Valencia/Wien/Ju/Ag. Weil innerhalb kürzester Zeit gleich drei Ryanair-Jets wegen zur Neige gehender Treibstoffvorräte in der spanischen Stadt Valencia außerplanmäßig landen mussten, hat die spanische Luftfahrtbehörde Aesa Untersuchungen wegen „Gefährdung der Sicherheit der Passagiere“ eingeleitet.
Gleichzeitig hat eine spanische Verbraucherorganisation die Airline angezeigt. Die Verbraucherschützer verlangen eine Strafe von 4,5 Mio. Euro und einen Entzug der Ryanair-Lizenz auf drei Jahre. Pilotenverbände kritisieren, die Billigairline setze ihre Piloten unter Druck, die Treibstoffvorräte aus Kostengründen möglichst knapp zu kalkulieren. „Futter“ dafür bietet ein von der irischen Tageszeitung „Irish Independent“ zitiertes firmeninternes Memorandum zur Effizienzsteigerung, das die Piloten anweist, bei der Berechnung der nötigen Treibstoffmengen die „minimal nötigen“ Werte zu nehmen.
Flugzeuge werden, anders als Autos, nicht vollgetankt, weil jede zusätzliche Last den Treibstoffverbrauch erhöht. Die von Ryanair verwendeten Boeing-737-Jets fassen bis zu 30.000 Liter Treibstoff für eine Reichweite von bis zu 6000 Kilometern. Geht der Flug nur über 2000 Kilometer, würde der Jet bei Vollbetankung also rund 16 Tonnen unnötigen Ballast mitschleppen.
Reserve für 45 Minuten
Die Bestimmungen für Europaflüge sehen vor, dass das Flugzeug Treibstoff für die Flugstrecke plus 45 Minuten Flugzeit mitführen muss. Zusätzlich muss noch eine Notfallreserve für weitere 30 Minuten an Bord sein. Wenn diese eiserne Reserve in die Triebwerke zu rinnen beginnt, gilt der Flug allerdings schon als „Notfall“.
Wie viel Sprit dafür getankt werden muss, berechnet der Captain vor jedem Flug anhand der Flugstrecke und der zu erwartenden Bedingungen entlang der Route. Die Letztentscheidung liegt also beim Piloten – und die Untersuchung der Vorfälle läuft auf die Frage hinaus, ob die Ryanair-Piloten tatsächlich unter Druck gesetzt werden, möglichst knapp zu rechnen.
Sollte der Nachweis gelingen, bekommt Ryanair ein ernstes Problem. Das könnte anhand der Vorgänge in Valencia aber schwierig werden. Denn die drei Jets waren – wie viele andere auch – vom wegen eines Gewittersturms vorübergehend gesperrten Flughafen Madrid-Barajas nach Valencia umgeleitet worden und hatten dort schon zwischen 50 und 69 Minuten in Warteschleifen verbracht, ehe sie den Tower wegen zur Neige gehender Treibstoffvorräte um Vorreihung in der Warteschlange baten.
Alle drei Jets hatten nach der Landung noch die vorgeschriebene Treibstoffmenge für mindestens 30 Flugminuten im Tank, von einer echten „Notlandung“, wie das kolportiert wird, konnte also keine Rede sein. Dass aber ausgerechnet drei Ryanair-Flugzeuge die Warteschleife vorzeitig verlassen mussten, während die anderen offenbar genügend Sprit zum Warten an Bord hatten, bringt die Billigairline jetzt unter Druck.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)
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