Italiener, die nicht verreisen, machen Geldmangel für ihren Verzicht verantwortlich. Von denen, die es doch tun, fahren nur etwas mehr als 18 Prozent ins Ausland, im Vorjahr waren es noch mehr als 21 Prozent. Auf den Autobahnen wurden im Zeitraum zwischen 30. Juli und 5. August ein Rückgang von 4,7 Prozent in der Zahl der von den Autos gefahrenen Kilometer gemeldet.
"Das Signal ist klar. Die Krise belastet vor allem Arbeitnehmer und Angestellte, die das Rückgrat unseres Konsumsystems darstellen. Es wird für Tourismus immer weniger ausgegeben, die Reisen werden kürzer. Der italienische Tourismus ist KO. Wir fordern, dass die Regierung für die Branche Notstandsmaßnahmen ergreift", sagt Federalberghi-Chef Bernabo Bocca.
Wirtschaft schrumpft auch im 2. Quartal
Untermauert wird der Abschwung in Italien von dem immer weiter sinkenden Bruttoinlandsprodukt: Trotz Reformbewegungen schrumpfte die Wirtschaft zwischen April und Juni um 0,7 Prozent und damit bereits das vierte Mal in Folge.
Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört Italien zu den am langsamsten wachsenden Ländern Europas - unter anderem wegen der enormen Bürokratie und einem starren Arbeitsmarkt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt der drittgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone für 2012 einen Konjunktureinbruch um knapp zwei Prozent voraus. Der Industrieverband Confindustria befürchtet sogar ein Minus von 2,4 Prozent.
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