Berlin/Wien/gau/jaz. Sie servieren Kaffee und führen Schwimmwesten vor, verlieren selten die Geduld und lächeln freundlich. Noch nie haben die 19.000 Stewardessen und Stewards der Lufthansa gestreikt, ganz anders als die kampfeslustigen Piloten oder die Lotsen an deutschen Flughäfen. Doch nun, just vor Ende der Ferienzeit in Süddeutschland, ist es soweit: „Wir sind ab heute im Arbeitskampf“, verkündete die Gewerkschaft der als „zahm“ bekannten Kabine am Dienstag.
Ihr Name ist UFO, und nicht identifiziert sind vorerst auch die Flugobjekte, die ab Mittwoch ohne offizielle Vorankündigung punktuell bestreikt werden sollen. Nur die Mitarbeiter erfahren per SMS, welche Maschinen am Boden bleiben. Mit dieser Taktik der Nadelstiche will die Gewerkschaft Notfallpläne des Arbeitgebers vereiteln.
Die absehbare Folge ist ein Chaos auf den Flughäfen. Erst recht dann, wenn laut Plan „mittelfristig“ (das ist frühestens in einer Woche) flächendeckend gestreikt wird. Bis dahin will die AUA-Mutter zumindest die Interkontinentalflüge und ihre Zubringer über die Drehkreuze Frankfurt und München irgendwie sichern. Andere Kurz- und Mittelstrecken dürften umso stärker betroffen sein. Ein Vollstreik würde den DAX-Konzern jeden Tag Millionen kosten. Der Kurs der Aktie ging gestern um 1,6 Prozent zurück.
Eskalation eines langen Streits
Der jetzt eskalierte Tarifstreit dauert schon ein Jahr. Es geht dem Kabinenpersonal nicht nur um eine fünfprozentige Lohnerhöhung. Es will den gesamten Sparkurs zu Fall bringen, der dem Kranich im härter werdenden Wettbewerb die Flügel stärken soll.
Die Vorgabe lautet: Um 1,5 Mrd. Euro mehr Ergebnis bis 2014. 600 Mio. sollen dafür Einsparungen im Passagiergeschäft beisteuern. Dabei ist bei den Flugbegleitern gar kein Personalabbau geplant, nur in der Verwaltung soll es Kündigungen geben. Aber nach dem Willen von Konzernchef Christoph Franz müssen die Kosten auch in der Kabine runter.
Deshalb rekrutiert seit Juni die Zeitarbeitsfirma „Aviation Power“ neues Personal für den Ausbau des Berlin-Geschäfts der Lufthansa. Nach ihren Verträgen wird länger gearbeitet, die Gehaltskurve verläuft flacher. Das „Senioritätsprinzip“ mit laufenden automatischen Erhöhungen, das einem länger dienenden Kabinenchef über 7000 Euro brutto pro Monat beschert, ist der Lufthansa-Führung nämlich ein Dorn im Auge.
Der Hintergrund des Sparprogramms ist die Sorge um die Zukunft. Noch geht es der Lufthansa zwar gut, defizitäre Zukäufe stößt sie gerade ab – mit Ausnahme der AUA. Aber zwei Konkurrenten machen ihr das Leben immer schwerer: Ryanair greift auf den kurzen Distanzen an, Emirates auf der Langstrecke. Beide Airlines haben einen entscheidenden Vorteil. Ihre Lohnkosten sind weit niedriger. Bei der irischen Billigfluglinie liegt es am ausgedünnten Service, beim Aufsteiger aus dem Orient am deutlich niedrigeren Lohnniveau für das Bodenpersonal. Schon vor einer Woche stärkte Aufsichtsratschef Jürgen Weber dem Lufthansa-Management für den absehbaren Streik den Rücken: „Besser man lässt es zum großen Knall kommen, bevor sich das Unternehmen aus dem Wettbewerb katapultiert.“
AUA hat Lufthansa-Airbus
Einen Streik könnte auch die Lufthansa-Tochter AUA direkt zu spüren bekommen. Denn aufgrund des Pilotenmangels fliegt noch bis 9. September ein Lufthansa-Airbus mit deutschem Personal täglich von Wien nach Dubai. Dieser Flug würde bei einem flächendeckenden Streik ebenfalls ausfallen. „Wir rechnen jedoch nicht damit“, so AUA-Sprecher Peter Thier.
Indirekt wäre die AUA aber auf jeden Fall betroffen. Wenn etwa Lufthansa-Verbindungen zwischen Österreich und Deutschland ausfallen. In diesem Fall könnten größere Flugzeuge auf diesen Routen eingesetzt werden, um einen Teil der mit Lufthansa-Tickets gestrandeten Passagiere mitnehmen zu können, heißt es bei der AUA.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)
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