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Der einsame Kampf der Bundesbank

07.09.2012 | 18:45 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Was sich kurzfristig gut anfühlt kann langfristig fatale Folgen haben: Die Haftungsunion ist Realität und wenn die deutsche Wirtschaft erst mal anspringt, kommt auch die Inflation dazu. Bis die Blase irgendwann platzt.

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Wien. Eigentlich sollte die Sache klar sein: Die Europäische Zentralbank EZB hat sich um die Preisstabilität zu kümmern. Darum, dass die Teuerung „knapp unter zwei Prozent“ bleibt – so lautet die Zielvorgabe für die EZB. Von Staatsanleihen hat die EZB eigentlich die Finger zu lassen – egal ob auf dem Primärmarkt, dem Sekundärmarkt oder sonst wo. Wenn eine Zentralbank Anleihen mit frisch gedrucktem Geld kauft, betreibt sie Staatsfinanzierung durch die Notenpresse. Und das darf die EZB eigentlich nicht. Mit Betonung auf eigentlich.

 

Horror Hyperinflation

Denn auch wenn die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi, in Zukunft notfalls „unbegrenzt“ Staatsanleihen von Problemländern kaufen zu wollen, an den Börsen mit Erleichterung aufgenommen wurde und den Euro kurzfristig sogar stärkte: Diese Strategie bringt unheimliche Gefahren mit sich – vor allem langfristig. Und Jens Weidmann, der Chef der Deutschen Bundesbank, weiß das nur zu genau. Nie waren die geldpolitischen Gräben in Europa tiefer als in diesen Tagen. Die Bundesbank sah sich sogar genötigt, noch am Tag des EZB-Entscheids ihre Ablehnung desselben zu Protokoll zu geben.

Eine einmalige Aktion in der Geschichte des Eurosystems – die Mario Draghi offenbar selbst provozierte, als er flapsig meinte, die Journalisten dürften darüber spekulieren, wer die einzige Gegenstimme im EZB-Rat war. Es war natürlich Bundesbankchef Jens Weidmann. Und Donnerstagabend ließ der einen Sprecher konkretisieren: Die Vorgehensweise der EZB sei zu nah an einer Staatsfinanzierung durch die Notenpresse. Die Geldpolitik laufe damit Gefahr, in das Schlepptau der Fiskalpolitik zu geraten. Weidmann steht nur im Direktorium der EZB allein da – in Deutschland wird er aber von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt, wie Umfragen zeigen. Denn die Deutschen eint ein Trauma aus der Zwischenkriegszeit: Die Hyperinflation in der Weimarer Republik hat ihnen gezeigt, was passieren kann, wenn die Zentralbank Staatsfinanzierung durch die Notenpresse betreibt – zuerst nur notfalls, dann begrenzt und schließlich hemmungslos.

Aber so weit muss es gar nicht kommen. Selbst wenn Draghis Plan, die Märkte durch Gelddrucken zu beruhigen, kurzfristig aufgeht – langfristig könnte er verheerende Folgen haben. Statt einer stabilen Währungsunion, wie sie versprochen wurde, steuern wir auf eine „italienische Währungsunion“ zu – befürchtet Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. „Wir bekommen erst eine Haftungsunion als Antwort der Politik auf die Krise. Das bannt das Risiko eines Auseinanderfallens der Währungsunion, verändert aber ihren Charakter: Sie wird zu einer italienischen Währungsunion, die sich auszeichnet durch eine lockere Geldpolitik“, erklärt Krämer im Gespräch mit der „Presse“.

Das Ergebnis: Eine lockere EZB-Politik führt zu hoher Inflation. Der Reformdruck sinkt auf null, weil der weiche Euro den Wettbewerbsdruck von den Peripherieländern nimmt. Und damit nicht genug: „Wir kommen jetzt in eine Situation, in der sich diese italienische Währungsunion auch für Deutschland, Österreich und die Benelux-Länder gut anfühlt“, so Krämer: „Wenn die Gefahr des Auseinanderbrechens der Eurozone durch die Haftungsunion erstmal gebannt ist, werden die niedrigen Zinsen einen Boom in Kerneuropa anfachen, die Lohnstückkosten in Deutschland und Österreich werden steigen und alle werden sagen: Geht doch! Bis auch die deutsche Wirtschaft überhitzt und die Blase platzt.“

 

Österreich stimmt mit dem Süden

Die Argumentation der EZB, dass Anleihenkäufe an Bedingungen geknüpft werden, lässt Krämer nicht gelten. Der EZB würde es reichen, wenn Länder sich Kreditlinien vom Rettungsschirm EFSF legen ließen. Und diese seien lediglich an „lasche“ Auflagen gebunden. „Das Wort ,strikt‘ kommt in unseren Publikationen im Zusammenhang mit Auflagen nicht mehr vor“, so Krämer.

An ein Umdenken in der EZB glaubt er nicht mehr. Selbst der Rest des „Hartwährungsklubs“ in Europa stimmte am Donnerstag gegen Weidmann. So auch OeNB-Chef Ewald Nowotny. Dabei hatte der noch vor einer Woche betont, zwischen National- und Bundesbank herrsche „völlige Übereinstimmung“. Am Freitag hieß es aus der OeNB dazu nur: „Kein Kommentar.“

Auf einen Blick

Die EZB will in Zukunft „unbegrenzt“ Staatsanleihen von Problemländern kaufen. Die Bundesbank stellt sich in einem inzwischen offenen Konflikt dagegen und warnt vor der „Staatsfinanzierung durch die Notenpresse“. Und selbst wenn der EZB-Plan kurzfristig funktioniert: Es droht die Gefahr einer „italienischen Währungsunion“ mit hoher Inflation und einem weichen Euro, warnt der Chefökonom der Commerzbank.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)

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14 Kommentare

Wo ist das Problem?

So viel kann nicht falsch sein, wenn die grösste Sorge ist, dass der nun kommende Wirtschaftsaufschwung eine Blase erzeugt und diese vielleicht dann platzt. Dann würde ich sagen, freuen wir uns doch über Herrn Draghi und den kommenden Wirtschaftsaufschwung. Besser könnte es doch micht laufen!

Wenn alle mehr verdienen, dann spielt etwas mehr Inflation keine grosse Rolle, Schulden werden weniger und Geldvermögen werden mit der Blase ja auch grösser. Wo ist das Problem?

Gast: Auf einem Giraffenhals beginnt sogar der Floh an seine Unsterblichkeit zu glauben!
08.09.2012 21:00
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Ein Tipp.....

...fängt schön langsam an, Most Wanted-Plakate der schon bekannten Politverbrecher zu drucken!

Gast: gehtdoch
08.09.2012 19:50
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Alles in Ordnung

Wenn man in anderen (südlichen) EU-Ländern in die Zeitungen schaut, so beschweren sich diese wiederum über die unerbittliche Haltung Deutschlands, und dass "wir" durch diese ins Verderben gestürzt werden. Deutschland ist in der EU ein Schwergewicht und wer glaubt, dass man dieses durch eine EZB-Abstimmung so leicht umgehen kann, der irrt. Beweis dafür: Die südlichen Länder führen seit ein paar Jahren schmerzhafte Reformen durch, die sich über Jahrzehnte aufgestaut haben. Dass das den Deutschen (und Österreichern) immer zu wenig und den Südländern immer zu viel sein wird, ist wohl kaum überraschend. Solange es so bleibt, ist die Welt in Ordnung - und sobald sich die wirtschaftliche Situation verbessert, wird auch die Durchsetzungskraft der Hartwährungsländer im EZB-Direktorium wieder zunehmen.
Sorgen würde ich mir vor allem dann machen, wenn das Wehklagen in einer der Zonen verstummen würde - das wäre dann nämlich tatsächlich ein Zeichen für ein Ungleichgewicht.

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Verrat

Die Tatsache, dass Nowotny hier für Draghis Plan gestimmt hat kann man nur als Verrat an Österreich sehen.
Vorteile sind nicht zu sehen, die zu erwartenden Nachteile aber verherend.

Es ist schon erschreckend zu sehen wie hier Politiker Entscheidungen mit enormer Tragweite und Risiko treffen, die von der Bevölkerung ganz und gar nicht mitgetragen wird einfach weil keine Vorteile erkennbar sind.
Dass hier seitens der Politik nicht einmal der Versuch unternommen wird die Bevölkerung mit (einseitiger, manipulierter) Information zu überzeugen kann man nur als Bankrotterklärung interpretieren. Ganz offensichtlich hat unsere Regierung andere Auftraggebern und arbeitet nicht im Sinne der österr. Bevölkerung.

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Sand in die Augen streuen

Farce 1.+2.
1.Der Anleihenkauf sei an das Wohlverhalten und an den Reformwillen derjenigen Länder geknüpft, die derzeit zu hohe Zinsen zahlen.
Wer will sich mit diesen Ländern anlegen und den Reformwillen als unzureichend einstufen? Italien setzt derzeit sicher schmerzhafte Schnitte da und dort, die vielen Italienern weh tun. Leider wird es nicht ohne diese Schritte gehen. Mit dem Abkauf von Anleihen wird der Eifer der Regierung aber erlahmen (müssen)
2.Der Anleihenkauf erfolge nur am Sekundärmarkt. Direkt von Staaten zu kaufen, sei der EZB verboten.
Nichts leichter für Staaten, ein paar Banken zu finden, die ihre Anleihen kaufen - gewöhnlich gut infomierte Kreise aus diesen Staaten werden Rückkaufs-Konditionen und -Zeitpunkt ebendiesen Banken mitteilen. So entsteht eine win-win Situation für die betroffenen Staaten und die Banken, die deren Anleihen primär kaufen. Die loose-Situation entsteht für andere.

Was kann man den von einem EZB Chef ...

... der aus einem traditionellem Schuldenland kommt anders erwarten? Seit ich denken kann ist Italien höchst verschuldet. Draghi kennt also nichts anderes. Nur ist es halt diesmal so, dass (für Italien & Co) erfreulicherweise alle die Zeche zahlen.

Der wirkliche Skandal hier ist aber eigentlich das die SPÖ mit Hr. Nowotny dies mitträgt!! Wie ich schon immer sage - helfen kann uns in diesem Fall nur Deutschland! Auf unsere Regierung brauchen wir hier nicht bauen .. da sind wir verraten und verkauft!

Gast: homo oeconomicus der Jüngere
08.09.2012 11:13
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Das Prinzip "One country, one vote"...

.... im EZB-Rat ist eines der Grundübel der EZB. Es kann doch nicht sein, dass die Stimme eines wirtschaftlichen Zwerges wie Zypern genauso viel gilt, wie die Stimme der Konjunkturlokomotive Deutschland! Es ist höchste Zeit eine Stimmgewichtung vorzunehemen, sonst werden uns die Olivenländer mit ins Verderben reissen. Zu Nowotny möchte ich lieber nichts schreiben....

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Verräter

Nowotny, ich hoffe das Österreichische Volk erinnert sich an diese Typen ...

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Re: Verräter

Verräter ? Überraschung ist es keine, er ist und bleibt ein in der Wolle Gefärbter.
Inflation bedeutet schleichende Enteignung derjenigen, die Geldvermögen besitzen; an andere Vermögens-Arten wird der Staat/ die Partei schon noch rankommen. Inflation bedeutet ferner eine Erschwernis, privat sich etwas auf die Seite zu legen- eine ideologisch von vielen durchaus erwünschte Verhinderung von Kapital-Akkumulation. Und ein gewisses Maß an Unabhängigkeit vom Staat ist übrigens jedem echten Politiker, egal ob gefärbte oder ungefärbte Wolle, ein Dorn im Auge.
Nowotnys Weichwährungsvotum überrascht nicht.

Die Antwort Deutschland auf diesen eindeutigen Vertragsbruch wird nicht lange auf sich warten lassen.

Wer zahlt schafft an und es kann und darf nicht sein, dass die maroden Staaten den Hauptzahler Deutschland gegen dessen ausdrücklichen Willen verpflichten kann. Dabei handelt es sich um einen Vertrag zulasten Dritter.

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/484683_Bedrohliche-Unwetterfront-ueber-Oesterreichs-Finanzen-gesichtet.html

Antworten Gast: aktenzeichen xyz
08.09.2012 12:19
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Re: Die Antwort Deutschland auf diesen eindeutigen Vertragsbruch wird nicht lange auf sich warten lassen.

1.) wer zahlt schafft an ist ein kompletter mist, weil sie damit eine demokratie ausser kraft setzen. wollen sie warren buffet und co als weltbundeskanzler etc. wer zahlt schafft an ist purer kapitalismus. dann müssten sie auch fuer sklaverei sein.

2.) vertragsbruch? wer hat als einer der ersten eu verträge gebrochen? genau, die tollen deutschen (kein defizitverfahren soweit ich mich erinnern kann).

bin auch kein fan einer inflationspolitik, aber irgendwas muss man schon bald machen und wenn sich nicht mal die hartwährungsländer einig sind, dann ist klar dass sich andere durchsetzen.

es wird sich bald mal im klaren sein müssen, was man eigentlich will. ich persönlich mag die nord-süd euro idee, aber was sie kostet kann ich nicht sagen.....

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nowotny

ein charakterloser und fachlicher totalversager ersten ranges. bei jeder seiner analysen ist genau das gegenteil eingetreten als das was diese flasche gesagt hat.

Re: nowotny

.. aber ein braver Parteisoldat und Genosse!

Antworten Gast: Walter the Great
08.09.2012 11:19
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"Bei jeder seiner Analysen ..."

Darum nennt man ihn auch den "Kontraindikator".

Hobbyökonom