Im Sog der Euro-Krise schwächelt nun auch Exportweltmeister China und lässt weltweit die Alarmglocken schrillen. Im Juli lagen die Ausfuhren der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt lediglich um ein Prozent über dem Vorjahresniveau. Die schwachen Daten schreckten am Freitag auch Fachleute auf. Bereits am Donnerstag war ein schwächeres Wachstum der chinesischen Industrieproduktion gemeldet worden. Sie hatten nicht mit der geringsten Zunahme seit Jänner gerechnet. An den Börsen wachsen Ängste, dass China deutlich an Schubkraft verliert für die ohnehin maue Weltwirtschaft. Experten setzen allerdings darauf, dass die Führung in Peking rasch mit geldpolitischen Maßnahmen gegensteuert.
Manche Volkswirte erwarten sogar, dass die Zentralbank bereits am Wochenende handelt, um eine weitere Abkühlung der Konjunktur zu verhindern: "Sie sollte es so schnell wie möglich tun, um die Wirtschaft zu stabilisieren", mahnte Ökonom Xiao Bo von Huarong Securities. Sorge dürfte in Peking auch die relativ schwache Zunahme der Importe auslösen, die nur um 4,7 Prozent betrug. Experten hatten 7,2 Prozent erwartet. "Die europäische Schuldenkrise hinterlässt deutliche Bremsspuren", sagte Norddeutsche-Landesbank-Analyst Große.
Regierung will auf Fiskalpolitik setzen
Staatspräsident Hu Jintao hat angekündigt, die Konjunktur im zweiten Halbjahr stärker anzukurbeln. Dabei will die kommunistische Führung den Hebel sowohl bei der Geld- als auch bei der Fiskalpolitik ansetzen. Regierungschef Wen Jiabao betonte, die "politische Feinsteuerung" solle verstärkt werden. Zuletzt hatte die Zentralbank mehrfach die Leitzinsen gesenkt, um der Wirtschaft unter die Arme zu greifen. Zudem wurde den Banken die Kreditvergabe erleichtert. Im Frühjahr verlangsamte sich das Wachstum in dem Schwellenland das sechste Quartal in Folge auf das schwächste Tempo seit nunmehr drei Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt stieg nur noch um 7,6 Prozent zum Vorjahr und liegt damit nur noch knapp über dem von der Führung für das Gesamtjahr angestrebte Ziel von 7,5 Prozent.
Spielraum für geldpolitische Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft dürfte der nachlassende Preisdruck liefern: Die Jahressteuerung fiel im Juli auf 1,8 Prozent von 2,2 Prozent im Juni - und damit auf den tiefsten Stand seit 30 Monaten.
Die enttäuschenden Konjunkturzahlen aus China belasteten auch den Dax an der Frankfurter Börse. Der Leitindex verlor bis zum Mittag 0,6 Prozent auf 6.922 Punkte. Die Analysten der Metzler Bank machen in Chinas Handelsbilanz "konjunkturelle Ermüdungserscheinungen" aus: "Klar ist, dass nach Maßnahmen gegen die Überhitzung des Immobilienmarkts und die zu hohe Kreditvergabe nun wieder mehr geld- und fiskalpolitische Stimuli gefragt sind."
Weniger Kreditvergaben als erwartet
Erste Signale liefern bereits die Haushaltszahlen für Juli: Die Regierungsausgaben zogen um 37,1 Prozent zum Vorjahr an - im Juni waren es lediglich 17,7 Prozent. Mehr Geld pumpt der Staat insbesondere in den sozialen Wohnungsbau sowie in das Gesundheits- und Bildungswesen. Eine weitere Hiobsbotschaft für die erfolgsverwöhnte chinesische Wirtschaft lieferten die Zahlen für die neu ausgereichten Darlehen der Banken im Juli: Die Netto-Kredit-Vergabe im Volumen von 540 Milliarden Yuan lag weit unter der erwarteten Zahl von 690 Mrd. Yuan (715 Mio. Euro). Viele Firmen in China sind bei Finanzierungen auf Bankenkredite angewiesen, da eine Reform der Kapitalmärkte noch in den Kinderschuhen steckt.
(APA/Reuters)
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