Ottawa/Wien/Ag/Red. Gibt Angela Merkel ihren harten Kurs in Eurofragen auf, oder haben Börsianer die Aussagen der deutschen Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch in Kanada einfach nur überinterpretiert? Die Börsen reagierten am Freitag jedenfalls positiv auf Äußerungen der deutschen Kanzlerin bei ihrem Staatsbesuch in Ottawa, die darauf schließen ließen, dass die „Konjunkturlokomotive“ der Eurozone auf den bisher bekämpften Kurs von EZB-Chef Mario Draghi einschwenkt.
Der deutsche Aktienindex DAX, der seit Wochen an der 7000-Punkte-Grenze gescheitert war, konnte diese Marke am Freitag überspringen. Das Jahreshoch bei 7194 Zählern bleibt aber vorerst außer Reichweite.
Merkel: „Keine Differenzen“
Beim Staatsbesuch in Kanada stand die Eurokrise naturgemäß im Vordergrund. Nach den üblichen Floskeln zur Stützung der Gemeinschaftswährung und nach dem neuerlichen Bekenntnis zu einer stärkeren Integration in Europa machte Merkel dann eine Bemerkung, die Analysten aufhorchen ließ: Sie unterstrich den politischen Willen der europäischen Regierungen, alles zur Rettung des Euro zu unternehmen, und sagte dann, es gebe „keine Differenzen zwischen den europäischen Regierungen und der Europäischen Zentralbank“ über die weiteren Maßnahmen zur Stabilisierung der Europawährung.
Das Versprechen von Mario Draghi, alles Erforderliche zur Lösung der Krise zu unternehmen, stehe im Einklang mit den europäischen Regierungen, also auch der deutschen. Das hatte bis vor Kurzem noch deutlich anders geklungen: Draghi und Vertreter der deutschen Regierung waren zuletzt mehrmals öffentlich aneinandergeraten, weil die Deutschen die geplanten Staatsanleihenkäufe durch die EZB nicht mittragen wollten. Die EZB verspricht sich von direkten Staatsanleihenkäufen in krisengeplagten Euroländern eine deutliche Senkung der Zinslast. Spanien und Italien leiden derzeit besonders unter sehr hohen Anleihezinsen.
Experten fürchten Inflation
Experten fürchten, dass diese Form des „Gelddruckens“ mittelfristig zu hohen Inflationsraten führen wird. Die stabilitätsorientierten Deutschen gelten als strikte Gegner dieses Kurses. Ein besonders entschiedener Gegner des Draghi-Kurses ist der deutsche Bundesbankpräsident Jens Weidmann.
Börsen reagieren positiv
Die Äußerungen Merkels wurden (bisher undementiert) als mögliches grünes Licht für direkte Staatsanleihenkäufe durch die EZB verstanden. Das würde die Börsen stark begünstigen, die schon in den vergangenen Monaten stark von der Hoffnung auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik getragen worden waren.
Nach den Merkel-Aussagen konnten sie abermals leicht zulegen. Unter den stärksten Gewinnern fanden sich die europäischen Finanzwerte, die von den Spekulationen auf neue Liquidität der Zentralbank beflügelt wurden. Doch auch den Autowerten tat die Ankündigung der deutschen Bundeskanzlerin gut, da sie neue Anschubhilfen für die Konjunktur bedeuten könnte.
Der deutsche DAX steuerte am Freitag auf den sechsten Wochengewinn in Folge zu. Auch die US-Börsen starteten im Plus. Der Leitindex Dow Jones schrammte nach der Handelseröffnung in New York allerdings knapp an seinem Vierjahreshoch vorbei, das er im Mai erreicht hatte.
Die US-Börsen halten sich schon seit Monaten deutlich besser als die europäischen. Sie profitieren nicht nur von den Andeutungen der Notenbanken EZB und Fed, die Märkte neuerlich mit Geld zu schwemmen, sondern auch von der Flucht der Anleger in den als sicher geltenden Hafen USA (trotz der hohen Staatsverschuldung). Auch der starke Dollar tut dem keinen Abbruch: Der Dow Jones legte auf Jahressicht ähnlich deutlich zu wie der DAX, in Euro umgerechnet fielen die Kursanstiege jedoch fast doppelt so hoch aus.
Ein Grund für den Höhenflug der US-Börsen ist laut Experten aber auch die unterschiedliche Zusammensetzung der Indizes. Während in Europa Finanzwerte stark vertreten sind, gibt es in den USA mehr gut aufgestellte Technologiefirmen.
Der Wiener ATX wurde ebenfalls von den Merkel-Aussagen beflügelt und übersprang im Tagesverlauf die Marke von 2100 Punkten, die er zuletzt im Mai erreicht hatte. Von seinem Jahreshoch bei mehr als 2600 Zählern oder seinem Allzeithoch bei knapp unter 5000 Punkten ist er jedoch noch weit entfernt.
Hellhörig hat eine Bemerkung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres Staatsbesuches in Kanada gemacht: Die Kanzlerin stellte sich demonstrativ hinter EZB-Chef Mario Draghi, dessen Pläne für direkte Staatsanleihenkäufe durch die Notenbank bisher auf erbitterten Widerstand in Deutschland gestoßen waren. Die Börsen nahmen das als Frohbotschaft: Der deutsche Leitindex Dax durchstieß die Marke von 7000 Punkten, an der er mehrmals gescheitert war, nach oben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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