London/red./AG. Noch vor einer Woche mimte Peter Sands den seriösen Bankmanager, der es mit „Kultur und Werten“ zum Erfolg bringt. „Wir machen Geschäfte, die gesellschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Nutzen stiften“, rühmte sich der Chef der britischen Großbank Standard Chartered bei der Präsentation der Halbjahresbilanz. Wenige Tage später befindet sich Sands womöglich am Ende seiner Karriere. Denn die New Yorker Finanzaufsicht beschuldigt die britische Bank, seit zehn Jahren geheime Geschäfte mit dem Iran getätigt zu haben. Genau in jener Zeit, in der Sands im Vorstand sitzt. Seit 2006 ist er Vorstandschef, zuvor war er vier Jahre lang Finanzvorstand.
In einem 30.000 Seiten umfassenden Bericht lässt die US-Behörde kein gutes Haar an dem britischen Institut. Von Transaktionen in Höhe von 250 Mrd. Dollar (202 Mrd. Euro) ist die Rede. Die Identität der iranischen Kunden sei verschleiert worden. Standard Chartered sei ein „verbrecherisches Institut“. Durch die Machenschaften der Bank sei das Finanzsystem der USA für „Terroristen, Waffenhändler, Drogenbarone und korrupte Regime“ geöffnet worden. Ebenfalls ins Visier der US-Ermittler ist die Unternehmensberatung Deloitte gekommen. Sie soll die Bank bei den Geschäften unterstützt und die Ermittlungen behindert haben.
US-Banklizenz wackelt
Standard Chartered wies die Beschuldigungen als völlig überzogen zurück. Der Konzern, der 87.000 Mitarbeiter in 70 Ländern hat, erklärt: „Mehr als 99,9 Prozent“ der Iran-Geschäfte seien gesetzeskonform abgewickelt worden. Nur bei Transaktionen in Höhe von 14 Mio. Dollar sei unkorrekt gehandelt worden. Die Bank betont, sie selbst habe die US-Behörden 2010 „aus freien Stücken“ davon informiert. Anders die Sicht der US-Ermittler. Die Londoner Zentrale hätte jahrelang Warnungen der US-Mitarbeiter ignoriert, heißt es. „Ihr verdammten Amerikaner, wer seid ihr, dass ihr uns und dem Rest der Welt sagen wollt, wir sollen keine Geschäfte mit dem Iran machen“, zitierte „The Guardian“ aus E-Mails und Gesprächen, die im US-Bericht veröffentlicht wurden.
Seit der islamischen Revolution 1979 schränkten die USA den Handel mit dem Iran ein. Unternehmen, die in den USA Geschäfte machen wollen, müssen dieses Embargo respektieren. Standard Chartered droht nun die US-Banklizenz zu verlieren. Der Aktien von Standard Chartered verloren am Dienstag massiv an Wert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)


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