Die Presse: Die Menschen müssen für den wöchentlich Einkauf laut Untersuchung deutlich mehr Geld ausgeben, als die Inflation ausmacht. Wie erklären Sie das dem Konsumenten?
Martin Engelmann: Wir sind unter den Drogeriemärkten in Österreich der günstigste und haben in den letzten Jahren unsere Preise sogar gesenkt. Österreich hat eine nationale Inflationsrate von 2,7 Prozent. Unsere Inflationsrate beträgt minus 0,2 Prozent.
Man könnte argumentieren, im Durchschnitt ist das gesamte Sortiment billiger geworden, aber die Dinge, die man täglich kauft, nicht.
Ich kann für unsere Preise nur sagen: Von uns kommt die Teuerung nicht. Trotzdem betrifft es uns, wenn die Kaufkraft der Menschen sinkt. Auf den Bereich, für den wir stehen, hat sich das aber nicht negativ ausgewirkt.
Was heißt das?
Wir stehen für Produkte, die der Schönheit und Gesundheit dienen. In den Krisenjahren 2008 und 2009 sind wir überproportional gewachsen, was wir mit dem Lipstick-Effekt erklären: In der Krise verschieben Menschen den Konsum von größeren Ausgaben wie Urlaub hin zu kleinen Luxusartikeln im Alltag: Sie leisten sich einen Lippenstift oder eine gute Hautcreme.
DM hat in Österreich 377 Filialen. Pro Einwohner ist das drei Mal so viel wie in Deutschland. Eigentlich galt der Markt in den 1980er-Jahren als gesättigt, trotzdem wurden noch gut 100 Filialen eröffnet. Warum?
DM hat in Deutschland proportional weniger Standorte, weil er zunächst nur im Süden vertreten war und viel länger die Möglichkeit hatte, sich auf eine bestimmte Region zu konzentrieren. Die Möglichkeit gab es in Österreich schon sehr früh nicht mehr, spätestens ab dem Moment, wo Bipa auf einen Schlag Dutzende Läden dazubekommen hat und plötzlich österreichweit vertreten war. In den 1980er-Jahren kam Schlecker und eröffnete fast 1300 Läden. Wenn Bipa und Schlecker in Salzburg zehn Läden haben, konnte man nicht sagen, DM kommt mit einem aus.
Es gibt so viele Filialen in Österreich, weil es starke Konkurrenten gab?
Nein, entscheidend ist, dass es drei Firmen gab, die im gesamten Bundesgebiet tätig waren.
In Deutschland ist das anders?
In Deutschland hat es das nie gegeben. Schlecker war dort lange Zeit der einzige national vertretene Drogeriemarkt. DM war lange Zeit ausschließlich in Süddeutschland vertreten, Rossmann hat dafür nur den Norden bearbeitet.
Die hohe Filialdichte wird als Grund genannt, warum identische Artikel in Österreich mehr kosten als in Deutschland. Gibt es noch andere Gründe?
Es ist lustig, wenn in der Diskussion die Rede vom Österreich-Aufschlag ist, denn das unterstellt ja, dass der Handel sich durch höhere Preise ein Körberlgeld verdient. Richtig ist, dass Deutschland und Österreich zwei völlig unterschiedliche Wirtschaftsgebiete sind, geografisch, von der Bevölkerungs- und Einkommensstruktur und vom Einkaufsverhalten. Wer verlangt, dass man in Österreich deutsche Preise bietet, verlangt die Einebnung der Alpen.
Warum schaffen Sie es nicht, deutsche Preise anzubieten?
Weil wir zu österreichischen Bedingungen produzieren müssen. Die Städte sind dünner besiedelt, die Alpen erschweren die Belieferung der Standorte. Eine Filiale erwirtschaftet ein Drittel des Umsatzes einer deutschen Filiale. Und wir haben in Österreich eine um sechs Prozent höhere Steuerquote, die sich letztendlich in den Verbraucherpreisen niederschlägt.
Wie hoch ist der Preisunterschied zu Deutschland?
Wenn man einen fairen Vergleich anhand der Regalpreise durchführt, kommt man – über das ganze Sortiment gesehen – auf eine Differenz von 20 Prozent. Rechnet man aber sämtliche Aktionen und Stammkundenrabatte ein, die es in dieser Größenordnung bei DM Deutschland nicht gibt, kommt man auf einen Preisunterschied von zehn Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)
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