Wien/Singapur. Vor Jahrzehnten war Singapur ein verschlafenes Nest. Nach der Abspaltung von Malaysia 1965 glaubte kaum jemand an die Zukunft der Tropeninsel. Mit drakonischen Maßnahmen haben die dortigen Machthaber den Sprung von der Dritten in die Erste Welt geschafft. Singapur ist keine Demokratie im westlichen Sinn. Es gibt keine Pressefreiheit, die Polizei überwacht die Bürger in jeder Lebenslage, der Staat kontrolliert die Inhalte der TV-Kabelnetze. In kaum einem anderen Land gibt es so viele, teilweise absurde Verbote. Kaugummis werden nur in der Apotheke verkauft, Einheimische müssen dafür ein Rezept vorlegen. Bei Touristen genügt der Personalausweis. Damit soll sichergestellt werden, dass die Straßen sauber bleiben.
Jede einzelne Zigarette, die in Singapur angeboten wird, muss mit einem Zollstempel versehen sein. Raucher, die ohne Stempel erwischt werden, zahlen umgerechnet 250 Euro Strafe. Überwachungskameras sind allgegenwärtig. Bei unliebsamen Vorfällen dauert es nicht lange, bis Polizisten in Zivil vor Ort sind. Mit Prügelstrafen werden Verbrecher abgeschreckt.
Land mit einer hohen Millionärsdichte
Gerade Wohlhabende fühlen sich in Singapur aber besonders sicher. Neben der Schweiz gehört die asiatische Metropole zu jenen Ländern mit der höchsten Millionärsdichte weltweit. Und sie wird immer beliebter. Denn das Schweizer Bankgeheimnis gerät zunehmend unter Druck. Bevor im nächsten Jahr die Steuerabkommen zwischen der Schweiz und Deutschland/Österreich in Kraft treten, wollen angeblich Kunden eidgenössischer Banken Teile des Vermögens nach Singapur transferieren. Der asiatische Stadtstaat lockt als Steuerparadies, Einkommen werden mit maximal 20 Prozent besteuert. Kapitalgewinne sind steuerbefreit. Mitarbeiter von Finanzinstituten, die das Bankgeheimnis brechen, wandern ins Gefängnis.
Doch inzwischen will das Land seinen Ruf als Fluchtort für Steuersünder loswerden. Die Behörden in Singapur kündigten an, verstärkt gegen Geldwäsche und Steuerbetrug vorzugehen. Am Freitag berichtete die Schweizer „Handelszeitung“, dass die Aufsicht bei Töchtern von Schweizer Banken vorstellig geworden sein soll, um einen Blick auf die europäischen Gelder zu werfen. Viele führende Schweizer Finanzkonzerne haben in den vergangenen Jahren Ableger in Singapur gegründet. Sie stellen jedoch vehement in Abrede, dass sie europäischen Kunden bei der Steuerflucht behilflich seien. Sie kümmerten sich in Singapur primär um Vermögende aus Asien, heißt es. Dem Vernehmen nach müssen europäische Institute, die auf der Tropeninsel tätig sind, nun nachweisen, dass ein Großteil des dort verwalteten Vermögens nicht aus Europa stammt.
Schwieriger Geldtransfer nach Singapur
Diese Hürde kann allerdings umgangen werden, doch Transfers werden immer komplizierter. Eine Möglichkeit besteht darin, das aus der Schweiz stammende Kapital zunächst in einem anderen asiatischen Land (wie Hongkong und Brunei) zwischenzuparken und dann als asiatisch deklariertes Vermögen nach Singapur zu überweisen.
Liegt das Geld in Asien, sollte es dort ausgegeben werden. Denn in der EU gilt die Vorschrift, dass Beträge ab 10.000 Euro bei der Einfuhr beim Zoll zu deklarieren sind. Bei Zuwiderhandlungen drohen in Deutschland Strafen von bis zu einer Mio. Euro – in Österreich sind es bis zu 100.000 Euro.
Amerikaner lassen die Metropole in Ruhe
Während die USA von der Schweiz die Aufweichung des Bankgeheimnisses fordern, lassen die Amerikaner Singapur weitgehend in Ruhe. Denn das Land ist ein wichtiger Stützpunkt der US-Armee. Dafür erhöht die Industriestaatenorganisation OECD den Druck auf die Fünf-Millionen-Metropole. Sie kritisierte im Vorjahr, dass Singapur zwar einige neue Doppelbesteuerungsabkommen mit anderen Ländern beschlossen, aber nicht einmal die Hälfte umgesetzt habe. Das soll sich nun ändern.
Zudem haben sich die Behörden in Singapur verpflichtet, die internationalen Anti-Geldwäsche-Richtlinien umzusetzen. In diesem Bereich sind auch strengere Gesetze geplant. Für die Überwachung ist die „Monetary Authority of Singapore“ (MAS) zuständig. Diese hat das Personal auf 1200 Mitarbeiter aufgestockt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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