Wien/Ag/Auer . In den Ländern Osteuropas sind neue Kredite Mangelware. Während Menschen und Wirtschaft unter dem Mangel an fremdem Geld leiden, könnte sich das Ende der Ära des schnellen Kredits mittelfristig als heilsame Kur erweisen. Die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern wie die Staatsschulden sinken, lokale Kapitalmärkte entstehen und die Gefahr von Blasen schwindet. Voraussetzung dafür: Der Rückgang der Kredite erfolgt Schritt für Schritt und nicht über Nacht, sagt Bas Bakker, Chef der Osteuropa-Sparte beim IWF.
Noch vor vier Jahren vergaben westlichen Banken (darunter viele österreichische) jedes Jahr bis zu vierzig Prozent mehr Kredite als im Jahr zuvor. Seit 2008, nach dem Fall der Lehman Brothers, sind die Banken weniger freigiebig. Im Mai schrumpfte das reale Kreditvolumen nach Daten der EBRD etwa in Ungarn um 16 Prozent, in Lettland um 15 Prozent.
Aufholprozess ist unterbrochen
Europas nördliche Staaten haben Anfang der Neunziger einen ähnlichen Kreditschock erlebt. Sie alle gingen durch eine Rezession, bekamen im Zuge dessen jedoch ihre Staatshaushalte in den Griff – die Voraussetzung für ihr späteres starkes Wachstum. Die neuen EU-Mitglieder gehen einen ähnlichen Weg. Sie alle steuern Budgetdefizite unter drei Prozent des BIPs an. Von den alten Wachstumsraten von fünf bis zehn Prozent ist die Wirtschaft in der Region ohne frisches Kapital freilich weit entfernt. Der Aufholprozess ist zurückgeworfen. Südosteuropa wird heuer nur knapp an der Rezession vorbeischrammen. Vor einem Rückschritt in die alten Zeiten warnen aber auch in die Betroffenen selbst. „Natürlich brauchen wir Kredite, um unserer Wirtschaft zu helfen“, sagt Mugur Isarescu, Rumäniens Zentralbankchef. „Aber es ist besser, wenn es langsamer geht. Viel langsamer.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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