Die Presse: Sie gelten seit Ihrem Bestseller „Der europäische Traum“ als einer der größten Fans Europas. Ist das immer noch so?
Jeremy Rifkin: Ja, absolut. Alle Fragen mich, was aus dem europäischen Traum wurde. Er ist immer noch da! Ein Traum ist eine Vision, es ist das, was die Menschen sein wollen.
Was ist für Sie das Spezielle an der „europäischen Vision“, die Sie sehen?
Der amerikanische Traum ist die Betonung der Möglichkeiten des Einzelnen, harte Arbeit, eine gute Ausbildung, persönlicher Erfolg, in der Regel gemessen am Materiellen. Der europäische Traum ist Lebensqualität. Meiner Meinung nach basiert der amerikanische Traum auf einem falschen Verständnis, dem reinen Modell des Marktes. Der europäische Traum basiert auf der sozialen Marktwirtschaft. In der europäischen Auffassung ist der Markt essenziell, aber allein nicht ausreichend. Er ist ein Instrument, um Lebensqualität zu ermöglichen.
Das haben sich viele gedacht, aber jetzt steckt Europa in der Krise. Wie kann man Ihre Vision retten?
Ich habe mich in den letzten Monaten oft mit Staats- und Regierungschefs und mit Vertretern der EU-Kommission getroffen. Wir haben uns gefragt, wie es jetzt weitergehen soll. Es ist klar, dass Sparen allein nicht genug ist, um den europäischen Traum voranzutreiben. Es muss mit Prinzipien verbunden sein. Die soziale Marktwirtschaft darf nicht unterminiert werden.
Klingt alles gut. Aber die europäischen Staaten können sich das nicht mehr leisten, weil sie in ihren Schulden ertrinken. Die Lebensqualität wurde offenbar teilweise auf Pump gekauft.
Das ist Unsinn. Das Weltwirtschaftsforum erstellt regelmäßig ein Ranking der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Unter den Spitzenreitern finden sich jedes Jahr die skandinavischen Länder. Sie haben die höchsten Steuerquoten und die meisten öffentlichen Leistungen. Wir brauchen jetzt ein neues Paradigma, eine neue Infrastruktur, damit neue Jobs entstehen können, die die Leistungen finanzieren. Das muss für die Industrieländer genauso wie für die Schwellen- und Entwicklungsländer gelten.
Was müssen wir konkret tun?
Wir müssen vom Kohlenstoff wegkommen. Die Preise für Treibstoffe, die die Zivilisation am Laufen halten, steigen. Der Klimawandel als Folge von CO2-Emissionen wirkt sich auf die Landwirtschaft und die Infrastruktur aus. Wir müssen einen Fahrplan entwerfen, wie wir den Wohlstand in Europa erhalten können. Die zweite industrielle Revolution stirbt gerade. Und zwar überall auf der Welt: in China, den USA, Europa. Wir erleben die dritte industrielle Revolution, wir müssen ganz auf erneuerbare Energien umstellen.
Noch sind erneuerbare Energien aber zu teuer, um sie in der Breite zu nützen.
Das ist nicht wahr. Die dritte industrielle Revolution basiert darauf, erneuerbare Energien und das Internet zu verschmelzen. Zwei Milliarden Menschen schicken ihre Videos und Textnachrichten um die Welt. In Zukunft muss jedes einzelne Haus ein Kraftwerk werden, in dem die Menschen erneuerbare Energie erzeugen und dann verteilen können. Die EU hat sich verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen. Deutschland hat dieses Ziel bereits im Vorjahr erreicht und das Ziel auf 45 Prozent erhöht. Die Preise für fossile Brennstoffe werden nie wieder sinken.
Der Preis für Erdöl ist heute niedriger als auf seinem Hoch 2008.
Der einzige Grund, warum der Ölpreis gesunken ist, ist, dass die Wirtschaft 2009 stehen geblieben ist. 2008 lag er bei 147 Dollar pro Barrel. Als die Wirtschaft wieder anzog, stieg auch der Ölpreis. Die Unternehmen gaben das an die Konsumenten weiter, die Konsumenten hörten auf zu kaufen. Zuletzt lag der Ölpreis bei 116 Dollar, und Obama hat angekündigt, die strategischen Reserven anzuzapfen. Fossile Brennstoffe werden nur noch teurer. Erneuerbare Energien werden günstiger. Sie folgen derselben Kostenkurve wie Computer oder auch Handys. Bereits jetzt produzieren Millionen Menschen ihre eigene Energie, in 25 Jahren werden es hunderte Millionen sein.
Sie haben vorhin die skandinavischen Länder als positive Beispiele erwähnt. In Europa gibt es aber auch Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien, wo die Situation immer schlimmer wird.
Spanien hatte einen Plan, der die dritte industrielle Revolution als Basis hatte. Er ist an der Immobilienblase gescheitert. Griechenland ist ein Ausreißer. Ich habe Papandreou beraten (ehemaliger griechischer Ministerpräsident, Anm.). Sein Problem war, dass er bei seinem Amtsantritt ein absolutes Chaos geerbt hat. Die Menschen zahlten keine Steuern, es gab viel zu viele Beamte. Trotzdem: Alle diese Länder sind vom Öl abhängig, das ist es, was die Zivilisation am Laufen hält. Alles hat mit Energie zu tun. Für die ganze EU und auch für Osteuropa gilt das Gleiche: Wenn man sich an einem alten, industriellen Modell orientiert, kann man nicht wachsen. Die Mission für die EU ist, das Flaggschiff für dieses Paradigma zu sein.
Jeremy Rifkin (67) ist ein US-amerikanischer Ökonom und Gründer sowie Leiter der „Foundation on Economic Trends“ in Washington. Er berät zahlreiche Regierungen und die EU-Kommission, seine Bücher sind regelmäßig Bestseller. Wie zum Beispiel „Der europäische Traum“, in dem er Europa 2004 als „Vorbild für die Welt“ beschrieb. 1995 verhieß er „Das Ende der Arbeit“, in seinem jüngsten Buch erklärt er „Die dritte industrielle Revolution“. Das „Time Magazine“ kürte ihn 1989 zum „meistgehassten Mann der Wissenschaft“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2012)
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